Faszination Collegetennis: Alles fürs Team

Collegetennis Bild: Georgia Southern University

Einstimmungs-Ritual: Die Spielerinnen der Georgia Southern University schwören sich auf die nächste Partie ein. Mit dabei ist auch Autorin Franziska Heinemann.

Nach dem Abitur in die USA zu gehen, um dort strukturiert zu trainieren und nebenbei zu studieren, wird für immer mehr Tennisbegeisterte aus Deutschland eine mögliche Option. Unsere Autorin hat sich für diesen Weg entschieden und beschreibt, warum Collegetennis so anders ist.

Es sind 30 Grad, die Sonne scheint gnadenlos vom Himmel Georgias und bricht sich im tiefen Blau der Tenniscourts. Wir alle stehen in unseren Team-Outfits bereit. In wenigen Minuten geht es los. Unsere Sachen liegen geordnet auf der Bank: Schläger, Handtücher, Griffbänder und für jeden die eigene Snack Box. Aus der Musikbox ertönt der wummernde Bass unserer Playlist, der den Puls schon vor den ersten Schlägen hochjagt. Wir starten in das Warm-up, laufen los, dann fliegen die Bälle rhythmisch übers Netz.

Nach dem Einspielen versammeln wir uns als Mannschaft. Spielerinnen, Trainer und Betreuer – Schulter an Schulter, Arm in Arm. Ein Moment des Zusammenkommens. Wir gehen taktische Details durch und motivieren uns lautstark. Danach wird es kurz still. Wir positionieren uns nebeneinander für die Nationalhymne. Direkt danach stellen wir Spielerinnen uns eng im Kreis zusammen und stecken die Köpfe zusammen. Die Stimme unseres Captains ertönt mit „GA!“, wir brüllen zurück mit „TA!“ GATA steht für „Get After Their Asses“ und heißt so viel wie: „Denen vermöbeln wir den Hintern!“ Genau diese kämpferische Einstellung nehmen wir jetzt mit auf den Platz. Rhythmus und Energie schrauben sich hoch, bis zum finalen Aufschrei: „Go Eagles!“ Alle Hände fliegen motivierend nach oben.

Collegetennis: Franziska HeinemannBild: Georgia Southern University

Hängt sich voll rein: Franziska Heinemann gewann in ihrer „Freshman-Season“, also in ihrer ersten Saison 2024/25, zwischenzeitlich sieben Einzel in Serie.

Schließlich ertönen aus den Lautsprechern unsere Namen. Voller Euphorie ruft uns der Stadionsprecher nacheinander auf, die Zuschauer jubeln uns zu und jeder geht nun fokussiert ins Match. Ich greife zu meinem Schläger, warte den Münzwurf ab und dann ist der Moment gekommen: Jetzt zählt jeder Punkt.

Collegetennis macht aus einer der einsamsten Sportarten einen Teamsport

Was in den nächsten Stunden auf den Courts entschieden wird, ist allerdings nur die sichtbare Oberfläche eines viel größeren Systems. College-Sport in den USA spielte bis Ende der 1990er-Jahre in Deutschland kaum eine Rolle. Aber in den letzten Jahrzehnten taucht der Begriff immer öfter in den Werdegängen von Athletinnen und Athleten auf. Das wachsende Interesse zeigt sich auch an der steigenden Zahl von Agenturen, die Sportlerinnen und Sportlern Studienplätze an US-Colleges vermitteln. Es ist ein lukratives Geschäft geworden. Am Beispiel des Tennissports lässt sich kaum eindrücklicher zeigen, wie einzigartig dieses System strukturiert ist: Es macht aus einer der einsamsten aller Sportarten einen Teamsport, ohne dass dabei die individuelle Entwicklung jedes Einzelnen auf der Strecke bleibt.

Im August 2024 hatte ich mich nach dem Abitur dazu entschlossen, meine sportlichen und akademischen Ziele in den Vereinigten Staaten weiterzuverfolgen. Ich komme aus Bad Driburg in Westfalen, bin 20 Jahre alt und spiele inzwischen – wenn ich in Deutschland bin – beim TC Herford in der Damen-Westfalenliga. Meine Leistungsklasse liegt bei LK 1,6. Bevor falsche Erwartungen geschürt werden: Das Profitennis ist nicht mein Ziel, aber ich will aus meinem Lieblingssport schon das Optimum für mich herausholen. Mein Gedanke war, dass dies an einem US-College am besten umzusetzen ist und ich gleichzeitig dort noch studieren kann. 

CollegetennisBild: Georgia Southern University

In Reih und Glied: Vor jeder Begegnung erklingt die Nationalhymne der USA. Das ist Tradition beim Collegetennis – genauso wie ein Spieltag immer mit den drei Doppeln beginnt.

So führte mich mein Weg nach Statesboro, in den Süden Georgias, an die Georgia Southern University, wo ich seitdem auf meinen Bachelor in Sportmanagement hinarbeite. Der Campus ist weitläufig, Studium und Leistungssport liegen hier so nah beieinander wie sonst kaum irgendwo: 28.000 Studierende insgesamt, von denen rund 450 als Athletinnen und Athleten aktiv sind, verteilt auf 15 Sportarten.

Collegetennis: Alles auf Bedürfnisse der Studenten zugeschnitten

Manche wie Volleyball oder Schwimmen sind nur für Frauen, andere wie Basketball oder eben Tennis stehen beiden Geschlechtern offen. Alles hier ist auf die Bedürfnisse der „Student-Athletes“ zugeschnitten: moderne Sportanlagen, mehrere Fitnessstudios, physiotherapeutische Betreuung, eigene Räume fürs mentale Training, kurze Wege zwischen Wohnheim und Hörsaal. Aber was bedeutet das eigentlich, wenn man – wie ich – Teil einer Collegetennis-Mannschaft wird?

Die Antwort beginnt mit etwas, das im Tennis sonst kaum eine Rolle spielt: dem Team. Nicht die Einzelleistung steht hier im Mittelpunkt, sondern das Ergebnis der gesamten Mannschaft. Jeder einzelne Punkt zählt für das Team. Wir sind sieben Spielerinnen aus sieben verschiedenen Nationen, jede mit eigenen Werten, eigenen Traditionen, eigenen Perspektiven, und doch verfolgen wir alle dasselbe Ziel. Genau dieses Nebeneinander unterschiedlicher Hintergründe schafft eine Teamkultur, die eine ganz eigene, intensive Verbindung zwischen uns entstehen lässt.

Als wir vor zwei Jahren gemeinsam zu den US Open 2024 fuhren, ging es längst nicht mehr nur darum, den Profis zuzusehen – der eigentliche Wert bestand darin, diesen Moment als Einheit zu erleben. Unser Trainer Sean McCaffrey beschreibt das als „ein unterstützendes, dynamisches und positives Umfeld“, das sich gemeinsam „weiterentwickelt“. Gemeinsame Trainingseinheiten, Reisen, Wettkämpfe – all das zahlt auf dasselbe Konto ein: das eines sozialen Netzwerks aus Zusammenhalt und gegenseitiger Motivation, das weit über den Platz hinausreicht.

Collegetennis: 20 Stunden Training pro Woche

Wie viel davon tatsächlich in unseren Alltag hineinfließt, wird spätestens im August spürbar, wenn wir nach drei Monaten Sommerpause auf den Campus zurückkehren. Zunächst beginnt eine eher moderate Trainingswoche mit Schlag- und Koordinationseinheiten, das Team findet zueinander zurück. Über die Courts hallen dabei immer wieder dieselben Rufe: „Go Eagles, Go Southern“, „Go Blue, Go White“. Danach steigt die Intensität kontinuierlich: Schließlich stehen 20 Stunden Training pro Woche auf dem Plan, aufgeteilt in Technik- und Schlagtraining, Punkt- und Wettkampfsimulation, Kraft- und Schnelligkeitsübungen, stets unterbrochen von den wichtigen Regenerationsphasen. 

CollegetennisBild: Georgia Southern University

Schlachtruf: Go Eagles, Go Southern.

Die NCAA, also die Dachorganisation der Sportprogramme an den Unis in den USA, schreibt mindestens einen trainingsfreien Tag pro Woche für alle Student-Athletes vor. Das sind die Tage, die wir meistens im Physiotherapieraum verbringen. Unsere Physiotherapeutin Kaitlyn Meyers sagt, es gehe dabei nicht nur um die Behandlung von Verletzungen, sondern darum, dass sich jede Spielerin „bestmöglich auf dem Platz fühlen“ kann. „Vorbeugung von Verletzungen und gezielte Reha-Pläne“ seien für die Leistung enorm wichtig. 

Parallel dazu arbeiten wir als Team kontinuierlich an Konzentration und Fokus – mit unserem Mentaltrainer Brian Murray, der einmal zu mir sagte: „Der mentale Teil im Tennis ist so wichtig, weil der Geist an jeder Entscheidung, jedem Gedanken und jeder erlebten Emotion beteiligt ist.“ Tag für Tag lernen wir, wie er es nennt, „strategisch zu denken, Situationen so wahrzunehmen, dass es die Leistung fördert“. 

Die Wertschätzung für den Sport

Und selbst das, was auf den ersten Blick wenig mit Tennis zu tun hat, bekommt hier ein eigenes Gewicht: die Ernährung. „Ernährung beeinflusst jeden Bereich des Lebens“, sagt unsere Ernährungsberaterin Rebekah Leger: „Was der Spieler isst, macht den Unterschied.“ Im Grenzbereich könne die richtige Ernährung sogar den Ausschlag in einem engen Match geben.

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch etwas anderes – etwas, das ich erst nach den ersten Wochen wirklich verstanden habe. Fragt man hier auf dem Campus irgendjemanden, wie sich das College von einer Universität in Europa unterscheidet, bekommt man erstaunlich schnell eine klare Antwort. Eine Athletin aus dem Sportschießen sagte mir: „Die Leistungsförderung des Sports steht klar im Vordergrund, und egal wo du dich hier befindest, eine echte Wertschätzung des Sports wirst du immer sehen.“ Eine Mannschaftskameradin aus Spanien drückte es so aus: „Der Sport steht an erster Stelle und alles andere ist eher zweitrangig.“ 

Genau das zeigt sich in jedem Stundenplan, jeder Trainingseinheit, jedem Wettkampftag: Der Sport bestimmt den Tag. Meine Kurse an der Uni werden um die Trainingszeiten herumgelegt, sportliche Termine haben grundsätzlich Vorrang – eine Umkehrung dessen, was ich aus Deutschland kannte, wo der Sport fast zwangsläufig an zweiter Stelle hinter der akademischen Ausbildung steht.

Collegetennis: Die Unterschiede zu deutschen Punktspielen

Deutlich anders als in Deutschland ist auch der Ablauf eines Spieltags. Bei den deutschen Punktspielen starten vier oder sechs Spielerinnen mit zwei Einzelrunden, danach folgen drei Doppel. Jedes gewonnene Match bringt der Mannschaft einen Punkt. In den USA ist die Reihenfolge umgekehrt: Wir beginnen gleichzeitig mit drei Doppeln. Wer zwei von drei Doppeln gewinnt, sichert der Mannschaft den einen Doppelpunkt. „Der Doppelpunkt spielt im US-Collegetennis eine absolute Schlüsselrolle“, sagt unser Coach immer wieder und schwört uns stets mit voller Energie auf die Doppel ein.

Collegetennis – Franziska HeinemannBild: Georgia Southern University

Unsere Autorin in ihrem Team-Dress: Franziska Heinemann, 20, absolvierte während ihrer Semesterferien ein Praktikum beim tennis MAGAZIN.

In Deutschland ist es dagegen oft so, dass die Doppel nach den Einzeln eher eine lästige Pflichtaufgabe sind und oft genug einfach abgeschenkt werden. Das System in den USA würde selbst einen Gedanken daran niemals aufkommen lassen. Wenn also der Doppelpunkt vergeben ist, folgen alle sechs Einzel parallel. Und dann kommt irgendwann der Moment, der das Collegetennis von allem anderen unterscheidet, was ich kenne: Es kommt zum „Clinch“. Sobald eine Mannschaft vier Punkte erreicht hat, ist die Begegnung entschieden. Alle noch laufende Einzel werden sofort abgebrochen – unabhängig vom Spielstand. 

Vielleicht beschreibt genau das College-tennis am treffendsten: eine Sportart, die abrupt enden kann, sobald die Mannschaft ihr Ziel erreicht hat – und die einen bis dahin jeden Tag sportlich wie menschlich fordert. Die Verbindung aus akademischer Ausbildung, leistungsorientiertem Training und einer außergewöhnlichen Teamkultur schafft einen Rahmen, in dem man wächst – oft, ohne es im Moment selbst zu bemerken. Strukturierter Trainingsalltag, professionelle Betreuung und ein starkes Gemeinschaftsgefühl machen diese Zeit zu einem der prägendsten Abschnitte meines bisherigen Lebens. Collegetennis? Ich liebe es!

Wie aktuelle und ehemalige Profis über ihre Zeit am College denken

Ben Shelton

„Man hat so viele Verantwortlichkeiten, die über das Dasein als Sportler hinausgehen. Es ist wichtig, in diesem Umfeld reifen und wachsen zu können und sich um Dinge zu kümmern, die größer sind als man selbst.”

Arthur Rinderknech

„Ich hatte das Gefühl, dass es für mich am besten passte. Ich war Junior nicht die Beste. In Frankreich lag ich in meiner Altersklasse wahrscheinlich nur auf Platz fünf, sechs oder sieben, daher hatte ich nicht viel Unterstützung. Ich wollte weiterhin Tennis spielen und nicht nur zur Schule gehen, und in den USA konnte ich beides unter einen Hut bringen – deshalb habe ich mich entschieden, dorthin zu gehen. Es war einfach eine großartige Erfahrung, und ich habe mich stetig verbessert. Es geht einfach darum, die Erfahrung von Mannschaftsspielen zu machen. Man spielt mit seinen Brüdern. Ich würde um nichts in der Welt etwas daran ändern wollen. Wenn ich morgen zurück ans College gehen und diese Erfahrung noch einmal machen könnte, würde ich es tun. Ich habe es so sehr geliebt. Ohne College-Tennis wäre ich nicht der Spieler, der ich heute bin, und würde heute wahrscheinlich gar kein Tennis mehr spielen.”

Rafael Jodar

„Meine Zeit am College hat eine riesige Rolle für meine Entwicklung gespielt. Die University of Virginia wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.”

Yannick Hanfmann

„Spielerisch habe ich mir durch die College-Zeit die nötige Matchhärte erarbeitet. Man bekommt immer wieder Matches in kurzer Zeit.”

Danielle Collins

„Der Weg über das College hat mir geholfen, mental und emotional zu reifen. Es hat mir physisch auch ein bisschen Zeit zum Hereinwachsen in meinem Körper gegeben. Dieser Weg war wichtig für mich.”

Alexander Waske

„Wer einmal die Chance hatte, in den USA für ein College-Team anzutreten, wird seine Einstellung zum Tennis plötzlich und unwiderruflich für immer verändern.”

Emma Navarro

„Ich habe das College geliebt, und ich habe es geliebt, Teil eines Teams zu sein. Ein eher traditioneller Weg ins Profitennis wäre wahrscheinlich nichts für mich gewesen. Ich brauchte die Zeit auch, um ein halbwegs normales Leben als Teenager führen zu können.”