2015 Australian Open – Day 9

Andy Murray: Im Tennis bringen Damen gleiche Opfer wie Herren

Er wollte nie Fürsprecher für die Gleichstellung von Frauen und Männern sein, doch  im Rahmen der jährlichen Kampagne „100 Women“ der internationalen Nachrichtenplattform BBC schreibt Andy Murray über seine Hoffnungen für einen gerechteren Sport.



In seiner Juniorenzeit spielte Andy Murray gegen Jungen und Mädchen, später mit und gegen einige der besten Tennisspielerinnen der Welt. Vor kurzem machte er Schlagzeilen, weil er sich über die Genderfrage im Sport äußerte, als er einen Journalisten wegen seiner beiläufigen sexistischen Kommentare eines Besseren belehrte. Hier schreibt er, was er sich für die Profispielerinnen im Damentennis wünscht.

Ich hatte nie vor, zum Fürsprecher für die Gleichstellung von Frauen und Männer zu werden. Durch meine Arbeit mit Amelie Mauresmo erhielt ich aber einige Einblicke, wie Frauen im Sport behandelt werden. Weil es für einen männlichen Spieler ungewöhnlich ist, mit einer Trainerin zu arbeiten, werde ich oft danach gefragt.

Andy Murray

HIER GEHT ES LANG: Zwei Jahre (2014-2016) arbeitete Andy Murray mit Amelie Mauresmo als Coach zusammen.

Mit Amelie zu arbeiten, war keine Frage ihres Geschlechts – sie war einfach die richtige Person für diesen Job. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass sie nicht immer genauso wie Männer, die den gleichen Job ausüben, behandelt wurde. Also entschied ich mich darüber zu sprechen. Seitdem werde ich nach der Gleichberechtigung von Frauen gefragt, und ich könnte den Top-Spielerinnen nicht in die Augen schauen, wenn ich nicht sagen würde, was ich denke.

Die meisten unterschätzen, wie viel Mühe und Fleiß es kostet, ganz oben zu stehen. Und das gilt für Männer genauso wie für Frauen. Man verbringt Stunden auf dem Platz, im Fitnessstudio, beim Physiotherapeuten, auf Reisen. Man muss Spielverläufe und Gegner analysieren, sich mit dem Team besprechen, seinen Körper in Form halten – und natürlich jede Menge Opfer bringen. Wer einmal Zeit mit den Top-Spielerinnen verbracht hat, weiß, dass sie die gleichen Opfer bringen und ein Turnier genauso sehr gewinnen wollen wie Männer.

Früh gegen Mädchen gespielt

Als mich die BBC fragte, was ich davon halten würde, wenn Mädchen und Jungen in ihrer Jugend gemeinsam trainieren, war für mich sofort klar: Ich halte das für eine grandiose Idee. Im Tennis profitieren wir vom gemischten Doppel. Männer und Frauen oder Jungen und Mädchen sind mit der Idee längst vertraut. Auf dem Platz haben mir Mixed-Partien oft am meisten Spaß gemacht, ob mit Heather Watson oder Laura Robson beim Hopman Cup in Australien oder bei den Olympischen Spielen. Ich hoffe, dass sie auch das gleiche über mich sagen …

In meiner Jugend, als ich noch in Dunblane lebte, haben mich meine Eltern immer wieder ermutigt, gegen die Mädchen des örtlichen Tennisclubs zu spielen. Als ich in Barcelona trainierte, spielte ich auch oft gegen Svetlana Kuznetsova. Sportarten, bei denen Jungen und Mädchen zusammen spielen, bringen viele Vorteile. Man findet neue Freunde, spart Geld für Schulen und Clubs und es stärkt das Selbstbewusstsein.

Andy Murray

EIN KÜSSCHEN FÜR MAMA: Andy und Judy Murray verstehen sich bestens.

Zu Beginn geht es weniger um Stärke und Schnelligkeit, sondern um ein gutes Ballgefühl, um Hand-Augen-Koordination und darum, seinen Wettbewerbsgeist zu entwickeln. Das sind Dinge, die man Jungen und Mädchen gemeinsam beibringen kann.

Meine Mutter hat sich immer sehr aktiv für Sport interessiert. Für mich war es daher ganz normal, dass sich Mädchen sportlich genauso engagieren wie Jungen. Heute weiß ich, dass das nicht der Fall ist, und dass viele Mädchen im Teenageralter aufhören.

Das Projekt Miss-Hits

Meine Mutter will das ändern. Sie hat ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Mädchen die Grundlagen des Tennis lernen: Miss-Hits. Momentan gibt es nämlich vier Mal so viele männliche als weibliche Spieler. Sie hat schon viel bewirkt, aber es reicht nicht. Allgemein gibt es immer noch zu wenig weibliche Coaches und zu wenig Unterstützung für Top-Spielerinnen.

Zum Glück hat sich die Einstellung in den letzten 20 Jahren schon ein wenig geändert. Aber: Frauensport wird sehr viel weniger im Fernsehen ausgestrahlt als Männersport, und noch immer werden die Spitzenpositionen im Sport nicht ausreichend von Frauen besetzt, doch auch das hat sich schon gebessert.

Andy Murray

ZIEL ERREICHT: Andy Murray mit Mutter Judy nach seinem ersten Wimbledon-Sieg 2013.

Tennis ist auf einem ganz guten Weg. Endlich bekommen männliche und weibliche Grand-Slam- Sieger das gleiche Preisgeld, auch wenn es 35 Jahre gedauert hat. Kein anderer Sport setzt sich bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau so stark ein wie der Tennissport. Es ist großartig Teil des Sports zu sein, der federführend ist. Hoffentlich kann Tennis den Druck auf andere Sportarten langfristig noch erhöhen.

Für britische Profisportlerinnen waren die Olympischen Spiele in London eine großartige Plattform. Vorbilder wie Jess Ennis-Hill (Siebenkämpferin, Anm. d. Red.) oder Nicola Adams (Boxerin, Anm. d. Red.) waren früher ganz normale Mädchen, die Großes erreicht haben. Es wird interessant sein, ob sie mit ihren Erfolgen eine ganze Generation motivieren können.

Tolle Entwicklung im Frauenfußball

Auch in anderen traditionell männlich dominierten Sportarten sehen wir derzeit große Fortschritte: Der International Cricket Council (ICC) setzt sich stark für eine Amateurliga für Mädchen ein und der Sieg der englischen Damen beim Cricket World Cup war für den Sport natürlich beste Publicity. Auch beim Fußball geht es voran. Es ist toll, wie viel Frauenfußball mittlerweile im Fernsehen gezeigt wird. Dies hat auch einen immer größer werdenden Einfluss auf den Online-Wettmarkt.

Es gibt aber auch Rückschläge: Der englische Rugby-Verband hat Verträge der englischen Damenmannschaft für das Fünfzehner-Rugby beendet. Das ist eine herbe Enttäuschung für einen Sport, der in letzter Zeit immer mehr weibliche Spielerinnen gewinnen konnte. Hoffentlich lassen sich die Frauen nicht davon abhalten, weiter Rugby zu spielen.

Andy Murray

SEIT 2015 VERHEIRATET: Andy Murray und Kim Sears.

Traditionell männlich dominierte Sportarten haben sehr viel in die Spielqualität ihrer Topsportlerinnen investiert. Das macht ihre Sportarten attraktiver für die Masse, für die Presse und das Fernsehen. Hier gab es Fortschritte in den letzten Jahren vor allem im Fußball, Hockey, Cricket und Rugby. Die Öffentlichkeit interessiert sich nun vielmehr dafür, was großartig ist. Wenn mehr Mädchen sehen, wie Frauen auf Top-Ebene spielen, wird dies hoffentlich mehr Mädchen für den Sport ganz allgemein begeistern.

Insgesamt sieht die Zukunft also gar nicht so schlecht aus. Es gibt heute mehr weibliche Vorbilder, mehr weibliche Kommentatoren und mehr Verfechter für Frauenrechte im Sport als jemals zuvor. Die Entwicklung ist positiv und ich freue mich auf eine Zukunft, in der für alle die gleichen Spielregeln gelten.

Andy Murray

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  1. Stefan Höfel

    Trotzdem ist nicht gerecht, dass Frauen bei den Grand-Slam-Turnieren das gleiche Preisgeld wie Männer erhalten, weil sie nachweislich eine kürzere „Arbeitszeit“ haben, denn Frauen benötigen 14 bis 21 Sätze für den Titelgewinn, Männer 21 bis 35. Und den „normalen“ Frauen bringt die Überbezahlung der Tennisdamen nun wirklich überhaupt nichts.

  2. Bonhomme Richard

    Na ja, Tennisprofis werden ja nun aber nicht nach Stundensatz oder Anzahl der gespielten Sätze bezahlt. Wenn man nach diesen Kriterien differenziert müsste man um der Gerechtigkeit Willen ein ganz dickes Brett bohren. Denn die Anzahl der Sätze dürfte sich bei den männlichen Spielern im Prinzip ähnlich stark unterscheiden wie bei den Frauen. Es wird Frauen geben, die im Schnitt mehr Sätze spielen als ihre männlichen Kollegen. Und dann müsste man ermitteln, bei wem die gespielten Sätze jeweils wie lange dauern, wo soll das hinführen? Ein auf der Unterscheidung zwischen m und w basierendes Entlohnungssystem würde da nicht weiterhelfen.

    Und außerdem zum Stichwort „Überbezahlung“: ist das Problem bei den Männern nicht das gleiche?

    • Stefan Höfel

      Es gibt in keiner Branche zwei Personen, die genau die gleiche Arbeit machen. Und es gibt auch keine zwei Menschen, die genau gleich gut/geeignet sind. In der freien Wirtschaft muss jeder selbst verhandeln. Das ist auch gut so. Apropos Zwillinge: Die Pliskovas sind auch nicht gleich gut im Tennis. 🙂

      • Bonhomme Richard

        Eben. Und deshalb versagt ein Entlohnungssystem, das allein auf die Kriterien „männlich/weiblich“ und darauf abstellkt, welche dieser beiden Gruppen im Durchschnitt die größere Anzahl von Sätzen spielt. Bezüglich der Grand Slams kann ich deinen Standpunkt aber gut nachvollziehen, da die Männer hier über einen Gewinnsatz mehr gehen müssen als die Ladies. Aber seien wir doch einfach mal Gentlemen und gönnen den Mädels diesen Vorteil. Relativ, also auf die Physis (und auch den psychischen Druck) bezogen leisten sie vermutlich genauso viel wie ihre männlichen Kollegen.

        Im übrigen glaube ich, dass Murray mit seinen Worten einen über die reine Entlohnungsfrage hinausgehenden umfassenderen Ansatz meinte, nämlich die generelle Gleichstellung und Behandlung der Geschlechter im Sport.

        • Stefan Höfel

          Kerber hat ja gerade die bessere Pliskova in Tokio bezwungen. Mit 7:6 und 7:5. Bei den beiden anderen WTA-Turnieren in dieser Woche gingen alle VF nur über zwei Sätze, wobei in Guangzhou sechs der acht Sätze mit 6:1 endeten, darunter immer der erste Satz. In Seoul war keiner der acht Sätze länger/höher als 6:4. Da muss ich an Didi Hallervordens „Palim-Palim“ denken, als er sinngemäß sagte: „Mann ist das langweilig. Wenn ich das vorher gewusst hätte!“ 🙂

  3. Detlef

    Sir Andy hat recht.
    – Die einzige Methode, das Preisgeld „fair“ zu verteilen, wäre eine getrennte Austragung der Grand Slam Turniere mit entsprechend getrennten Budgets. Dann würde man sehen, wie groß der Markt jeweils für die Damen und Herren ist, und man könnte das Preisgeld danach bemessen (man dürfte natürlich nicht quersubventionieren).
    Bei parallel stattfindenen Damen- und Herrenkonkurrenzen ist es ja praktisch unmöglich festzustellen, welcher Anteil des Umsatzes/Gewinns auf die Damen bzw. Herren zurückgeht.


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