TENNIS: WIMBLEDON 5.7.96

Steffi Graf – Prinzessin auf dem Rasen

Bei keinem anderen Grand Slam-Turnier war die deutsche Tennisikone Steffi Graf so erfolgreich wie in Wimbledon.

Am 2. Juli 1988 soll sich in Wimbledon ein Generationenwechsel im Damentennis vollziehen: Martina Navratilova, 32, achtmalige Titelträgerin an der Church Road und lebende Tennis-Legende, trifft im Finale auf Steffi Graf, 13 Jahre jünger, laut Expertenmeinung schon jetzt die Erbin Navratilovas und zukünftige Herrscherin auf der Damentour. Doch zunächst bleibt die Revolution aus: Navratilova, die große alte Dame, führt 7:5, 2:0. Die Linkshänderin zieht ihr gefürchtetes Serve-And-Volley-Spiel mit klugen Aufschlagen und präzisen Flugbällen auf. Erinnerungen an das letztjährige Endspiel werden wach: Damals gewann Navratilova gegen die Deutsche 7:5, 6:3.

„Das ist der schönste Moment in meinem Leben“

FRÄULEIN VORHAND: Graf 1988 in Wimbledon bei ihrem ersten Titelgewinn. (Foto: Getty Images)

Aber dann dreht sich das Match. „Ich erinnere mich an die Euphorie, die ich empfand, als ich nach dem verlorenen ersten Satz besser und besser spielte“, erinnerte sich Steffi Graf in einem Interview 2008 an jenes Match, das ihr Leben verändern sollte. Graf kann plötzlich den Service ihrer Gegnerin besser lesen, weil sie ihre Position beim Return häufiger variiert. Sie stellt Navratilova mit tiefen Returns vor die Füße vor immer schwierigere Aufgaben. Am Ende holt Navratilova noch ein Spiel; Graf gewinnt 5:7, 6:2, 6:1. Sie ist die erste deutsche Wimbledonsiegerin seit Cilly Aussem 1931. Aber beide Triumphe sind – natürlich – nicht miteinander zu vergleichen. Für Graf ist dieser Titel der finale Startschuss einer Weltkarriere sondergleichen. Sicher, es ist bereits ihr vierter Major-Titel (nach Paris  1987, 1988 und Melbourne 1988), aber „dieses Wimbledon – da sind die anderen Grand Slam-Turniere nurmehr zweitklassig“, urteilt das tennis MAGAZIN in einem 27-seitigen Report aus London. „Ich habe nicht geglaubt, mich so freuen zu können. Das ist der schönste Moment in meinem Leben“, sagt Graf.

Der erste Wimbledon-Sieg von Graf versetzt Deutschland – drei Jahre nach dem Urknall Boris Beckers am selben Ort – endgültig in einen Tennisrausch. Das „Aktuelle Sportstudio“ sendet an diesem 2. Juli 1988, einem Samstag, live aus Wimbledon. Die Heimatstadt Brühl nennt sich vier Tage lang „Grafschaft Brühl“. Graf selbst feiert mit Bruder Michael und dessen Freundin in der Londoner Discothek „Hippodrome“ mehr oder weniger unerkannt von der Masse – obwohl sie gerade das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewonnen hat. Am nächsten Tag gewinnt sie an der Seite von Gabriela Sabatini auch noch das Damendoppel von Wimbledon. Was folgt, ist bis heute unerreicht: Graf siegt 1988 auch noch bei den US Open und bei den Olympischen Spielen – der „Golden Slam“ ist geboren.

SIEBTER TITEL: 1996 triumphiert Graf zum letzten Mal in Wimbledon. (Foto: Getty Images)

Acht Jahre später, 1996: Graf, inzwischen 27 Jahre alt, steht wieder im Finale von Wimbledon. Tennis-Deutschland hatte sich längst daran gewöhnt, Graf war zur Dauersiegerin auf dem Court geworden. Sechs Wimbledon-Trophäen (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995) hatte sie im Lauf ihrer Karriere bereits geholt, die nächste war nur eine Frage der Zeit. 1996 aber ist nicht gerade ihr bestes Jahr. Sie hat Schmerzen am linken Knie und Stress mit Vater und Manager – die große Steuergeschichte kommt langsam in Fahrt. Dennoch eilt Graf durch das Tableau, bis zum Halbfinale wird sie kaum gefordert. Dann ein Abbruchmatch wegen Dunkelheit gegen Kimiko Date (die heute Date-Krumm heißt und immer noch spielt!), das Graf am Folgetag im dritten Satz gewinnt. Und schließlich das Endspiel gegen Dauerrivalin Arantxa Sanchez-Vicario, eine Neuauflage der Finalpartie von 1995, die Graf mit 7:5 im dritten Durchgang für sich entschied. Die 1996er-Auflage ist nicht mal halb so spannend. Graf führt 6:3, 4:0, marschiert wie auf Schienen. Plötzlich ein Riesen-Aufreger: Graf setzt zu seinem leichten Smash am Netz an – und schlägt neben den Ball. Ein unerhörter Fehler der „Gräfin“! Sanchez-Vicario kommt zurück ins Match. Graf wackelt, rettet sich aber ins Ziel: 6:3, 7:5-Sieg, ihr siebter Titel in Wimbledon. „Siebenmal Wimbledon zu gewinnen, ist etwas, von dem ich mir niemals vorgestellt habe, ich wäre dazu in der Lage“, wird sie später zu Protokoll geben. „Es ist schwer, den einen oder anderen Sieg hervorzuheben, ich kann das nicht. Dieser siebte Sieg war sicher nicht der Größte, aber der unerwartetste.“

„Wimbledon ist das Turnier, das ich am meisten liebte“

WIMBLEDON, UNITED KINGDOM - JULY 05: WIMBLEDON 1999, FINALE FRAUEN, SIEGEREHRUNG; Steffi GRAF/GER (Photo by Mark Sandten/Bongarts/Getty Images)

NUR ZWEITE: 1999, bei ihrem letzten Auftritt in Wimbledon, verliert Graf im Endspiel gegen Lindsay Davenport. (Foto: Getty Images)

1999, im Jahr ihres Rücktritts, erreicht sie noch einmal das Wimbledon-Finale. Sie verliert es gegen Lindsay Davenport. Dennoch ist Wimbledon ihr bestes Grand Slam-Turnier: Bei keinem Major holt sie häufiger den Titel. Am Ende kommt sie auf eine Bilanz von 75 Siegen und nur acht Niederlagen bei insgesamt 15 Teilnahmen. Unvergessen neben ihren zahlreichen Glücksmomenten an der Church Road ist ihre überraschendste Pleite: 1994 scheitert Graf an Lori McNeil in Runde eins mit 5:7, 6:7.

Auch wenn die britische Presse Graf schon 1988 zur „Queen of Wimbledon“ adelte: zur Rasenkönigin reichte es nicht ganz. Martina Navratilova, die 1990 noch den neunten Titel in Wimbledon nachlegte, bleibt in der Hinsicht wohl unerreicht. Aber Graf wurde die „Rasenprinzessin“, mindestens. In einem Interview bekannte sie einmal: „Wimbledon ist das Mekka des Tennis, das absolut Höchste der Gefühle für mich. Als Elfjährige habe ich Wimbledon zum ersten Mal besucht. Noch heute erinnere ich mich genau an die besondere Atmosphäre, als ich zum ersten Mal den Heiligen Rasen auf dem Center Court gesehen habe. Rasen ist der Belag, den ich immer am meisten mochte. Und Wimbledon ist das Turnier, das ich am meisten liebte.“

Tim Böseler

STEFFI GRAF IN WIMBLEDON

Teilnahmen: 15

Titel: 7 (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996)

Matchbilanz: 75:8