Davis Cup Deutschland

Das deutsche Davis-Cup-Team scheiterte bei den Davis Cup Finals in Bologna im Halbfinale an Spanien. Bild: Imago

Davis Cup: Die Analyse von Michael Kohlmann

Deutschland ist bei den Davis Cup-Finals im Halbfinale gegen Spanien knapp gescheitert. Es war das dritte Halbfinale in den letzten fünf Jahren für das deutsche Team. Der Lohn: Die höchste Platzierung in der Davis Cup-Nationenrangliste. Erstmals steht das DTB-Team auf Platz zwei. Italien führt das Ranking an. Auf Platz drei rangiert Spanien. Für tennismagazin.de hat Davis Cup-Teamchef Michael Kohlmann seine Gedanken zu der Reise nach Bologna aufgeschrieben.

Die Davis Cup-Finals 2025 sind beendet. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Eins vorweg: Auch wenn wir uns in Bologna in diesem Jahr mehr erhofft hatten – dreimal in den letzten fünf Jahren ins Halbfinale des Davis Cups zu kommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis harter Arbeit und mannschaftlicher Geschlossenheit. Deutschland steht jetzt erstmals, seit das Nationenranking 2001 eingeführt wurde, auf Platz zwei. Das macht mich stolz und das hat das Team auch verdient.

Wenn so eine intensive Woche vorbei ist, tut es mir gut, wieder in meinem Alltag zu kommen. So kriege ich meinen Kopf frei. Zwei Tage nach Bologna stehe ich also auf dem Trainingsplatz im DTB-Stützpunkt in Oberhaching und beobachte das Training unserer jüngeren Spieler Max Rehberg und Liam Gavrielides. Liam ist ein 21-jähriges Talent, das gerade von einer Verletzung zurückgekommen ist. Die Bälle hallen laut in der Halle, ich mag den Sound.

Wir wollten den Titel unbedingt

Ich bin dabei, alles zu verarbeiten. Es ist schade, dass es nicht geklappt hat mit dem Finale oder sogar mit dem Davis Cup-Titel. Es wäre der vierte nach 1988, 1989 und 1993. Es wäre der Wahnsinn gewesen – und ja, wir wollten den Titel unbedingt.

Wir fühlten uns sehr wohl in dieser wunderschönen norditalienischen Stadt. Die Bedingungen vor Ort waren ähnlich wie in den Jahren zuvor in Malaga. Die Finalrunde fand allerdings nicht in einem Stadion, sondern in der Messehalle statt.

Dort hatten sie einen großen Centre Court und ein Zuschauer-Village errichtet. Daneben, in der zweiten Halle, waren die Trainingsplätze, Räume für jedes Team, ein Restaurant. Von der Organisation und vom Set-up war das schon sehr, sehr gut gemacht. Unser Hotel, das Royal Carlton, ein ehrwürdiger, historischer Bau, lag in der Stadt.

Der Fahrdienst lief problemlos. Jedem Team wurde eine ortskundige Person aus Bologna gestellt. In unserem Fall eine Betreuerin. Sie war nur für uns zuständig war und hat sich um alles gekümmert vor Ort, inklusive Restaurant-Tipps.

Ein Trainingsplatz weniger

In der Halle gab es drei Trainingsplätze zusätzlich zum Matchcourt. Geplant waren ursprünglich vier. Der vierte Platz war in der Fanzone und der hat leider nicht funktioniert, weil das Licht zu schlecht war. Dass es nur drei Plätze waren, hatte zu Beginn ein bisschen für Probleme gesorgt. Klar, es waren acht Teams und wenn man einen Court streicht, gibt es für jede Mannschaft weniger Trainingsmöglichkeiten. Aber am Ende des Tages hat alles gut geklappt.

Der Greenset war einen Tick langsamer als in Malaga und in Turin. Das haben sowohl Sascha als auch Kevin und Tim uns so berichtet, als sie von den ATP-Finals in Turin eintrudelten. Den Vorlauf, den wir in den letzten Jahren hatten, gab es diesmal so nicht, weil fünf Spieler noch in der Woche zuvor Turniere spielten. Jan-Lennard und Yannick kamen vom Challenger in Lyon.

Es dauerte ein wenig, bis wir komplett waren. Jan-Lennard, der in Lyon gesiegt hatte, kam am Sonntag, Sascha erst am Montag. Da war der erste Tross mit Coaches und Betreuern schon fast drei Tage vor Ort.

Die Stimmung war gut. Wir haben uns wohl gefühlt. Dafür hat auch das Essen gesorgt, sowohl in der Halle als auch in der Stadt. Die Restaurant-Empfehlungen waren top. Mir ist noch das „Rodrigo“ und das „Diana“ im Kopf, das waren richtig gute Läden. Bologna ist für seine Tortellini bekannt. Die isst man Ragout. Klar, wir sind in Bologna – Pasta Bolognese war schwer angesagt.

Plötzlich in der Favoritenrolle

Am Donnerstag hatten wir unsere erste Partie, nicht vor 17 Uhr. Es wurde dann 17.30 Uhr, weil das Match Tschechien gegen Spanien ein bisschen länger gedauert hatte und die Halle noch aufgeräumt werden musste. Wir waren alle gemeinsam relativ spät rausgefahren und haben uns in Ruhe eingeschlagen. Der Ausgang, mit dem 2:1 gegen Argentinien, ist bekannt.

Mit dem neuen Format, das wir ja schon ein paar Jahre spielen, war vorher klar: Das werden alles ganz enge Nummern. Was dieses Jahr ein bisschen anders war: Wir waren in eine Rolle geschlüpft, die wir vorher so nicht hatten. Vorher waren wir immer komplette Außenseiter und man hat uns eigentlich gar nichts zugetraut. Aber dieses Jahr waren wir mit in der Favoritenrolle.

Als Alcaraz abgesagt hatte, war Sascha als Nummer drei der mit Abstand bestplatzierte Einzelspieler im Feld. Ich würde aber nicht sagen, dass wir der Favorit waren. Das finde ich schwierig, denn es gab viele nominell bessere Spieler im zweiten Einzel als Jan-Lennard. Außerdem: Bei den Doppeln kann immer alles passieren.

Ich sagte schon vor der ersten Runde gegen Argentinien, dass das schwer wird. Ja, Sascha steht vom Ranking besser da als Francisco Cerundolo, aber gegen ihn hatte er schon dreimal in fünf Matches verloren.

Die Intensität des Davis Cups

Bei Jan-Lennard, der das erste Einzel gegen Tomás Etcheverry bestritt und zweimal im Tiebreak verlor, hatte der Turniersieg in Lyon mit Sicherheit geholfen – so etwas gibt Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, wie anstrengend es ist, bis zum letzten Match in der Vorwoche im Turnier zu bleiben. Dann die Anreise, die zwar nicht weit ist, aber noch mal ein paar Körner zieht.

Nur: Das ist bei allen so, ein paar Wehwehchen hier und da. Am Ende einer Saison zwickt es. Für Jan Lennard war der Turniersieg in Lyon eine riesige Erleichterung, weil er damit auch die Qualifikation für Australien geschafft hatte. Es ging dann für ihn gleich weiter. Andere Bedingungen, andere Bälle. Und es ist einfach ein Unterschied zu einem ATP-Event. Der Druck im Davis Cup ist nochmal was anderes. Challenger und Davis Cup kannst du nicht miteinander vergleichen.

Und es war knapp gegen Etcheverry. Er hätte auch gewinnen können. Genauso im Halbfinale gegen Pablo Carreno Busta. Da führte er 6:1 im Tiebreak des ersten Satzes und verlor trotzdem in zwei Durchgängen. Wenn man hautnah, so wie ich, am Spielfeld sitzt, sieht man die Intensität. Was der Davis Cup für jeden einzelnen Spieler bedeutet. Da sind wirklich nur ein, zwei Situationen, die so ein Match entscheiden. Ein, zwei Momente, wo du deine Chancen ergreifen musst.

Doppel gegen Argentinien unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Solche Situationen sind in den letzten Jahren häufig für uns ausgegangen. Und wenn man nach vorne spult: Das Doppel gegen Argentinien hätten wir auch verlieren können. Gegen Spanien im Halbfinale hat es leider nicht funktioniert. Es ist nicht in unsere Richtung gelaufen.

Insofern würde ich schon sagen: Das Davis Cup-Format mit zwei Einzeln und einem Doppel ist anders als früher mit insgesamt fünf Matches über Best-of-Five – aber es ist nicht weniger intensiv. Wie wertvoll für jeden der Sieg für sein Land war, spürst du. Das ist schon Davis Cup-Feeling, wenn die Halle voll ist. Da ist es nur schade, dass unser erstes Doppel gegen Argentinien – okay, ich übertreibe etwas – praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt wird.

Da spielst du so ein Doppel, 12:10 im Tiebreak im dritten Satz. Da wäre in Argentinien oder in Deutschland Vollalarm gewesen. Italien ist ein absolut sportverrücktes Land, aber es sind vielleicht noch 1.000 Leute in der Halle. Klar, es ist auch der Zeit geschuldet, wenn es ein Uhr in der Nacht ist. Aber es geht um alles und nur noch dieser harte Kern der Fans, argentinische und deutsche, sind da.

Keine große Euphorie in neutraler Halle

Wenn wir gegen Italien gespielt hätten, wären da 10.000 Leute und die hätten auf den Stühlen gestanden. Das ist der Unterschied bei so einem Finalturnier. Dessen muss man sich einfach bewusst sein. In einer neutralen Halle ist es schwierig, die ganz große Euphorie zu entfachen.

Das mindert nicht die Tatsache, dass dieses Doppel gegen Argentinien etwas Besonderes war, auch für mich, der als Aktiver dabei war und jetzt seit zehn Jahren als Teamchef auf der Bank sitzt. Das hängt auch mit dem Modus zusammen. Bei 1:1 hat das Doppel eine ganz andere Bedeutung als früher mit fünf Matches und dem Doppel am zweiten von drei Tagen.

Man kann es sich ganz einfach ausrechnen: Früher zählte das Doppel 20 Prozent, jetzt sind es 33. Das Doppel ist das Spiel, das diese Partien entscheidet. Mit einem Wermutstropfen: Bei 2:0 wird kein Doppel gespielt, was ärgerlich ist. Der Italiener Bolelli ist jetzt dreimal Davis Cup-Sieger und hat kein einziges entscheidendes Doppel gespielt.

Das Kopfkino geht los

Trotzdem: Das Doppel ist für dieses Format extrem wichtig. Kevin und Tim haben eine unglaubliche Bilanz im Davis Cup, vor dem Match gegen Spanien gewannen sie 15 Partien und verloren nur eine. Die beiden spielen die ganze Saison zusammen, aber ich glaube, dass den beiden ein Davis Cup-Sieg noch mal mehr bedeuten würde als ein Grand Slam.

Es ist ein anderes Level, als beim Grand Slam zu spielen. Die entscheidende Partie in so einem Davis Cup-Halbfinale gegen Spanien zu spielen, mit der Chance ins Finale einzuziehen, was wir seit über 30 Jahren nicht mehr gewonnen haben – da geht das Kopfkino los. Das sind Situationen, die kannst du nicht trainieren.

In der Vergangenheit haben die beiden das unfassbar gut gelöst. Wenn ich etwa an die Zwischenrunde 2022 in Hamburg denke, wo sie dreimal bei 1:1 gewonnen haben. Sie haben uns in ihrer Karriere schon so häufig den Arsch gerettet.

Wir werden es nächstes Jahr wieder versuchen. Wir haben, ohne Frage, eine tolle Mannschaft. Mit einem Superstar wie Sascha, der in Bologna alles gewonnen hat und von dem ich hoffe, dass er nächstes Jahr wieder spielt. Aber auch Yannick, der diesmal nicht zum Einsatz kam, ist wichtig für das Team. In Bologna hatte er sich gut präsentiert, war trainingsstark. Er spielte ein sehr, sehr gutes Trainingsmatch gegen Sascha und ist immer auch eine starke Option im Einzel.

Erst Dopingkontrolle, dann Abendessen, dann Urlaub

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich Justin Engel entwickelt. Gegen Japan in Tokio hat er ja schon mal ins Team geschnuppert. Aber dadurch, dass er in Bergamo beim parallel stattfindenden Challenger im Halbfinale gespielt hat, stand das nicht mehr zur Diskussion.

Wie ging die Reise in Bologna zu Ende? Erst gab es die Pressekonferenz nach der Niederlage gegen Spanien. Anschließend musste jeder im Team einen Dopingtest absolvieren Wir saßen dann noch alle zusammen kurz in der Kabine. Klar, die Stimmung war im Keller. Wir waren alle enttäuscht. Abends haben wir noch gemeinsam gegessen im Hotel. Es war trotz der Niederlage schön, noch einmal zusammenzukommen. Familie und Freunde waren auch dabei. Wir haben den Abend ausklingen lassen. Die Stimmung war definitiv schon mal deutlich besser, aber es war dann ein netter Abschluss.

Am Sonntag flogen die einen in den Urlaub, andere – so wie ich – nach Hause. Mein Fazit: Mit diesem Team haben wir eine große Chance, den Davis Cup zu gewinnen. Warum nicht 2026?!