Italien feiert Flavia Pennetta (r.) und Roberta Vinci

Roberta Vincis Rücktritt: Ein Brief als Entschuldigung

Roberta Vinci ist in dieser Woche nach ihrem Erstrundenaus bei den Italian Open in Rom vom professionellen Tennis zurückgetreten. Die Italienerin mit dem begnadeten wie ekligen Rückhandslice wird vor allem wegen ihrem berüchtigten US Open-Turnier 2015 in Erinnerung bleiben, in dem sie sich wie ihre beste Freundin Flavia Pennetta sensationell ins Finale vorspielte. tM-Chefredakteur manifestierte diese Sensation anno 2015 in einem ehrlichen Brief an die beiden Italienerinnen.

Liebe Flavia, liebe Roberta,

ich muss mich entschuldigen. Ich war arrogant. Ich wollte euch nicht im Finale der

US Open sehen. Nicht euch, ihr seid die Nummer 43 und die Nummer 26 der Welt. Das hier sind die US Open. Das Arthur Ashe-Stadium ist das größte der Welt. Fast 24.000 Zuschauer passen rein. Sie haben es verdient, die Besten der Branche zu sehen.

Für euch ist die Bühne zu groß. Wenn ihr das Finale in Palermo gespielt hättet – okay. Aber das hier ist New York!

So dachte ich zumindest vor eurem Endspiel. Ja, es war etwas Neues. Zwei Italienerinnen in einem Grand Slam-Finale – das gab es bisher noch nicht. Eine italienische US Open-Siegerin auch noch nicht. Und eine von euch beiden, so viel war klar, würde ja gewinnen. Darüber habt ihr euch schon vor dem Match beim Aufwärmen in der Muckibude gefreut. Ihr seid auf den Platz gegangen und habt gesagt: Ist doch egal, wer gewinnt. Wir sind jetzt schon happy.

Und dieses Gefühl hat man gespürt. Vor dem Fernseher und im Stadion, in dem es jetzt mit der neuen Dachkonstruktion lauter ist als früher. Die ersten Spiele waren nicht berauschend. Ihr wart nervös. Aber ihr habt alles gegeben. Ihr seid gelaufen. Habt auf die Bälle gedroschen. Habt angegriffen und gebissen.

Roberta Vinci in Nürnberg am Start

Du, Roberta, hattest dein persönliches Endspiel schon hinter dir. Das Halbfinale gegen Serena – das Match deines Lebens. Hinterher hast du dich, was unglaublich sympathisch war, entschuldigt. Du hast den Amerikanern gesagt: „Sorry, dass ich Serena geschlagen habe. Sorry, dass ich ihr den Grand Slam kaputt gemacht habe.“

Und du Flavia, du hattest auch schon ein Riesenturnier in den Knochen, hast nacheinander die frühere US Open-Siegerin Sam Stosur, die zweifache Wimbledonsiegerin Petra Kvitova und die Nummer zwei der Welt, Simona Halep, aus dem Weg geräumt. Wahrscheinlich warst du einen Tick frischer und besser als Roberta. Du wusstest auch über ihren fiesen Rückhand-Slice ganz genau Bescheid, mit dem sie Serena nerven konnte, aber doch nicht dich. Ihr kanntet euch schließlich schon als Neunjährige, drei Jahre habt ihr in Rom zusammen gewohnt und euch abends Spaghetti Bolognese gekocht.

Nach dem du, Flavia, den ersten Satz im Tiebreak gewonnen hattest, ging alles ganz schnell. Da konnte man kaum einen Espresso schlürfen und das Ding war durch – 7:6, 6:2.

Und dann kam das Beste – Mamma mia. Ihr habt so tolle Werbung für Bella Italia gemacht, dass euer Premierminister Signore Renzi, der auf der Tribüne saß, euch lebenslang Pizza spendieren müsste. Für den Trip in den Big Apple und die Verschwendung von Steuergeldern wurde er zuhause von der Opposition verdroschen. Ihr aber seid Heldinnen. Nach dem Finale habt ihr euch umarmt. Ihr habt gelacht, ihr habt gescherzt, als würdet ihr Prosecco in eurem Club in Brindisi trinken. Und bei der Siegerehrung hast du, Roberta, deiner Freundin den Siegerscheck kurz geklaut. Schon klar, die 3,3 Millionen Dollar hättest du auch gern kassiert. Wobei: 1,6 Millionen sind auch nicht schlecht.

Man freute sich, dass ihr euch gefreut habt und hätte eigentlich nach Hause gehen und mit einem Grappa anstoßen können. Aber dann musstest du, Flavia, noch einen draufsetzen. Du hast deinen Abschied verkündet. Du hast das getan, was keiner vor dir geschafft hat. Du hörst auf dem Höhepunkt deiner Karriere auf (zumindest am Jahresende). Bei deinem 49. Grand Slam-Turnier, mit einem echten Knaller.

Trotz Endspiel ziemlich beste Freunde: Roberta Vinci und Flavia Pennetta

Später hast du verraten, dass du schon bei den French Open keine Lust mehr hattest: die Reiserei, die vielen Matches, die ganze Quälerei. Deine Familie, dein Team und dein Freund Fabio (Fognini), der wie euer Premier extra aus Rom angedüst kam, waren eingeweiht. Aber du, Roberta, hattest keinen blassen Schimmer und warst genauso baff wie wir alle.

Flavia, du bist 33 Jahre alt, du hast dich mit 2.000 Punkten auf Platz acht der Weltrangliste katapultiert, du hast dir deinen Abschied mit einem Scheck vergoldet, von dem wir alle nur träumen können. Vielleicht kriegst du bald Kinder und hast alles richtig gemacht (Anm. d. Red mittlerweile hat sie Familie). Und du, Roberta, du warst die beste Freundin, die man sich in so einem Moment vorstellen kann.

Grazie mille für eine tolle Italian Open-… äh, US Open-Show!

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