Tennis-Wettskandal

Warum der neue Tennis-Wettskandal keine Überraschung ist

Berichte in der ZDF-Sportreportage und in der Welt über einen neuen Tennis-Wettskandal rüttelten am Sonntag die heimische Szene durch, weil auch ein deutscher Profi involviert sein soll. Tatsächlich war aber mit einem solchen Vorgang zu rechnen.

Das, was am Sonntagnachmittag in der ZDF-Sportreportage lief und knapp eine Million Zuschauer an den Fernsehgeräten erreichte, war nichts weniger als ein weiterer Imageschaden für die Sportart Tennis. In dem Bericht kommen am Ende alle schlecht weg: Profis, die betrügen und für Geld absichtlich Matches verschieben. Ein Weltverband, der kaum bis gar nicht an einer Aufklärung interessiert ist. Und eine Sondereinheit namens „Tennis Integrity Unit“, die Whistleblower wie den Argentinier Marco Trungelliti nicht unterstützt. Der ZDF-Bericht verdeutlichte dem geneigten deutschen Sportfan, wie schmutzig der weiße Sport ist.

Diese Art der Aufklärung ist begrüßenswert. Denn das internationale Profitennis hat ein massives Problem mit Wettmanipulationen. Das ist für Insider an sich keine Neuigkeit. Aber nun hat es ein vergleichsweise breites Publikum am dritten Adventssonntag direkt in die Wohnzimmer geliefert bekommen. Wer nun heute die Leserreaktionen dazu bei der Welt überfliegt, die in Zusammenarbeit mit dem ZDF die Recherchen für den Beitrag vorantrieb, bekommt eine Ahnung davon, wie groß der Argwohn gegenüber Tennis geworden ist – auch wenn man Social Media-Kommentare nicht überinterpretieren sollte.

Das Besondere an den Recherchen zum neuen Tennis-Wettskandal ist, dass gegen den deutschen Profi Max H. ein Verfahren wegen Wettmanipulationen eingeleitet worden ist. Dass angeblich ein Profi aus den Top 30, der schon ATP-Titel gewann, Matches verschoben haben soll. Und dass gegen insgesamt 135 Profis weltweit ermittelt wird. Das alles sind allerdings News, mit denen man rechnen musste, wenn man die Entwicklung des Matchfixing im Tennis während der letzten Jahre beobachtet hat.

Im April 2018 warnte eine unabhängige „Task Force“ vor einem „Tsunami“, der die unteren Ebenen des Tennissports bereits erfasst hätte. Adam Lewis, Autor des „Independent Review of Integrity in Tennis“, kam zu dem Schluss, dass „Tennis anfälliger für verdächtige Wetten ist als jede andere Sportart.“ Einer Umfrage zu Folge seien schon damals 464 Profis mit Matchfixing in Berührung gekommen. Allein in den letzten drei Jahren wurden mehr als 60 Profis gesperrt – knapp ein Drittel von ihnen lebenslänglich.

Großer Tennis-Wettskandal schon 2018

2018 wurden auch mehrere Matchfixing-Ringe von Polizei und Staatsanschwaltschaften ausgehebelt. In Nordafrika gingen den Ermittlern mehr als 20 Profis ins Netz, weil ein Spieler, der Ägypter Karim Hossam, den Behörden wertvolle Hinwiese geliefert hatte. Strafmilderung erhielt er dafür aber nicht. Hossam wurde lebenslang gesperrt, arbeitet nun als Tennistrainer und soll immer noch in Wettmanipulationen verstrickt sein.

Belgische Behörden überführten im Sommer 2018 einen europaweit tätigen armenischen Ring, an dessen Spitze Grigor Sargsyan, Spitzname „Maestro“, stand. Dank der belgischen Ermittlungen führte im Oktober 2018 die Guardia Civil eine Großrazzia in Spanien durch, bei der 15 Personen festgenommen wurden. Im Januar 2019 wurden auch die französischen Behörden aktiv. Sie verhafteten zunächst vier Profis, gegen 30 weitere Spieler wurde ermittelt.

Französische Medien – allen voran Le Monde und L´Equipe – hatten die Anhörungen der verhafteten französischen Profis geleakt und wiesen schon damals daraufhin, dass auch Spieler aus anderen Nationen betroffen seien – unter anderem aus Deutschland. ZDF und Welt haben den Faden nun weiter gesponnen und präsentierten mit Max H. einen verdächtigen deutschen Profi.

Welche Anschuldigungen ihm zur Last gelegt werden, ist nicht bekannt. Feststeht, dass er nicht der erste deutsche Profi im Visier der Ermittler ist. Im August 2018 wurde nämlich Luca Gelhardt, damals 23 Jahr alt, von der Tennis Integrity Unit (TIU) zu einer Spielsperre (vier Monate) und einer Geldstrafe (3.500 Dollar) verdonnert, weil er 280 Wetten auf Matches platziert hatte. Allerdings: Er hatte nicht auf seine eigenen Partien gesetzt, doch als Profi ist es grundsätzlich verboten, auf Tennisergebnisse zu wetten.

Gelhardt, zum Zeitpunkt der Strafe die Nummer 1.065 im ATP-Ranking, hatte keine Partien verschoben und keine Kontakte zur Wettmafia. Er wettete als Jugendlicher etwa auf den Ausgang von Grand Slam-Matches, während er selbst gelegentlich in der Quali von Future-Turnieren antrat. „Ich habe mich zu der Zeit, als ich die Wetten platziert hatte, nicht als Profi gesehen“, versicherte Gelhardt damals tennis MAGAZIN. Nach allem, was man bislang weiß, muss der Fall um Max H. schwerwiegender sein.

Das „Golden Match“ von Doha – auch ein Tennis-Wettskandal?

In der Woche vor den Enthüllungen von ZDF und Welt sorgte ein anderes Ereignis aus der Tennisszene für noch größere Schlagzeilen: Ein unbekannter Tennisspieler aus der Ukraine verlor in der ersten Quali-Runde des mit 15.000 Dollar dotierten ITF-Future-Events von Doha in Katar, also auf unterstem Profilevel, mit 0:6, 0:6 und gewann dabei keinen einzigen Punkt. Die als „Golden Match“ bezeichnete Partie ging schnell in den sozialen Netzwerken steil. Denn es gibt Videosequenzen von dieser Begegnung, die verdeutlichen: Dieser Ukrainer namens Artem Bahmet kann einfach überhaupt nicht Tennis spielen und trifft keinen Ball. Er machte sich in den Mitschnitten komplett zum Affen.

Doch offenbar störte ihn das wenig. Viel wichtiger war ihm, dass sein Plan aufging. Denn allem Anschein nach hat sich Bahmet mit Hilfe eines Komplizen durch fragwürdige Wetten eine hübsche Summer erschlichen – trotz der Klatsche in 22 Minuten. Glaubt man den Einträgen auf dem russischen Sportwetten-Forum „Montecristo-Bet“ platzierte dessen Besitzer, Nikolaj Trusch, gezielt Live-Wetten gegen seinen Mitarbeiter Bahmet. Die TIU ließ mittlerweile mitteilen, Ermittlungen in diesem Fall aufgenommen zu haben.

Trusch wettete etwa, dass Bahmets Gegner, der Thailänder Krittin Koaykul (ATP-Ranking: 1.367), vier Punkte in Folge gewinnen würde. Darauf setzte er 83 Euro und bekam schließlich 332 Euro ausbezahlt. Damit keiner der Wettanbieter misstrauisch wurde, waren Truschs Beiträge vergleichsweise gering. Am Ende hatte er knapp 3.000 Euro zusammen. „Mit den Wetten haben wir die Reise für uns beide nach Doha finanziert“, prahlte Trusch anschließend.

Die große Frage ist nun: Warum kann man auf solche Matches überhaupt wetten? Wieso bietet der Tennis-Weltverband ITF Partien an, von denen er weiß, dass dort unter Umständen Hobbyspieler an den Start gehen können, weil eine 15.000er-Quali theoretisch offen für alle ist?

Weil es Teil eines großen Deals ist, den die ITF mit dem Schweizer Unternehmen Sportradar bereits 2012 eingegangenen ist. Jeweils für fünf Jahre bekommt die ITF 62 Millionen Euro, weil sie Sportradar die Hoheit über die Daten, insbesondere über die Live-Scores, aller ITF-Turniere überlässt.

Sportradar soll mit seiner Überwachungseinheit und einem Frühwarnsystem Matchfixing auf den unteren Profistufen bekämpfen. Doch zum Geschäftsmodell von Sportradar gehört auch, dass die Live-Scores an Wettanbieter verkauft werden, die dann die entsprechenden Wetten anbieten. Letztlich ist das Wettproblem der ITF also vor allem hausgemacht.

Rasant wachsendes Wett-Angebot

Vor 2012 war es kaum möglich, auf der niedrigsten Ebene der ITF-Turniere Live-Wetten zu platzieren. Aber 2013, im Jahr nach dem ersten ITF-Sportradar-Vertrag, wurden 40.000 Matches von kleineren ITF-Turnieren (Damen und Herren) angeboten. Bis 2016 ist diese Zahl auf über 60.000 gestiegen. Mit dem rasant wachsenden Wett-Angebot holte sich die ITF all die kriminellen Begleiterscheinungen mit ins Haus: Matchfixing ist zu einer ernsthaften Bedrohung des Profitennis geworden – insbesondere auf ITF-Level, wo die Spieler durch Preisgelder noch nicht einmal ihre Ausgaben decken können.

Den Kampf gegen die Wettmafia macht sich die ITF in vielerlei Hinsicht zu einfach, auch wenn etwa die TIU in den letzten Jahren finanziell und personell aufgerüstet und viele Verfahren eingeleitet wurden. Gleichzeitig aber verlangt sie von den Veranstaltern der kleinen ITF-Turniere, selbst gegen die Wettmafia vorzugehen.

„Die ITF gibt ihre Verantwortung einfach an uns weiter, aber es ist nicht unser Job, die Wettmafia zu bekämpfen“, sagt Marc Raffel, der zwei 15.000er-Futures in Nordrhein-Westfalen ausrichtet. „Es ist aber mittlerweile leider normal, dass selbst bei unseren Turnieren die Polizei anrücken muss, um verdächtige Personen der Anlage zu verweisen.“

Die „Courtsiders“ der Wettmafia

Die meisten von ihnen sind sogenannte „Courtsiders“. Ihr Job ist es, per Smartphone den aktuellen Spielstand an potenzielle Wetter weiterzugeben – und zwar schneller als der offizielle Live-Score. Mit diesem Wissensvorsprung von wenigen Sekunden lässt sich eine Menge Geld verdienen.

Ein ITF-Supervisor, der namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet von deutschen Turnieren, bei denen täglich „bis zu 20 Personen rausgeschmissen“ werden mussten, weil sie sich verdächtig verhielten. „Viele von denen kennt man mittlerweile, weil sie immer wiederkommen. Unsere Handhabe ist am Ende gleich null.“

Feststeht: Live-Wetten funktionieren nur mit Live-Scores. Es gibt Insider, die behaupten, dass die Live-Scores nur für die Live-Wetten da sind: „Wer verfolgt denn schon Resultate von einem 15.000er irgendwo im mittleren Osten?“ Letztlich ist es den Veranstaltern selbst überlassen, Live-Scores bei einer 15.000er-Quali anzubieten. Doch spätestens ab den 15.000er-Hauptfeldern sind Wetten in allen erdenklichen Auswüchsen weltweit möglich.

Am Ende erscheint der Kampf gegen die systematisch operierende Wettmafia fast aussichtslos. „Dieser Krake kann man gar nicht so viele Arme abschlagen, wie da ständig nachwachsen“, sagt ein Branchenkenner.