The Championships – Wimbledon 2012: Day Three

Florian Mayer: Die Rückkehr des Grashüpfers

Acht Jahre ist es her, dass Florian Mayer in Wimbledon wie aus dem Nichts ins Viertelfinale vordrang. Grashüpfer, taufte ihn der Boulevard damals, weil er mit seiner eingesprungenen beidhändigen Rückhand reihenweise erfahrene Profis aus dem Tableau kegelte. Die Times aus London dichtete damals: Er verfügt zwar nicht über die mitleidlose Effektivität von Boris Becker, aber wenigstens spielt er nicht, als wäre er in Weltschmerz mariniert. Mayer wurde eine große Zukunft prognostiziert, die Profitour erkor ihn zum Aufsteiger des Jahres. Die Erwartungen erfüllte er im Anschluss nur zum Teil. Er etablierte sich zwar in den Top 50, aber der große Durchbruch blieb aus. Dann schlichen sich Lustlosigkeit und Motivationsprobleme ein. Mayer konnte „Tennis nicht mehr sehen“, machte eine Pause, kam zurück, holte 2011 seinen ersten ATP-Titel (in Bukarest) und spielte sich in die Top 20. Aber: Bei den Grand Slam-Turnieren enttäuschte er. Über die dritte Runde eines Majors kam er nicht hinaus. Beim Wimbledon-Turnier 2012, acht Jahre nach seinem größten Erfolg, gab es nun eine erstklassige Möglichkeit für Mayer, diese Negativserie zu beenden.



Kein einfaches Los

Denn: Natürlich war Mayers Drittrunden-Gegner, der Pole Jerzy Janowicz, Nummer 136 der Weltrangliste, ein ziemlich einfaches Los zumindest laut Papierform. Und natürlich wusste auch Florian Mayer, dass man auf solche Gegner in der Runde der letzten 32 bei einem Major höchst selten trifft. Aber wer Florian Mayer schon öfter in Pressegesprächen erlebt hat, wunderte sich nicht, als er seinen polnischen Kontrahenten als gefährlich, aufschlagstark und unberechenbar einstufte. Von einem leichten Los wollte er nichts hören. Das hat einen einfachen Grund: Florian Mayer hatte in der Vergangenheit schon öfter eine ähnliche Ausgangsposition vor einem Grand Slam-Match und scheiterte dann kläglich.

Zuletzt war das bei den French Open 2012 zu beobachten gewesen. In der zweiten Runde trat er gegen Eduardo Schwank an, damals die Nummer 192 im Ranking. Mayer verlor und brachte sich um ein Centre Court-Match gegen Rafael Nadal. Sein Trainer, Tobias Summerer, sagte nach der Partie in Paris: Flo hat ein unverlierbares Match verloren. Es ist eine Aussage, die zu einigen unnötigen Pleiten in Mayers Karriere passt.Jetzt also Jerzy Janowicz. Mayer gewann den ersten Satz im Tiebreak, ein guter Start. Aber dann brachte er den Polen zurück ins Spiel, als er zu Beginn der zweiten Satzes leichtfertig sein Aufschlagspiel abgab. Das passiert mir immer wieder und ich weiß einfach nicht, warum, lamentierte er später. Janowicz, der sich übrigens tatsächlich als aufschlaggewaltige Wundertüte entpuppte, spielte sich in einen Lauf, glich nach Sätzen aus und lag auch im dritten Durchgang mit einem Break vorne. Von der Tribüne riefen ihm Trainer Summerer und seine Freundin Carmen Klaschka ein Kämpfen, Flo! zu. Aber Mayer antwortete nur: Ich kann auf diesem Court nicht fighten. Die Hoffnungen, dass er diese große Chance noch nutzen würde, tendierten zu diesem Zeitpunkt gegen null.

Hechtsprünge wie Boris Becker

Woran es dann schließlich lag, dass Mayer die Begegnung noch drehte, zwei Matchbälle abwehrte und am Ende 7:6, 2:6, 3:6, 6:3, 7:5 gewann, war dem 28-Jährigen auch nicht ganz klar. Ich wollte einfach nicht wieder so eine Gelegenheit liegen lassen, lautete sein Erklärungsversuch. Man könnte auch sagen: Er stemmte sich mit allem, was er hatte, gegen die drohende Niederlage. Mayer, gewiss kein Selbstdarsteller oder Show-Man, ließ nichts unversucht, um diesen Polen zu bezwingen. Er legte Hechtsprünge am Netz ein wie Boris Becker zu seinen besten Zeiten, er rappelte sich nach Ausrutschern auf dem Rasen wieder auf und passierte den Polen einmal sogar halb im Sitzen, er sprintete kaum erreichbaren Bällen hinterher, ballte Fäuste und behielt in den wichtigen Momenten seine Ruhe. Etwa als er den ersten Matchball des Polen abwehrte. Nach einer langen Grundlinie-Rallye attackierte Mayer, streckte sich zu einem halbhohen Volley und versenkte ihn sicher.

Ist das jetzt ein neuer Florian Mayer? Einer, der solche Chancen nun nutzt? Mayer schmunzelt. Er denkt nicht in solchen Kategorien. Er sagt nur: Ich habe zuletzt viel an mir gezweifelt, aber dieser Sieg jetzt fühlt sich einfach unheimlich gut an. Der Grashüpfer ist wieder da. Und er kann im Achtelfinale am Montag gegen Richard Gasquet befreit drauf loshüpfen. Denn dieses Mal wird von Mayer nicht unbedingt ein Sieg erwartet.

Tim Böseler, Wimbledon

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