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Die Russen und ihr „König der Kapitäne“

Das nennt sich wohl freie Auswahl: Russlands Davis Cup-Teamchef Shamil Tarpishev hat mit Nikolay Davydenko, Mikhail Youzhny, Marat Safin, Dmitry Tursunov und Igor Andreev gleich fünf Top 50-Spieler in seinem Kader was für eine Besetzung! Aber vielleicht auch die Qual der Wahl? Weltranglisten haben im Davis Cup etwa die Bedeutung von Holzschlägern im Tennis des 21. Jahrhunderts, sagt Tarpishev. Er mag solche witzigen Antworten, bei denen er keine Miene verzieht. Für ihn zählt bei der Aufstellung gegen die Deutschen die Tagesform seiner Stars und der jeweilige Spielstand wie in jeder anderen Partie auch, bemerkt er trocken.

Ungeschlagen in der Heimat

Tarpishev hat im Davis Cup schon alles erreicht. Er saß von 1974 bis 1991 auf der Bank des russischen Teams. Nach einer Unterbrechung kehrte er 1997 zurück auf seinen angestammten Platz und seitdem hat Russland kein Heimspiel mehr verloren. 70 Davis Cup-Partien hat Tarpishev als Coach begleitet, 44 davon gewann er. Zum Vergleich: Patrik Kühnen bringt es bislang auf elf Einsätze (bei sieben Siegen). Unter Tarpishev gewann Russland seine beiden Davis Cup-Titel: 2002 in Paris und 2006 in Moskau. Parallel ist Tarpishev auch noch Fed Cup-Chef. Mit seinem Damenteam gewann er in den letzten vier Jahren drei Titel den letzten vergangenes Wochenende in der kleineren Luzhniki Arena (6500 Zuschauer) von Moskau.  Zweimal Davis Cup, dreimal Fed Cup kein anderer Teamchef ist erfolgreicher als Tarpishev. Für den König der Kapitäne war das Fed Cup-Finale nur der Aufgalopp für das Davis Cup-Halbfinale gegen Deutschland. „Russland kann das Double dieses Jahr gewinnen – das wäre doch etwas“, kündigte er an.

Russlands Tennisvater

Viel Arbeit auf der Bank und auf dem Platz für den erfahrenen Coach, der in seiner Heimat wahlweise als Tennis-Genie oder als Russlands Tennisvater bezeichnet wird. Keiner kennt uns so gut wie er. Immer weiß er, wie wir uns fühlen und in welcher Form wir sind, hatte Mikhail Youzhny beim letztjährigen Davis Cup-Finale gegen Argentinien gesagt. Youzhny erweckte den Eindruck, als würde das russische Team vor allem aus einer Person bestehen: Shamil Tarpishev. So extrem ist es nicht, aber ohne ihn, den Kapitän, wäre Russlands Davis Cup-Mannschaft nur halb so stark. Und das russische Tennis nur halb so weit entwickelt.
Wegbereiter der Erfolge

Tarpishev gilt als der Wegbereiter der großen russischen Tenniserfolge. Als Tennis in den 80er Jahren wieder olympische Sportart wurde und damit hohe Geldbeträge für die Förderung des damals noch kommunistischen Regimes erhielt, wuchs der weiße Sport enorm. Tarpishev förderte Nachwuchsspieler, bildete Trainer aus, kümmerte sich um den Bau neuer Tennisplätze, wurde Präsident des russischen Tennisverbandes und Berater des Kremlin Cups in Moskau. Mit dem politischen Umbruch kam Boris Jelzin an die Macht, ein Freund Tarpishevs und tennisverrückt. Er nahm Privatunterricht bei Tarpishev und war bei allen späteren Erfolgen als Zuschauer dabei. Sein letzter großer Moment als Tennisfan, bevor er im April 2007 verstarb, war der Davis Cup-Sieg 2006 in Moskau.

Unberechenbarkeit macht ihn berüchtigt

In dem letztjährigen Finale demonstrierte Tarpishev seine Unberechenbarkeit als Kapitän, die ihn so berüchtigt macht. Obwohl Marat Safin sein erstes Einzel verlor und sich lautstark über die Wahl des Belags (Teppich) aufregte, die Tarpishev zu verantworten hatte, wurde Safin kurzfristig für das Doppel nominiert. Er gewann es (mit Dmitry Tursunov) und holte am Schlusstag sogar den dritten Punkt. Mit Safin als Matchwinner konnte niemand rechnen, denn er hatte ein absolutes Seuchenjahr hinter sich. Tarpi­shev hingegen wusste, dass er auf Safin zählen konnte. So etwas verrät mir mein Bauchgefühl, kommentierte er seine Wahl. Auch im Halbfinale 2006 überraschte er den Gegner, die USA, mit einer abenteuerlichen Aufstellung. Statt den damaligen Weltranglisten-Vierten, Nikolay Davydenko, aufzubieten, schickte er den bis dahin noch ziemlich unbekannten Dmitry Tursunov ins Rennen. Er schlug Andy Roddick 17:15 im fünften Satz. Es war das Match meines Lebens, stammelte er. Tarpishev hatte es ihm ermöglicht.

Neues nationales Trainingszentrum ab 2009

Für ihn spielen Status und Renommee seiner Spieler anscheinend keine Rolle. Er behandelt alle gleich egal, was sie vorher geleistet haben. Wir sind ein Team, keine Ansammlung von Einzelkönnern, verrät er seine Maxime. Dass seine Spieler seit ihrer Kindheit eigentlich keinen Bezug mehr zu Russland haben, stört Tarpishev dabei nicht. Davydenko ging mit 15 Jahren nach Deutschland, Safin mit 14 und Andreev mit 15 nach Spanien, Tursunov mit zwölf nach Kalifornien. Wenn ein Kind mit 14 Jahren ins Ausland geht, werden Kapazitäten für den nächsten Nachwuchsspieler frei. Deshalb habe ich die Jungs ermuntert, wegzugehen. So arbeitet die Tenniswelt im Prinzip für uns, erklärt er einen Mechanismus seines Fördersystems. Künftig will der russische Verband seinen Talenten in der Heimat aber mehr bieten. Anfang 2009 soll auf halber Strecke zwischen Stadtzentrum und dem Flughafen Sheremetievo ein neues nationales Trainingszentrum eröffnet werden. Mit sechs Hallenplätzen, 16 Freiplätzen, Fitnesszentrum, Hotel und Einkaufsmeile. Wir wollen damit den Erfolg der nächsten Generation sicherstellen, erklärt Alexei Selivanenko, Vize-Präsident des russischen Verbandes. Cheftrainer soll Shamil Tarpishev werden wer sonst?   

Tim Böseler