Hajar Abdelkader Kopie

Seltsames Match: Beim ITF-Turnier in Nairobi spielte auch Tennisanfängerin Hajar Abdelkader aus Ägypten mit. Bild: ITF / Screenshot

0:6, 0:6-Debakel: Warum eine Tennisanfängerin ein Profimatch bestritt

Hajar Abdelkader aus Ägypten sorgt im Web für Aufsehen – allerdings unfreiwillig. Bei ihrem Profidebüt in Nairobi machte sie nur drei Punkte.

Es sind kuriose Szenen, die seit Tagen die Tennis-Bubbles im Web fluten. Zu sehen ist eine junge Frau auf einem Sandplatz, die enorme Probleme hat, auch nur einen Aufschlag zu treffen. Ihr Ballwurf ist schief, den Bewegungsablauf beherrscht sie nicht. Na gut, eine Tennisanfängerin. Was ist daran so schlimm? Jeder fängt mal an. Das Erstaunliche ist nur: Die Dame stand bei einem ITF-Turnier in Nairobi auf dem Platz. Das heißt: Sie bestritt ein offizielles Profimatch, wenn auch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.

 

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Hajar Abdelkader heißt die junge Frau, sie ist 21 Jahre alt. Sie trat gegen die deutsche Spielerin Lorena Schädel an, die aktuell auf Rang 1.024 im WTA-Ranking steht. Schädel ist 25 Jahre alt, stammt aus Neckarsulm, studiert auf Lehramt und spielt in der zweiten Damen-Bundesliga für den BASF TC Ludwigshafen. Einigen Medienberichten zufolge soll Schädel ihrer Erstrundengegnerin eine kurze Einführung in die Tennisregeln gegeben haben. Die Deutsche gewann nach 37 Minuten mit 6:0, 6:0.

Abdelkader machte nur drei Punkte

Hajar Abdelkader machte insgesamt drei Punkte, weil Schädel zwei Doppelfehler unterliefen und sie einen Ball ins Aus schlug, nachdem die Ägypterin tatsächlich einen Aufschlag der Deutschen zurückbringen konnte. Abdelkader ihrerseits machte 20 Doppelfehler; es gab also so gut wie keine Ballwechsel. Warum das Match dennoch 37 Minuten dauerte, liegt daran, dass es auf diesem Level keine Ballkinder gibt. Die Spielerinnen müssen sich die Bälle selbst holen und das dauerte mitunter, weil Abdelkaders Schläge teilweise kreuz und quer über den Platz flogen.

In Nairobi konnte Abdelkader antreten, weil sie eine Wildcard erhielt, was natürlich eine Menge Fragen aufwirft. Wie kann es sein, dass eine Tennisanfängerin einen Startplatz bei einem Profievent geschenkt bekommt? Inzwischen sind einige Details zu ihrer Teilnahme bekannt geworden, auch weil sich der Veranstalter des Turniers, der kenianische Tennisverband, dazu veranlasst sah, ein Statement zu den Vorkommnissen zu veröffentlichen. Die Videos zu dem seltsamen Match hatten zu dem Zeitpunkt längst die Runde gemacht und selbst seriöse Medien hatten es als Thema entdeckt.

Tennis Kenya teilte mit, dass Abelkader eine Wildcard erhalten habe, „nachdem die ursprünglich mit einer Wildcard für das Hauptfeld ausgestattete Spielerin kurzfristig zurückzog und sich für einen Start in der Qualifikation entschieden hatte“. Die Entscheidung, Abelkader eine Wildcard zu gewähren, wurde „aufgrund der vorliegenden Informationen und im Interesse der Aufrechterhaltung einer vollständigen und ausgewogenen Auslosung sowie zur Förderung der Entwicklung des Tennissports in Afrika getroffen“, heißt es.

Abdelkader mit „ausreichend Wettkampferfahrung“?

Vor ihrem Auftritt habe die Ägypterin angegeben, dass sie über „ausreichende Wettkampferfahrung“ verfüge, erklärt Tennis Kenya weiter und räumt ein, dass Fehler gemacht wurden: „Im Nachhinein erkennt Tennis Kenya, dass diese Wildcard nicht hätte vergeben werden dürfen. Der Verband hat aus dieser Erfahrung gelernt und wird sicherstellen, dass sich ein derart seltener Vorfall nie wiederholt.“

Dennoch bleibt es rätselhaft, wie Abelkader per Wildcard ins Hauptfeld rutschen konnte. Mögliche Ergebnisse auf der ITF-Tour sind für jeden online schnell einsehbar. Und wenn es dort zwar ein Spielerprofil, aber keine Ergebnisse gibt, dann sollten die kenianischen Funktionäre zumindest mal in Ägypten fragen, welche Erfolge Abelkader bislang denn so hatte. Sie hätten dann nämlich erfahren, dass die Dame nicht einmal beim ägyptischen Tennisverband registriert ist.

Abdelkader kein registriertes Mitglied

Das jedenfalls beteuerte Dia Nabil Loutfy, technischer Direktor des ägyptischen Tennisverbands, gegenüber der BBC: „Wir möchten klarstellen, dass sie weder beim ägyptischen Tennisverband registriert noch in einer unserer offiziellen Spielerlisten aufgeführt ist. Nach den uns vorliegenden Informationen lebt die Spielerin in Kenia, sie war nie Mitglied unseres Verbands.“ Zudem pochte er darauf, dass niemand vom Verband bei der Genehmigung oder der Vergabe der Wildcard beteiligt war.

Es gab in der Vergangenheit schon einige dubiose Teilnehmer bei ITF-Turnieren insbesondere in Afrika. Hervorzuheben ist dabei der Auftritt des Ukrainers Artem Bahmet im Dezember 2019 in der 1. Runde der Qualifikation des mit 15 000 Dollar dotierten ITF-Turniers in Doha/Katar. Bahmet verlor 0:6, 0:6 gegen den Thailänder Kittin Koaykul – und machte dabei keinen einzigen Punkt. Wie sich später rausstellte, hatte Bahmet mit der Hilfe eines Komplizen die Tennistour genarrt und sich über klug platzierte Wetten 3.000 Dollar erschlichen.

Was nun im Fall von Hajar Abdelkader herauskommt, bleibt abzuwarten. Feststeht, dass das ITF-Event in Nairobi inzwischen auch für die Deutsche Lorena Schädel zu Ende gegangen ist. Sie verlor ihr Zweitrunden-Match gegen die Chinesin Yufei Ren mit 4:6, 3:6.