Davis Cup World Group First Round – Australia v Germany

Schlaganalyse: Die Vorhand von Nick Kyrgios

Mit seiner Vorhand kann Nick Kyrgios viel Tempo machen – auch wenn der Ball über Schulterhöhe ist. Experte Richard ­Schönborn erklärt die fliegende Vorhand des Australiers.



Schritt 1: Über dem Boden schwebend auf der Rückhandseite

Diesen Schlag des Australiers findet man in keinem Lehrbuch. Position und Ausführung insbesondere bei dieser extremen Vorhand von Nick Kyrgios sind mehr oder weniger einmalig. Grundsätzlich halte ich übrigens jeden Schlag für ein Original, was umso mehr für seltene Bewegungs­abläufe wie diesen hier zutrifft. Wichtig hierbei ist, dass man folgendes weiß: Kyrgios steht nicht etwa im Feld, sondern schwebt praktisch im Doppel­korridor seiner Rückhandseite über dem Boden.

Schritt 2: Fieser Treffpunkt über Schulterhöhe

Kyrgios geht in dieser Position auf einen Winner mit der Vorhand inside-out. Weil der Ball hoch abspringt, muss er ihn über Schulterhöhe spielen – das ist ziemlich unangenehm. Kyrgios verkürzt durch seinen Sprung nach oben zwar den Abstand zum Ball, aber die Schwierigkeit einen schnellen, kontrollierten Ball zu spielen, bleibt. Sein Absprung ist die ­wichtigste Komponente bei diesem Schlag. Er stellt den ersten Kraftimpuls in einer „kinematischen Kette“ dar.

Schritt 3: Das „Lifting“ zum Ball erfolgt selten bewusst

Dabei geht es um die Übertragung von Kraft, die sich am Ende bis auf den zu beschleunigenden Ball überträgt. ­Wichtig dabei: eine hohe Bodenreaktivkraft. Dabei erfolgt eine starke Pressung des Körpers gegen den Boden am Anfang des Schlages sowie ein kräftiger Abstoß von der Erde im Schlag. Man sieht so etwas bei fast allen schnellen Schlägen der Spitzenspieler. Dieses „Lifting“ erfolgt selten bewusst. Es ist eine normale Reaktion auf den zuvor gegen die Erde gerichteten Druck.

Schritt 4: Oberkörperrotation durch die Hüftmuskeln

Im Fall von Nick Kyrgios erfolgt der Sprung bei dieser hohen Vorhand allerdings nicht unbewusst. Zur explosiven Absprungkraft des Australiers kommt eine starke Oberkörperrotation. Sie ist bei allen Schlägen längst normal geworden. Was aber oft vergessen wird: Die Kraft für die schnelle Drehung des Rumpfes kommt hauptsächlich aus der Muskulatur im Hüftbereich. Es sind also vor allem die Beine, die die Arbeit für solche Schläge verrichten. Gerade Amateurspieler vergessen dies oft.

Schritt 5: Erst jetzt wieder Bodenkontakt

Kyrgios landet erst jetzt wieder mit einem Fuß auf dem Boden – die Fotos 1 bis 4 spielen sich komplett in der Luft ab. Es ist gut zu erkennen, wie der Oberkörper als Folge seiner starken Beschleunigung weiter nach links gerissen wird. Kyrgios hat längst ein Vorhandgeschoss in die Rückhandecke des Gegners abgefeuert. Eine Variante, die sehr risikobehaftet ist, weil Kyrgios seine ganze Platzhälfte offen hat. Er muss also mit seinem Winner erfolgreich sein, sonst wird er den Punkt verlieren.

Schritt 6: Fertig werden für die Antwort des Gegners

Kyrgios stoppt seine Bewegung und muss schleunigst fertig werden für eine mögliche Antwort des Gegners. Was von diesem Schlag nun bleibt? Er funktioniert nicht nur, weil Kyrgios einen enorm schnellen Arm hat und seine Schulter kräftig genug ist, um der Belastung in dieser extremen Position standzuhalten. Sie klappt vor allem deshalb, weil er optimal die Sprungkraft seiner Beine nutzt. Kyrgios liebt diese Schläge in der Luft. Dadurch werden diese Schüsse oft unberechenbar für den Gegner.

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