2020 US Open – Day 9

US Open-Siegerin Naomi Osaka: Mehr als eine Sportlerin

Auf dem Court ist US-Open-Siegerin Naomi Osaka längst eine der ganz Großen. Doch die 22-Jährige mit der starken Stimme gegen Rassismus ist weit mehr als eine Tennisspielerin – sie könnte die prägende Figur des Sports weltweit werden.

New York (SID/red) Verloren stand Naomi Osaka im Lamettaregen und umklammerte schüchtern ihren Silberpokal. Keine Fans, die ihren Sieg bei den US Open bejubelten, kein Blitzlichtgewitter im fast menschenleeren Arthur-Ashe-Stadion – doch das war ohnehin völlig egal. Viel wichtiger, viel kraftvoller war die Botschaft, die die Japanerin nach ihrem Triumph um die Welt schickte. Und die rührte sogar Boris Becker fast zu Tränen.

Sieben schwarze Masken hatte Osaka nach New York mitgebracht, für jedes Match bis zum Finale eine. Und sieben unterschiedliche Namen standen darauf, von Breonna Taylor über George Floyd hin zu Tamir Rice. Sie alle hatten aufgrund von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA ihr Leben verloren. Und doch fragte der weiße Moderator Osaka im Interview vor der Pokalübergabe, welche Botschaft sie vermitteln wolle. Ihre schlagfertige und so treffende Antwort: „Nun, welche Message ist denn bei Ihnen angekommen?“

Damit verschlug Osaka sogar der deutschen Tennis-Ikone Becker kurz die Sprache. „Wow“, stammelte der Eurosport-Experte, „das war für mich der Satz des Turniers.“ Und der dreimalige Wimbledonsieger wurde richtig emotional, als er anfügte: „Sie gewinnt die US Open, hat die Gedanken woanders, und sie spricht dieses wichtigste Thema der heutigen Generation so an. Unglaublich.“

Osaka war die beste Spielerin in New York

Die sportliche Geschichte dieses Endspiels ist schnell erzählt. Osaka, die beste Spielerin des Turniers, bezwang die Weißrussin Viktoria Azarenka nach einem verpennten ersten Durchgang mit 1:6, 6:3, 6:3 und holte ihren dritten Grand-Slam-Titel. Doch sie ist mit ihren 22 Jahren schon so viel mehr als eine Sportlerin.

Schon im Mai nahm Osaka mit ihrem Freund, dem Rapper Cordae, in Minneapolis an einer Demonstration in Folge des gewaltsamen Todes des Afroamerikaners George Floyd teil. Osaka informierte sich und sie protestierte, ohne dabei besonders aufzufallen. Ihr Freund Cordae wurde unterdessen bei einer Demonstration im Juli nach dem Tod der Afroamerikanerin Breonna Taylor verhaftet. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am Samstag über Osaka: „Die lauten Töne sind ihre Sache nicht, was in einer Welt, in der viele plärren, mehr Aufmerksamkeit erregt als der nächste Schreihals.“

Nachdem im August sieben Schüsse eines Polizisten den Schwarzen Jacob Blake in den Rücken getroffen hatten, boykottierte sie aus Protest ihr Halbfinalmatch beim Vorbereitungsturnier in New York. Aber genug war das noch lange nicht.

„Es ist ziemlich traurig, dass sieben Masken nicht genug sind für die Anzahl der Namen“, sagte Osaka, die selbst schon leidvolle Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung sammeln musste. So verstieß der Großvater ihre Mutter, eine Japanerin, da diese einen Haitianer geheiratet hatte. Als Naomi drei Jahre alt war, zog die Familie deshalb in die USA.

Osaka nutzt ihre Reichweite für politische Botschaften

Mittlerweile ist ihre Bühne die Welt. Und da ist Osaka auf bestem Weg, der nächste globale Superstar zu werden. Schon jetzt ist sie die bestbezahlte Sportlerin des Planeten – was auch ihrem Engagement abseits des Courts und ihrem schrägen Humor zuzuschreiben ist.

Ihre enormen Social Media-Reichweiten nutzt sie aber bewusst für politische Botschaften. Von jedem US Open-Auftritt mit neuer Maske postete sich ein Bild in ihrem Instagram-Kanal. Die Fotos gingen um die Welt. Millionen Menschen hat Osaka mit ihrer Botschaft erreicht. Genau das ist es, was sie wollte. „Es gibt doch viel Wichtigeres als mir beim Tennisspielen zuzusehen“, hatte sie noch beim Vorbereitungsturnier von New York gesagt. Nach dem Viertelfinale gegen Shelby Rogers wurde Osaka von Angehörigen der Opfer überrascht, die ihr dankten. Osaka sagte nichts dazu, sie weinte nur.

Nach ihrem Triumph von New York legte sie sich in aller Seelenruhe auf den Platz und blickte in den Himmel. „Alle brechen immer sofort nach dem Matchball zusammen, aber ich dachte mir: Du könntest dich dabei ja verletzen“, scherzte sie. Aber sie wollte „schon immer sehen, was die großen Spieler gesehen haben, als sie auf dem Boden lagen“.

Woran sie in diesem Moment dachte, verriet Osaka nicht – vielleicht ja an ihren Mentor Kobe Bryant, wie nach allen Siegen in New York zog sie auch nach dem Titelgewinn das Trikot der verstorbenen Basketball-Legende an. „Er glaubte, dass ich Großes erreichen kann, hoffentlich werde ich das irgendwann schaffen“, erzählte Osaka: „Ich hoffe, dass ich ihn stolz machen kann.“

Das dürfte ihr schon jetzt gelungen sein.