Germany v Argentina: Davis Cup World Group First Round – Day 2

Vor der Relegation: Zerreißprobe im deutschen Davis Cup-Team

Von Tim Böseler



Am Sonntag vor dem Start der US Open sollte ein Krisengipfel das deutsche Herrentennis neu formieren. In einem schicken Hotel in Manhattan trafen Davis Cup-Teamchef Patrik Kühnen, der Vize-Präsident des Deutschen Tennis Bundes Charly Steeb und die beiden Spieler Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer zusammen, um all die Querelen der letzten Monate aufzuarbeiten und einen neuen Teamgeist zu entfachen. Am 14. bis 16. September 2012 steht die Relegation gegen Australien an, der Verlierer steigt in die Zweitklassigkeit ab.

Für dieses Schlüsselspiel kann sich das deutsche Team einen Auftritt wie bei der 1:4-Niederlage in Bamberg gegen Argentinien im Februar nicht wieder leisten. Damals zeichnete sich die Mannschaft durch einen handfesten Streit aus: Tommy Haas kritisierte das Fehlen von Philipp Kohlschreiber, der wegen einer Magen-Darm-Grippe abgesagt hatte ein Verstoß gegen den Ehrenkodex. Kranke oder verletzte Kollegen werden nicht in der Öffentlichkeit getadelt. Haas hatte genau das getan. Seitdem herrscht zwischen ihm und Kohlschreiber Funkstille.

Kohlschreiber in New York: „Wir sind kein Team!“

Das Gespräch in Manhattan brachte zunächst den gewünschten Effekt. Kühnen hatte das Gefühl, „nun seien die Voraussetzungen geschaffen worden, um als geschlossenes Team aufzutreten“, wie er bei einer Pressekonferenz am heutigen Dienstag zur Nominierung der deutschen Mannschaft in Hamburg bekannt gab. Drei Tage nach dem klärenden Gespräch jedoch, nach seinem Sieg über Michael Llodra in der ersten Runde der US Open, äußerte sich Kohlschreiber gegenüber deutschen Journalisten zum Thema Davis Cup-Mannschaft: „Wir sind kein Team, das durch Freundschaft glänzt. Wir sind unterschiedliche Charaktere, die sich wie Magnetpole voneinander weg bewegen.“

Diese Sätze passten dem Teamchef überhaupt nicht. „Philipp hatte damit unser Gespräch vom Sonntag konterkariert“, echauffierte er sich heute. Am vergangenen Wochenende nun suchte Kühnen erneut das Gespräch mit Kohlschreiber, „an seinem spielfreien Tag“, wie er mehrfach betonte. Aber Kohlschreiber ließ seinen Kapitän abblitzen. Er wolle sich auf die US Open konzentrieren. Und bei weiteren Fragen solle sich Kühnen doch an seinen Manager wenden. „Da war für mich ein Punkt erreicht, der einfach nicht mehr geht“, erklärte Kühnen nun in Hamburg. Folge: Er verzichtet gegen Australien auf Philipp Kohlschreiber. Da Tommy Haas aus persönlichen Gründen abgesagt hatte, nominierte er Florian Mayer, Cedrik Marcel Stebe, Philipp Petzschner und Benjamin Becker.
Mit Philipp Kohlschreiber ist also nichts im Reinen. Das hatte Kühnen fälschlicherweise angenommen. Es schwillt immer noch ein Disput nach, der auch in Bamberg vorfiel. Angeblich hatte sich der malade Kohlschreiber doch beim Team gemeldet. Damit widerspricht er dem wesentlichen Kritikpunkt von Tommy Haas, der sich mehr Unterstützung von „Kohli“ gewünscht hatte. Kohlschreiber soll eine SMS an Kühnen geschickt haben, an die sich dieser aber nicht mehr erinnern kann. Kohlschreiber vermutet nun, dass dahinter Kalkül steckt. In New York sagte er: „Ich hatte mich beim Team gemeldet. Diese Info wurde aber vorbehalten.“ Von wem genau, das verschwieg der 28-Jährige vorsichtshalber.

Zu der Nicht-Berücksichtigung von Kühnen will sich Kohlschreiber nicht äußern. Auf Anfrage von tennismagazin.de ließ sein Manager Stephan Fehske lediglich verlauten, dass „Philipp vor dem heutigen Match (US Open-Achtelfinale gegen Janko Tiparevic, ab 20 live bei Eurosport – Anm. der Redaktion) keine Unruhe erzeugen will.“ Und weiter: „Er hätte sehr gern gespielt, akzeptiert aber die Entscheidung und wünscht dem Team viel Glück für dieses wichtige Match.“

Der Verlierer dieser Posse steht bereits jetzt schon fest: das deutsche Herrentennis. Nach den unglücklichen Olympia-Absagen von Mayer und Kohlschreiber, die heftige Kritiken – auch von Kühnen – nach sich zogen, droht nun die nächste Zerreißprobe im deutschen Herrenlager. Zwar betonte Kühnen, dass sein nominiertes Team nun den „nötigen Teamgeist und die entsprechende Erfahrung hat, um Australien zu bezwingen“, aber wirklich überzeugend ist seine Aufstellung nicht.

Im Doppel spielt Becker statt Kas

Warum etwa Benjamin Becker (Davis Cup-Bilanz 0:4) aufgestellt wurde und im Doppel an der Seite von Philipp Petzschner eingesetzt werden soll, bleibt rätselhaft. Kühnen erklärte die Entscheidung damit, dass Becker „neulich in Wimbledon gegen ein australisches Doppel angetreten ist.“ Das wirkt als Begründung doch etwas dünn. Becker verdrängt den Doppelspezialisten Christopher Kas, der an der Seite von Philipp Petzschner zuletzt „nicht mehr wirklich überzeugte“ (Kühnen).

Australien übrigens kommt mit Lleyton Hewitt, Bernard Tomic, Mathew Ebden und Chris Guccione nach Hamburg. Die Jungs vom fünften Kontinent wollen nach vier Niederlagen in der Relegation in Serie unbedingt wieder in die World-Group, die erste Liga des Davis Cups, aufsteigen. Ob es im deutschen Team diesen Willen zum unbedingten Sieg gibt, ist derzeit eher fraglich.

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