Emma Raducanu: „Ich bin viel stärker als früher“
Emma Raducanu, die aktuell verletzungsbedingt ausfällt, sprach im Interview mit ihrem Sponsor unter anderem über persönliches Wachstum und zukünftige Ziele.
Emma Raducanu verpasste in dieser Saison nicht nur Wimbledon, sondern auch die US Open. Auch auf der Asien-Tour sucht man ihren Namen vergeblich. Seit dem Finale im Londoner Queen‘s Club fällt die Britin verletzungsbedingt aus. Während ihrer Turnier-Pause gab sie dem LifeWear magazine des Modekonzerns ihres Sponsors Uniqulo ein Interview.
Raducanu: „Wenn man sich zu sehr unter Druck setzt, läuft es nicht gut“
Bezüglich zukünftiger Pläne sagte Raducanu: „Sportler haben eine so kurze Karriere. Ich werde weiterhin mein Bestes geben und den Weg dorthin in vollen Zügen genießen.“ Weiter sagte sie: „Natürlich habe ich konkrete Ziele, aber am wichtigsten ist es, sich auf jeden einzelnen Tag zu konzentrieren. Wenn man sich zu sehr auf Ergebnisse fixiert und sich selbst zu sehr unter Druck setzt, läuft es meistens nicht gut!“
Nach US-Triumph: „Erwartungen sind gestiegen, Kritik hat zugenommen“
Die 23-Jährige feierte schon in jungen Jahren einen großen Erfolg. Als Teenagerin gewann sie unerwartet die US Open. Sie spielte sich damals über die Qualifikation zum Sieg. „Ich war selbst ein bisschen verblüfft, weil ich erst 18 Jahre alt war. Ich glaube nicht, dass ich ganz begreifen konnte, was ein Grand Slam bedeutet“, erinnerte sich Raducanu. Der Grand Slam-Sieg habe ihr mehr Chancen eröffnet, als sie sich hätte vorstellen können. Die US Open-Siegerin von 2021 fuhr fort: „Es ist wie ein Traum, aber auch die Erwartungen sind gestiegen und die Kritik hat zugenommen. Manchmal war das schwierig für mich.“

Ihr größter Triumph liegt jetzt fünf Jahre zurück: Emma Raducanu bei den US Open 2021.Bild: Imago
Über die große mediale Aufmerksamkeit, den wachsenden Druck und die hohen Erwartungen, an den Erfolg in New York anzuknüpfen, sprach Raducanu bereits mit dem britischen Lifestyle-Magazin Grazia kurz bevor sie ihre Wimbledon-Teilnahme in diesem Jahr aufgrund ihrer Verletzung zurückgezogen hatte. „Jeder Fehler und jede Entscheidung wurde genau unter die Lupe genommen, sodass man zwar daraus lernt, aber auf einer öffentlichen Bühne“, erklärte sie damals.
Vorwurf: „One Hit-Wonder“
Raducanu wurde in ihrer Karriere häufig durch Verletzungen zurückgeworfen. Auch in diesem Jahr konnte sie kein richtiges Momentum während der Turniersaison aufbauen. Ihr größter Erfolg in der laufenden Saison: das Finale bei den HSBC Championships in London.

Lichtblick: Emma Raducanu zog im Londoner Queen’s Club ins Finale ein.Bild: Imago
Titel konnte sie auf der WTA-Tour seit ihrem US Open-Triumph keine mehr gewinnen. Besonders in den Sozialen Medien kritisieren User die fehlende Konstanz und betiteln den Sieg in Flushing Meadows als „One Hit-Wonder“.
Abgesehen davon, wird Raducanu von einer großen Fan-Base unterstützt. Auf ihrem Instagram-Account hat sie 2,9 Millionen Follower und erfährt viel mediale Aufmerksamkeit, vor allem in Großbritannien.
Raducanu: „Ich möchte eine Inspiration sein“
Auch ihre Zusammenarbeit mit ihrem Sponsor Uniqlo seit Februar 2026, sorgte für Schlagzeilen – Raducanu ist die erste weibliche Tennisbotschafterin der Marke. „Mir gefällt die Vorstellung, dass ich mit meinen Outfits Interesse am Tennissport und an Uniqlo wecken kann“, sagte Raducanu. Über das Fotoshooting mit ihrem Sponsor erzählte sie: „Ich möchte eine Inspiration für junge Mädchen sein. Während wir hier Fotos gemacht haben, sind ein paar Mädchen zu mir gekommen, um mir zu sagen: ‚Du bist mein Vorbild.’ Das macht mich sehr glücklich.“
Raducanu: „Ich bin viel stärker als früher“
Für die 23-Jährige sei es trotz Kritik und Online-Hass wichtig, ihre Funktion als Vorbild ernst zu nehmen. Gegenüber dem britischen Magazin Grazia sagte sie im Sommer: „Ich achte sehr darauf, wie ich mich auf und neben dem Platz verhalte, trotz Widrigkeiten oder Kritik.“
Dem LifeWear magazine von Uniqulo erzählte sie dann: „Ich habe mittlerweile viel gelernt und bin viel stärker als früher. Auch wenn ich natürlich immer noch viel zu lernen habe. Man kann wohl sagen, dass ich nun die Kraft habe, um mit allem umzugehen, was kommt.“

Glaubt nach wie vor an sich: Emma Raducanu, die aktuell nicht mehr in den Top 100 steht.Bild: Imago
Inspiration: Autobiografie von Andre Agassi
Raducanu befindet sich aktuell in einer herausfordernden Phase ihrer Karriere. Ihr bestes Ranking erreichte sie im Juli 2022 als Nummer zehn der Welt. Aktuell steht sie durch ihr verletzungsbedingtes Aussetzen auf Platz 100. Ein Buch habe die 23-Jährige diesbezüglich zuletzt besonders inspiriert: „Kürzlich habe ich die Autobiografie „Open“ des ehemaligen Tennisspielers Andre Agassi gelesen“, erzählte sie. Open wurde ursprünglich im November 2009 veröffentlicht (deutscher Titel: „Open: Das Selbstporträt).
„Besonders interessant fand ich den Teil, in dem er beschreibt, wie er sich aus seinem Tief Ende der 1990er-Jahre befreite (…) und sich wieder an die Spitze kämpfte“, berichtete Raducanu. Viele seiner Schilderungen seien für sie sehr gut nachvollziehbar gewesen.
Andre Agassi: „Wunderbar zu hören, dass sich jemand mit meinem Buch identifizieren kann.“
Auch Agassi, der mit 22 Jahren seinen ersten Grand Slam Titel (1992) in Wimbledon gewann, kämpfte mit Formkrisen. Zwischenzeitlich fiel der insgesamt achtfache Grand Slam-Champion auf Rang 141 der ATP-Weltrangliste. Im Vorfeld des Laver-Cups in London sagte Agassi bezüglich Raducanus Erwähnung seiner Autobiografie: „Es ist wunderbar zu hören, dass sich jemand damit identifizieren kann.“
Gegenüber BBC Breakfast erklärte Agassi die Beweggründe, seine Autobiografie zu veröffentlichen: „Ich hatte die Hoffnung, dass, wenn auch nur eine Person das liest und dadurch Hoffnung schöpft, Mittel an die Hand bekommt, um zu verstehen, dass sie nicht allein ist, dass sie einen Weg finden und zu mehr Ausgeglichenheit gelangen kann, ohne ihre Frustrationen am Tennissport auszulassen – dann wäre es für mich ein Erfolg gewesen.“ Der ehemalige Weltranglistenerste ergänzte: „Wenn ich also höre, dass es 17 Jahre später immer noch jemanden berühren kann, insbesondere in diesem Sport, dann gibt mir das ein gutes Gefühl.“
Agassis Ratschlag an Raducanu
Laut BBC gab Agassi Raducanu folgenden Ratschlag: „Ich würde sie dazu ermutigen, sich darauf zu konzentrieren, jeden Tag das Beste aus sich herauszuholen, aber das nicht an Ergebnissen zu messen (…)
Man muss lernen, sich dabei in seiner eigenen Identität wohlzufühlen – und nicht in dem, was andere sagen.“ Agassi, zu dessen aktiven Profizeiten die Sozialen Medien nicht, wie im heutigen Sinne, existierten, sagte: „Zu meiner Zeit konnte ich die Zeitung einfach beiseite legen und sie nicht lesen. Heute scheint es für die junge Generation schwieriger zu sein, dem auszuweichen.“
Rückkehr auf die Tour?
Wann genau Raducanu in den Turnieralltag zurückkehrt, ist noch unklar. Gegenüber dem LifeWear magazine hob die, in Toronto geborene, Profispielerin besonders das Reisen auf der Tour hervor: „Beim Reisen lerne ich mehr, als ich mir hätte wünschen können. Ich lerne alle möglichen Leute kennen und das erweitert meinen Blick auf die Welt. Durch Tennis habe ich auch gelernt, mich zu kontrollieren und Ängste zu überwinden.“

Zeitpunkt der Rückkehr auf die Tour noch nicht bekannt: Emma Raducanu fällt nach wie vor aus.Bild: Imago
Raducanus Zukunftspläne: Kunst statt Sport?
Normalerweise sei man als Tennisspielerin 35 Wochen pro Jahr auf Tour, erklärte sie – eine gute Regeneration und Erholung hätten Priorität. „Außerdem achte ich auf Abwechslung. Ich gehe spazieren, lese Bücher oder schreibe Tagebuch. Manchmal gehe ich auch ins Museum“, so Raducanu.
Apropos Kunst: Für einen Karriereweg nach Ende der Profikarriere habe Raducanu schon Pläne: „Ich hätte gerne eine eigene Galerie. Werke auf Leinwand und Skulpturen im Stil der modernen Kunst faszinieren mich besonders. Es ist erstaunlich, welch unterschiedliche Reaktionen Kunst hervorruft. Ich würde mich als Kuratorin gerne eingehender damit beschäftigen und einen Raum schaffen, der meine eigenen Empfindungen zum Ausdruck bringt.“
Funfact: Das hat Emma Raducanu mit einem Panda gemeinsam
Auf die Frage, welchem Tier sie am ähnlichsten sei, antwortete die Britin: „Das ist eine gute Frage! Vielleicht einem Panda? Bei Turnieren laufe ich viel. Die Leute halten mich deshalb für sehr fleißig. Doch abseits vom Tennisplatz gehe ich es gerne ruhig an und bewege mich nur, wenn ich muss. Vielleicht bin ich auch ein bisschen unnahbar, so wie ein Panda.“
Text: Anna Sophia Antic. Sie studiert Journalismus an der IU-Akademie.
