Boris Becker, Michael Stich

Glücks- gefühle: Der Olympiasieg 1992 in Barcelona wird Boris Becker und Michael Stich auf ewig verbinden. Boris Becker left and Michael Stitch both Germany Double Olympic medalists 1992 with theirs Gold medalsBild: Imago/Kosecki

50 Jahre tennis MAGAZIN: Rivalen und Zweckgemeinschaft

tennis MAGAZIN feiert seinen 50. Geburtstag. Wir blicken zurück auf historische Highlights: Diesmal die Jahre 1991 bis 1995 mit Boris Becker und Michael Stich. 

Als im April 1991 der ehemalige Fußballprofi Karl-Heinz Rummenigge süffisant prophezeite, „Der 1. FC Kaiserslautern als Deutscher Fußballmeister, das wäre ja so, als ob Michael Stich Wimbledon gewinnen würde“, konnte man nicht ahnen, dass dieses Zitat wahnsinnig schlecht altern würde. Denn drei Monate später wurde nicht nur der 1. FC Kaiserslautern Deutscher Fußballmeister, sondern Michael Stich siegte beim prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt in Wimbledon – im deutschen Finale gegen Boris Becker. 

Dieser 7. Juli 1991 ist eine Sternstunde der deutschen Tennisgeschichte. Zum ersten und bislang einzigen Mal standen sich zwei Deutsche in einem Grand Slam-Finale der Herren gegenüber. Die Rollen waren klar verteilt: Becker, bereits dreifacher Wimbledonsieger, erreichte sein viertes Endspiel in Wimbledon in Serie und ging als klarer Favorit in „seinem Wohnzimmer“ ins deutsche Finale.

Stich machte Becker mit seinem Halbfinalsieg gegen Stefan Edberg wieder zur Nummer eins der Welt. Ohne ein einziges Break besiegte Stich den Titelverteidiger aus Schweden – 4:6, 7:6, 7:6, 7:6. Kurioserweise verstarb zwei Tage vor dem Halbfinale der Erfinder des Tiebreaks, Jimmy van Alen. Edberg sagte ­daraufhin: „Wenn es Jimmy van Alen nicht gegeben hätte, würden Michael und ich wohl noch dort draußen sein und spielen.“ 

Stich gewinnt Wimbledon, aber „Game, Set and Match Becker”

In seinem ersten Grand Slam-Finale merkte man Stich, dem klaren Außenseiter, keinerlei Nervosität an. Umso länger das Match lief, umso besser spielte Stich und umso ungeduldiger agierte Becker. „Mein schlechtestes Match spiele ich im Wimbledonfinale“ schimpfte Becker. Mit einem Vorhand-Returnwinner fixierte Stich den souveränen Dreisatzsieg und den größten Erfolg seiner Karriere – Wimbledonsieger.

Nicht nur Becker sowie die meisten Tennisfans, sondern auch Stuhlschiedsrichter John Bryson schien überrascht gewesen zu sein von Stichs Leistung. „Game, Set and Match Becker“, rief Bryson fälschlicherweise nach dem verwandelten Matchball ins Mikrofon. Es birgt eine gewisse Ironie in sich, denn auch am Tag seines größten Triumphs stand Stich im Schatten von Becker. 

Michael Stich

Historisch: Michael Stich gewann beim Wimbledonturnier 1991 das einzige deutsche Grand Slam-Finale der Herren gegen Boris Becker.Bild: Imago/Colorsport

Becker vs. Stich: Denkwürdige Duelle auf deutschem Boden

Das Wimbledonfinale 1991 war der Startschuss für die größte deutsche Rivalität der Tennisgeschichte. 8:4 hieß am Ende die Bilanz zugunsten von Becker. Allerdings: Wirklich spannend war nur ein Match zwischen den beiden – das Viertelfinale beim Wimbledonturnier 1993, das Becker in fünf Sätzen gewann. Ansonsten siegte einer der beiden meist dominant. So demütigte Stich seinen Landsmann unter anderem beim Sandplatzturnier am Hamburger Rothenbaum 1992 (6:1, 6:1) sowie beim Hallenturnier in Stuttgart 1995 (6:0, 6:3). 

Für Becker entwickelte sich das erste Duell nach Stichs Wimbledonsieg zum Prestigesieg. Bei der ATP-WM 1991 in Frankfurt trafen die beiden in der Gruppenphase aufeinander. Die Medien taten ihr Übriges, um dieses Duell aufzuheizen. Nach der Niederlage zeigte sich Stich völlig zerknirscht. „Ich habe niemals erwartet, dass von 8.500 Leuten 8.000 für Boris sind und nur 500 für mich. Da kann ich ja gleich Schwede oder Däne werden, dann weiß ich wenigstens, was auf mich zukommt“, sagte Stich enttäuscht. Für Becker war dieser Sieg eine Genugtuung, vor allem wegen des Zuspruchs der Zuschauer. „Ich muss sagen, dass ich diesen Abend richtig genossen habe“, sagte er hinterher. 

Olympia 1992: Als aus den Rivalen eine Zweckgemeinschaft wurde

Ein Jahr später wurde aus den sportlichen Rivalen eine Zweckgemeinschaft mit dem Ziel: Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Davis Cup-Kapitän Niki Pilic hatte die Idee, aus den unterschiedlichen Charakteren eine Einheit zu bilden, er spielte dabei erfolgreich den Vermittler. „Gesprochen haben beide nicht miteinander. Das musste ich erledigen. Ich bin zwischen den Zimmern hin- und hergependelt und musste viel lügen“, äußerte sich Pilic später.

tennis MAGAZIN 9/1992

Becker und Stich wurden tatsächlich eine Einheit, zumindest auf dem Platz. Der Olympiasieg war die logische Folge. „Mein Verhältnis zu Olympia ist goldig“, freute sich Becker. Dennoch hatte der Olympiasieg ein trauriges Ende. Becker wollte die Goldmedaille unbedingt ausgelassen feiern, doch Stich reiste ab. „Ich versuchte noch, ihn umzustimmen, aber er blieb stur: ‚Nee, ich habe keine Lust.‘ Und das, nachdem wir uns 14 Tage lang gemeinsam herumgequält hatten, bei bis zu 50 Grad Celsius im Schatten!“, schilderte Becker in seiner Autobiografie. Stich bereute seine Aktion, wie er immer wieder im Rückblick auf Olympia betonte: „Das war furchtbar schlecht von mir.“

Becker, Stich und das Davis-Cup-Drama in Moskau

Im Jahr 1995 taten sich Becker und Stich erneut zusammen, um gemeinsam den Davis Cup für Deutschland zu gewinnen. Die Mission scheiterte auf dramatischste Weise. Im Halbfinale in Russland führte Deutschland nach den Einzelsiegen von Becker und Stich mit 2:0, danach verloren die beiden im Doppel trotz 4:2-Führung im fünften Satz. Am Schlusstag zog Becker verletzungsbedingt von seinem zweiten Einzel zurück, Stich vergab schließlich im entscheidenden Einzel im fünften Satz neun Matchbälle bei eigenem Aufschlag gegen Andrei Chesnokov.

Nach der Niederlage vergrub er seinen Kopf minutenlang im Handtuch und weinte bittere Tränen. Becker versuchte, seinen Landsmann zu trösten und massierte ihm den Rücken. „Da gibt es nichts dran zu ändern: Ich habe versagt. Das war nicht die schlimmste, aber die schmerzhafteste Niederlage meiner Karriere. Als Mensch und Tennisspieler wird dieses Match mich immer prägen. Ich wusste nicht, wie brutal Sport sein kann“, sagte Stich hinterher völlig konsterniert. 

Boros Becker, Michael Stich

Frust in Moskau: Das Davis Cup-Halbfinale in Russland im Jahr 1995 verlief für Boris Becker und Michael Stich dramatisch – mit ganz bitterem Ende.Bild: Imago/Waldmüller

Damit war auch der große Traum vom Jahrhundertfinale gegen die USA geplatzt. Der Einzug ins Finale hätte dem Deutschen Tennis Bund (DTB) ein Gipfeltreffen mit Becker/Stich gegen Pete Sampras, Andre Agassi und Jim Courier gebracht. Ein Spektakel, das dem DTB Millionen an Einnahmen beschert hätte. „Es tat mir besonders leid für das Team, weil wir dadurch das sogenannte Jahrhundertfinale zu Hause gegen die USA mit Sampras und Agassi verpasst haben“, sagte Stich nach dem Ende seiner Karriere.