Matchfixing im Tennis

Matchfixing im Tennis: „Spielmanipulation fängt ab Rang 50 an“

Ein Polizeiverhör, das tennis MAGAZIN vorliegt, deutet an, wie weitverbreitet Spielmanipulation – sogenanntes Matchfixing – bis in die Top 100 wirklich ist. Ein Vertrag des Weltverbandes mit dem eigentlichen Wettbetrugsbekämpfer Sportradar scheint das Problem derweil eher zu vergrößern.

Diese Reportage ist in unserer Ausgabe 4/2019 erschienen. Sie ist angereichert mit aktuellen Entwicklungen.

Mick Lescure strahlt. Dafür, dass er eben fast zwei Stunden auf dem Platz geackert hat, sieht der Youngster recht entspannt aus. Er hat allen Grund zur Freude. Soeben hat er mit dem Future-Titel beim Südwestbank Tennis Grand Prix im schwäbischen Schwieberdingen seinen größten Karriereerfolg gefeiert. Der 21-jährige Franzose sagt im Tennis-Tourtalk: „Ich bin sehr glücklich mit meiner Performance. Ich hoffe, dass ich daran anknüpfen kann.“ Die Belohnung: 18 Punkte für die Weltrangliste sowie 1.440 Dollar Preisgeld. Der junge Franzose träumt von der Weltspitze.

Ortswechsel: Lescure sitzt fest – in einem französischen Polizeiverhör. Die Stimmung ist unterkühlt. Die Polizei hat ihn und drei französische Kollegen nach Tipps von belgischen Behörden festgenommen. Lescure gibt gegenüber den Ermittlern zu: „Ja, ich habe Matchfixing betrieben.“

Diese beiden Situationen liegen fast auf den Tag genau vier Jahre auseinander. Lescures erster Futuretitel datiert aus dem Januar 2015. Das Verhör mit den französischen Beamten fand Mitte Januar dieses Jahres –2019 – statt. Es liegt tennis MAGAZIN im Wortlaut vor. Auszüge davon sind in der französischen Zeitung Le Monde erschienen.

Der mittlerweile 25-Jährige ist in seiner Karriere nicht durchgestartet. Drei weitere Futuretitel auf der Ochsentour hat er sich noch erhamstert; sein Karrierehoch liegt bei Rang 487. Seine finanziellen Ressourcen sind gering. Damit war er prädestiniert für die professionell orchestrierten Fänge der Wettmafia. Ein hoffnungsvolles Talent, das in der oft unsichtbaren zweiten Reihe des Profitennis hängen bleibt.

Nach Razzien: Mehrere Matchfixingringe aktiv

Ermittlungen und Razzien in den vergangenen Monaten haben bewiesen: Es gibt einige, sogenannte Matchfixing-Ringe, die diese Akteure mit Geld anlocken, um die Spieler nach der gelungenen Manipulation langfristig von sich abhängig zu machen. Die Kriminellen benötigen kein Riesenbudget. Dafür verdienen die Profis auf Challenger- und Futureebene zu wenig. Doch Zeugenaussagen belegen: Manipulation soll ebenfalls auf dem nächsthöheren Level, der ATP-Tour, stattfinden.

Besonders pikant ist überdies ein lukrativer Vertrag, den der Tennis-Weltverband ITF mit der Sportdatenfirma Sportradar bereits 2012 geschlossen hat. Eigentlich soll die Firma mit einem eigens entwickelten Frühwarnsystem die ITF vor Matchfixing schützen. Das übernimmt eine kleine Integrity­abteilung von Sportradar. Überdies zahlt das Unternehmen für fünf Jahre umgerechnet 62 Millionen Euro an die ITF. Dafür erhält Sport­radar Daten von Spielerinnen und Spielern sowie von mehr als 60.000 Events auf Challenger- und Futureebene. Diese Daten verkauft das börsennotierte Unternehmen ausgerechnet an Wettanbieter weiter. Damit ermöglicht Sportradar erst Matchfixing im großen Stil auf unterstem Profilevel.

Die offiziellen Zahlen klingen zunächst wenig dramatisch. Die 2008 geschaffene Tennis Integrity Unit (TIU) hatte ihre Arbeit im Nachgang der Australian Open 2016 intensiviert; BBC und Buzzfeed hatten mit einer großen Story über Matchfixing für Aufsehen gesorgt. In den vergangenen zwei Jahren hat die TIU 42 Spieler gesperrt – 16 davon sogar lebenslänglich (Stand: Februar 2019).

Matchfixing: Whistleblower Trungelliti wird geächtet und nun geschützt

Als bekanntester Akteur wurde der Argentinier Nicolas Kicker, im Juni 2017 immerhin die Nummer 78 der Welt, für sechs Jahre gesperrt – drei davon sind auf Bewährung ausgesetzt. Besonders krude ist der Fall von Landsmann Marco Trungelliti, der in Argentinien mehr bekämpft wird als Kicker selbst. Trungelliti wird immer noch geächtet. Zuvor war er selbst von Anschuldigungen umweht. Am 1. Mai 2019 entkräftete die TIU die Anschuldigungen in einem überfälligen Statement.

Er meldete der TIU, dass er angesprochen worden sei. Als Dank für diese Einsicht sei er nach eigenen Angaben von heimischen Spielern in der Umkleidekabine als Maulwurf bezeichnet worden. Überdies erhielt er in Buenos Aires trotz ausreichendem Ranking keine Wildcard für die Qualifikation.

Am 17. April sperrte die TIU den Brasilianer Joao Souza bereits zum zweiten Mal. Eine zunächst erfolgreiche Revision Seitens des Brasilianers wurde nach weiterführenden Ermittlungen überholt. Souza war im April 2019 422. in der Weltrangliste.Vor vier Jahren, im April 2015, rangierte der heute 30-Jährige sogar auf Platz 69.

Die anderen überführten Akteure sind ebenfalls weitestgehend unbekannt und gehen im Verhältnis folgender Zahlen fast unter: Laut ITF versuchen rund 14.000 Spielerinnen und Spieler, professionell Tennis zu spielen. Der Wert der erwischten und bestraften Akteure liegt demnach deutlich unter einem Prozent. Auch die Anzahl verdächtiger Partien aus der Sportradar-Statistik wirken nicht sonderlich angsteinflößend. Andere Zahlen und Stimmen zeichnen dagegen ein düsteres Bild. Rund 7.000 von den 14.000 Profis verdienen mit ihrem Sport nichts, schrieb die BBC kürzlich.

Sportsradar Auffällige Matches im Tennissport seit 2014

2014 2015 2016 2017 2018
ITF 13 75 174 150 412
Challenger 3 9 49 61 122
ATP/WTA 0 3 9 11 23
Total 16 87 232 222 557

Demnach üben Spieler wie die Briten Andrew Watson (22, Rang 672) und Ryan Peneston (23, Rang 681) ihren Leistungssport am untersten finanziellen Limit aus. Sie teilen sich Taxis, waschen ihre Kleidung selbst im oft überteuerten Turnierhotel. „Auf Futureebene benötigst du wöchentlich einen Halbfinaleinzug, um nicht im Minus zu landen“, sagt Watson, der viele talentierte Kollegen wegen Geldsorgen hat aufgeben sehen. Nicht wenige andere dagegen landen in der Falle Matchfixing.

Matchfixing: Tsunami an Verstößen auf der Tour

Beweise lieferte der Abschlussbericht einer unabhängigen Kommission im April 2018. Diese war im Januar 2016 eingesetzt worden, um die Arbeit der TIU zu überprüfen. Es stand der Vorwurf im Raum, dass Beweise unterdrückt worden waren, die auf manipulierende Topspieler inklusive Grand Slam-Champions gedeutet haben könnten. Britischen Medienberichten zu Folge kostete die Untersuchung umgerechnet knapp 27 Millionen Euro. Ergebnis: Es fehle weiterhin an finanziellen Ressourcen und Manpower für eine lückenlose Aufklärung bei der TIU. Der Bericht zitierte einen Ermittler, der erklärte, dass „Hunderte von Begegnungen nicht fair abliefen“. Ein weiterer Ermittler sprach von einem „Tsunami“ an Verstößen gegen die Regeln.

Ach ja: Beweise für die Vertuschung fand die Kommission nicht. Parallelen zum Antidopingkampf sind nicht von der Hand zu weisen. Verbände, Sponsoren und Spieler haben beim Thema Wettmanipulation kein oder nur ein eingeschränktes Interesse an einer großen Enthüllung. Zu groß, zu kostspielig wäre der Imageverlust.
Dagegen haben Polizisten und Staatsanwaltschaften ganze Matchfixing-Ringe ausgehebelt, an deren Ende Spieler wie Mick Lescure überführt werden. Alleine 2018 sind verschiedene Syndikate aufgeflogen.

Da ist zum einen der nordafrikanische Ring, in den mehr als 20 afrikanische Spieler involviert sind. Zum Kronzeugen stieg Karim Hossam auf, ehemals der beste Nachwuchsspieler Ägyptens (Karrierrehoch: 374). Mit Match­fixing verdiente er einige Tausend Dollar. Schnell wurde er abhängig von den Hintermännern, die mit ihm und anderen bis zu einer halben Million Dollar verdienten. Hossams Story gab kürzlich die BBC wieder. Er wurde mittlerweile lebenslänglich gesperrt. Nachdem er kooperierte, hatte er sich Strafmilderung erhofft. Als diese ausblieb, verweigerte er weitere Aussagen. Experten gehen davon aus, dass er weiter versucht, Manipula­tionen zu arrangieren. Die Hintermänner sind noch auf freiem Fuß (lesen Sie HIER mehr).

Matchfixing: „Maestro“ als großer Anführer

Der größte Schlag gelang 2018 dank belgischer Ermittler, die einen armenischen Matchfixingring überführten. An dessen Spitze stand der 28-jährige Grigor Sargsyan, Spitzname „Maestro“. Er sitzt seit Sommer 2018 in Unter­suchungshaft. Maestro, so viel ist Anfang 2019 sicher, war der Anführer einer armenischen Gruppe, die mindestens zwei Wettringe anführte.

Mit belgischer Hilfe führte die spanische Guardia Civil im Oktober 2018 eine Groß-Razzia durch. 15 Personen wurden festgenommen. 28 spanische Spieler sind nach derzeitigen Erkenntnissen involviert. Der renommierte sportpolitische Journalist der spanischen Zeitung El Pais, Carlos Arribas, bestätigte gegenüber tennis MAGAZIN: „Der Spieler Marc Fornell ist nach derzeitigem Ermittlungsstand der große Verbindungsmann in Spanien zwischen den armenischen Drahtziehern und den Spielern.“ Bei der Razzia seien mehr als 170.000 Euro Bargeld, Waffen, Computer, Kreditkarten und mehrere Luxusautos von den Behörden beschlagnahmt worden. Zudem wurden rund 40 Bankkonten gesperrt. Die TIU sperrte Fornell, der immerhin 15 Futuretitel im Einzel und 40 im Doppel gewonnen hat, im Dezember provisorisch. Besonders skurril: Der 37-Jährige ist gegenüber dem Franzosen Lescure im Nachteil. Trotz des umfassenden Geständnisses des 25-jährigen Lescures, das tennis MAGAZIN aus polizeinahen Kreisen im Wortlaut vorliegt, sind er und weitere tatverdächtige Spieler weiter spielberechtigt.

Auch in diesem dritten Fall waren die belgischen Behörden aktiv. Sie gaben ihre Erkenntnisse rund um Grigor Sargsyan an Frankreich weiter. Die Franzosen schlugen nach ihren Überprüfungen Mitte Januar zu und verhafteten das französische Quartett vorläufig. Neben Lescure betraf dies Jules Okala (21), Yannick Thivant (31) und Jerome Inzerillo (28). Die französische Sporttageszeitung L‘Equipe leakte die Namen.

Matchfixing: 30 Franzosen betroffen – Spur auch nach Deutschland

Wie tennis MAGAZIN erfuhr, sollen alleine aus Frankreich 30 weitere Spieler direkt betroffen sein. Deshalb will die französische Polizei die Ermittlungen federführend übernehmen. Eine der Polizei nahestehende Quelle gibt an: „Aufgrund des entstandenen Papierkrams und der Bürokratie zwischen den Ländern stehen die Ermittlungen seit der Befragung im Januar still. Eine vorläufige Sperrung der befragten Spieler hat nicht stattgefunden.“

Tatsächlich: Jules Okala hat seit der Anhörung vier Future-Events gespielt (Stand Ende Februar) – unter anderem im deutschen Nußloch. Diese Möglichkeit haben momentan viele weitere Spieler aus dem Dunstkreis des armenischen Rings, weil die Ermittlungen stocken. Dass weitere Manipulationen von diesem Spielerkreis ausgehen, kann derzeit nicht ausgeschlossen werden. Die Ermittlungen werden noch Monate andauern. Le Monde und L‘Equipe hatten bereits nach den geleakten Anhörungen im Januar berichtet, dass auch Spieler aus anderen Nationen betroffen seien.

Demnach werden auch deutsche Spieler verdächtigt und sollen in Zukunft vernommen werden. tennis MAGAZIN sprach mit deutschen Spielern, die nicht in Verdacht stehen. Öffentlich wollen sie nicht sprechen. Denn: Mögliche Verfehlungen, die sie nicht der TIU gemeldet haben, können zu Ermittlungen gegen sie selbst führen – und damit zu Strafen.

„Matchfixing auf der ATP-Tour üblich“

Bei der Vernehmung im Januar war Lescure der einzige, der Matchfixing im größeren Stil beichtete. Laut den Aufzeichnungen gab er zu, seit 2015, also dem Jahr seines ersten Futuressiegs auf deutschem Boden, in Kontakt mit Grigor Sargsyan gestanden zu haben. Er schätzte die Gesamtsumme, die er vom Armenier für verschobene Matches, einzelne Sätze oder gar nur Breaks erhalten hat, auf 30.000 Euro. Nach den Methoden befragt, sagte der Franzose den Beamten: „Auf einem Challenger-Turnier haben wir mehr verlangt als bei Futureevents. Ein einzelnes Break zum richtigen Zeitpunkt bewusst zu verlieren, war zwischen 300 und 500 Euro wert, ein Satz um die 1.000 Euro und ein ganzes Match bis zu 2.500 Euro.“ Lescure gab an, Sargsyan auch ermöglicht zu haben, in Kontakt mit anderen Spielern zu treten. „Die haben sicher auch mit ihm zusammengearbeitet“, sagte er aus. Konkrete Namen nannte er nicht.

Am Ende des Verhörs revidierte er das Vorurteil, nur kleine Spieler auf der Futuretour würden Matchfixing betreiben. „Manipulation ist sogar auf der ATP-Tour üblich. Es geht los bei Spielern unterhalb von Platz 50. Wenn ihnen eine fünfstellige Summe angeboten wird, lehnen nur die Wenigsten ab.“ Lescure erklärte: „Ich habe die Dimension von den Dingen, die ich getan habe, zunächst unterschätzt. Es kommt einem vor wie eine Banalität, wenn es etliche Spieler ebenfalls tun. Auf jedem Turnier, das ich in dieser Zeit gespielt habe, gab es Manipulationen.“

Matchfixing: Dutzende Runner platzieren abgesprochene Wetten

Der Befragte gab überdies an, physisch oder mental nicht von Sargsyan unter Druck gesetzt worden zu sein. Das ist bei anderen Manipulationsnetzwerken durchaus anders. Deutlich wurde das in der kürzlich ausgestrahlten NDR-Dokumentation „Wettmafia Inside: Unterwegs mit Wettbetrügern“. Darin intensiviert Autorin Mariam Noori ihren Kontakt zu zwei „Runnern“. Diese stehen in ihrem Netzwerk ganz unten.

Alleine in diesem einen Netzwerk soll es demnach Dutzende Runner geben, die illegal täglich Wetten platzieren, die sie durch ihre Mittelsmänner erhalten. Sportler im Ausland werden von diesen geschmiert und gefügig gemacht. Die Doku deutet an: Anders als im Fall des Franzosen Lescure geschieht das auch aufgrund physischer und psychologischer Einflussnahme der Bosse aus mafiösen Strukturen. Noori musste die Runner für ihren Beitrag komplett anonymisieren und kann auch nach der Ausstrahlung nicht viel preisgeben.

Was sie gegenüber tennis MAGAZIN verrät: Die Runner erhielten von ihren Mittels­männern mehr Tipps zu abgesprochenen Tennismatches als zu Fußballpartien. Die Infos nutzten sie zur Platzierung ihrer Wetten. Deutsche Tennisspieler seien in diesem Netzwerk nicht betroffen. „Es sind auch keine Top 100-Spieler involviert, sehr wohl aber Profis, die sich unter den ersten 500 der Weltrang­liste befinden.“ Exakter kann sie die Ränge aus Schutz ihrer Quellen nicht einkreisen.

Um die Informationen ihrer Quellen zu überprüfen,  flog Noori nach London zur Firma Sportradar und  dessen Integrity-Abteilung. Diese arbeitet weltweit mit Sportverbänden- und ligen im Kampf gegen Matchfixing zusammen. Sportradar hat ein Frühwarnsystem entwickelt, das bei ungewöhnlichen Geldeinsätzen ausschlagen soll. Und das tat das System bei einem Großteil von Nooris Tipps auch. Ihr wurde anschließend abgeraten, weiter zu ermitteln: „Zu gefährlich.“ Das ist sicher ein Grund. Ein anderer: Das börsennotierte Unternehmen nutzt seine Geschäfte mit dem Weltverband ITF nicht nur zur Manipulationsbekämpfung.

Matchfixing: Zwielichter Vertrag zwischen ITF und Sportsradar

2012 haben beide Parteien einen Vertrag unterzeichnet, der 2016 um fünf Jahre verlängert wurde. In beiden Zeiträumen überwies die Datenfirma je rund 62 Millionen Euro an die ITF und erhält als Gegenleistung Datenmaterial für mehr als 60.000 Matches auf allen Profiebenen. Diese Daten verkauft Sportradar millionenschwer an – Wettanbieter. Das bedeutet: Nur durch diese Deals haben Wettanbieter überhaupt die Ressourcen, tausende (Live)-Wetten bis zur untersten Profiebene anzubieten. Längst ist ein fragwürdiges Wechselspiel entstanden. Sport­radar und Verbände wie die ITF loben sich für das Frühwarnsystem, ermöglichen durch ihren Deal aber erst, dass auf unzähligen kleinen Turnieren gewettet werden kann.

Nach der Vertragsverlängerung 2016 argumentierten beide Seiten, dass ohne ihr exklusives Arrangement das Risiko der Korruption steigen würde. Im englischen Guardian entgegnete ein ehemaliger hochrangiger Berater eines Wettanbieters: „Eine einzige Quelle ohne Kontrolle durch eine andere Quelle für solche leicht manipulierbaren Daten ist immer problematisch. Solange es nicht komplett transparent abläuft, sind die Daten und auch die Leute, die sie bearbeiten, für Manipulationen angreifbar.“ Besonders transparent agiert weder Sportradar noch die ITF im Bezug auf ihren Megadeal. 80 Prozent der 62 Millionen Euro für die ITF müssten laut eigenen Richtlinien abzüglich der Kosten für das Thema Integrität an die Mitgliedsstaaten fließen.

Die US-Profispielerin Shelby Talcott, die ein abgeschlossenes Journalistikstudium vorzuweisen hat, behauptete kürzlich in einem ausführlichen Blogeintrag, dass die ITF ohne diesen erheblichen Betrag defizitär wäre. Ihren Nachforschungen zu Folge habe die ITF in der Buchhaltung ihren Ausgabenblock „Technik und Wissenschaft“ um den Begriff Integrität erweitert. Deshalb könne der Verband nun weitaus mehr Geld aus diesen 62 Millionen Euro für andere Kategorien ausgeben.

Außerdem prangert Talcott große Probleme im Umgang mit den Persönlichkeitsrechten der Profis an. Allerdings hat die ITF vorgesorgt, indem sie ihre Leitlinien zum Datenschutz angepasst hat – um einer Millionenstrafe zu umgehen. Talcotts Schlussfolgerung: Die ITF handelt durch den Sportradar-Deal nicht spielerfreundlich. Es gebe durch ihn mehr Chancen für Matchfixing und Eingriffe in die Privatsphäre, die zu Shitstorms in sozialen Medien führten.

Ob Mick Lescure derweil in den sozialen Netzwerken angefeindet wurde, ist nicht überliefert. Klar ist: Seine Tenniskarriere wird bald auch offiziell vorbei sein. Welchen Einfluss seine brisanten Aussagen haben werden, bleibt abzuwarten. Weitere Enthüllungen folgen. Am 6. März berichtete Le Monde von drei weiteren Festnahmen.