Anastasija Sevastova

Anastasija Sevastova vor US Open-Halbfinale – zurück aus dem Nichts

Text: Inga Radel



Die Lettin Anastasija Sevastova steht im Halbfinale der US-Open, auf dem Weg dorthin hat sie viel erlebt.  2011 mal in den Top 40, verlor sie anschließend die Freude am Tennis und hörte auf. Die Wahl-Österreicherin kämpfte sich zurück und ist besser als je zuvor – auch dank Tipps von Thomas Muster.

(Dieser Text erschien ursprünglich in Ausgabe 08/2017)

Anastasija Sevastova denkt und flucht auf dem Tennisplatz auf deutsch. „Auf Österreichisch“, korrigiert sie. Ihr Lieblingswort auf Wienerisch lautet „Oida“. Das heißt so viel wie „Alter“ und ist ein Allzweckwort, das in allen Lebenslagen funktioniert. Zum Beispiel 1.) als Missfallensbekundung und 2.) als Anrede eines Mitbürgers. So kann die 27-Jährige sich in einem Abwasch über schlechte Schläge ärgern und zugleich mal ihren Trainer und Lebensgefährten Ronald Schmidt  im On-Court-Interview anpflaumen. „Ich könnte auch auf Lettisch, Russisch oder Englisch fluchen, aber wegen Ronny mache ich das auf Österreichisch“, sagt die Lettin und strahlt über sich selbst.

Sevastova: Partner und Trainer

Die beiden sind ein besonders sympathisches Paar auf der WTA-Tour. Schmidt (37), der schon Thomas Muster bei dessen spätem Comeback mit 43 zwei Jahre betreut hatte, sagt über die Trainer-Spielerin-Beziehung: „Es ist bei uns relativ einfach. Wir sind beide vom Charakter her ähnlich und können das wirklich trennen, von einer Sekunde auf die andere. Es gibt Zeiten, wo es auch wirklich kracht, aber wenn ein Match aus ist, ist das für uns erledigt.“

Anastasija, genannt „Nasty“, Sevastova lernte ihren „Ronny“ 2014 kennen. Im Mai 2013 hatte sie wegen Motivationsproblemen und Verletzungen (am Rücken und am rechten Schlagarm) ihre erste Karriere beendet und gab nun für 20 Euro Tennisstunden im „Better Tennis Center“ Alt Erlaa in Wien. Schmidt, einst unter den ersten 50 in Österreich, war ihr Trainerkollege. An den Wochenenden studierte sie in Blockseminaren Tourismusmanagement an der Fachhochschule in Krems. „Aber unter der Woche haben wir als Kollegen jeden Abend etwas zusammen unternommen und uns gut verstanden“, erzählt Ronald Schmidt. Sevastova hatte noch nicht viele Freunde in Wien, er als neu zugezogener Steirer auch nicht. So beginnen Liebesgeschichten. In dem Fall wurde daraus auch eine Erfolgsstory.

 

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Studiert hat sie übrigens nur vier Semester ohne Abschluss. „Na, geh“, wienert sie. „Es war nichts Neues, nichts Besonderes. Zu dem Zeitpunkt war es interessant, mal etwas anderes als Tennis zu machen.“ In Wien lebte Sevastova bereits seit 2009 – um bei dem österreichischen Coach Martin Ruthner zu trainieren. Unter ihm hatte sie 2010 ihren ersten WTA-Titel im portugiesischen Badeort Oeiras gewonnen und kletterte bis auf Platz 36 der Weltrangliste (Ende Januar 2011), nachdem sie das Achtelfinale der Australian Open erreicht hatte. Aber sie verlor irgendwann die Freude am Tennis. „Mental war ich an keinem guten Platz.“ Sie hörte einfach auf. Obwohl das Potenzial der Touchspielerin mit der beidhändigen Bilderbuch-Rückhand immer unbestritten war. Bereits mit 15 Jahren hatte sie im Fed Cup für ihr Land debütiert.

Die frühere lettische Fed Cup-Spielerin und heutige Trainerin Agnese Gustmane (geborene Blumberga), die lange in Hamburg gewohnt hat, erinnert sich noch an die 12-jährige Anastasija. Gustmane organisierte 2002 als Bezirkstrainerin des Bezirks West in Schleswig-Holstein einen Austausch mit Jugendlichen aus Sevastovas Geburtsstadt Liepaja. Alle waren privat untergebracht. Die kleine „Nasty“ spielte im norddeutschen Raum mehrere Turniere. Agnese Gustmane (46; höchstes Karriere-Ranking 155) schwämt von ihr: „Sie spielte schon als Mädchen ein traumhaftes Tennis; ihr Spiel ist zum Lehrbücher schreiben. Und sie ist ein super Mensch. Ich bin echt stolz auf sie!“

Es gibt noch einen zweiten Bezug zu Deutschland. 2014 bestritt Sevastova ganz nebenbei vier Punktspiele für den Braunschweiger THC in der Zweiten Bundesliga Nord. Zu den Matches, die sie alle gewann, flog sie ganz unvorbereitet, teils direkt von Reisen mit ihrer Fachhochschule. „Die Lust auf Tennis ist durch die Liga-Matches zurückgekommen. Da hat sie Carina Witthöft ohne Training glatt 6:3, 6:2 geschlagen – einfach aus dem Stand“, erinnert sich ihr Trainerfreund.

„Ich habe gemerkt, da geht noch was“, sagt Sevastova. Beide betonen, dass er sie zu nichts überredet hat. „Ich wäre auch happy gewesen, wenn sie nicht mehr gespielt hätte“, sagt er. Dass sie das Tennis noch in sich hat, war offensichtlich. „Das hat jeder gesagt und gesehen“, berichtet Sevastova. Ihren Tennisstil beschreibt sie so: „Wegschießen kann ich niemanden. Aber ich kann auf allen Belägen spielen, ich bin eine Allroundspielerin mit ein bisschen Touch. Ich mag es, Stopps zu spielen – aber manchmal sind es zu viele.“ Sie spielt variantenreich wie nur sehr wenige, sie kann Bälle früh nehmen, sie hat ein super Spielverständnis und sie kann sehr gut umschalten von Defensive auf Offensive. „Ich glaube, dass ich in meiner zweiten Karriere besser spiele. Ich gehe mit Druck jetzt auch anders um als früher.“

Der Weg zurück für Sevastova

Die Entscheidung, es noch einmal zu versuchen, traf sie während eines Lettland-Urlaubs im August 2014, als sie ihrem Freund ihre Heimatstadt Liepaja zeigte. Die Tochter einer Englisch-Lehrerin hatte als Sechsjährige mit Tennis angefangen – wegen ihrer tennisbegeisterten Großmutter, die zwar selbst nie aktiv war, aber tennisspielende Freunde hatte – und die viel Wert auf Disziplin legte. Sevastova, deren Vorbilder Steffi Graf und Andre Agassi waren, zeigte Schmidt ihre alte Schulturnhalle, in der sie im Winter trainieren musste, weil es in Liepaja bis heute keine Tennishalle gibt. „Ronny hat sich umgeguckt und wollte es unbedingt ausprobieren, dort zu spielen. Aber er hat nichts hinbekommen. Es war lustig“, erzählt Sevastova. Sie ist heutzutage die zweitberühmteste Sportlerin der Hafenstadt an der Ostsee im Westen des Landes. Lettlands Basketball-Superstar Kristaps Porzingis (22) von den New York Knicks, der oft mit dem jungen Dirk Nowitzki verglichen wird, stammt auch aus der mit 78.000 Einwohnern drittgrößten Stadt des kleinen Landes.

Nach diesem Urlaub fingen Sevastova und Schmidt langsam mit dem Aufbautraining an, um 2015 die zweite Karriere zu starten. Vormittags trainierten sie drei Stunden miteinander, ab 14 Uhr gaben sie weiterhin Stunden bei Better Tennis. „Wir haben das ganz ohne Sponsoren und Wildcards geschafft, wir haben alles aus der eigenen Tasche bezahlt und dabei nicht unsere Arbeit liegenlassen“, sagt Sevastova.

FOKUSIERT: Anastasija Sevastova überrascht bei den US-Open mit einer Mischung aus Konzentration und Energie.

Aber sie hatten von Beginn an einen prominenten Berater: Schmidts alten Freund Thomas Muster. Über den 49-Jährigen, der auch Steirer ist, sagt Ronald Schmidt: „Thomas gibt uns immer wieder Ratschläge, wir haben ein super Verhältnis zu ihm und sind sehr froh, dass er uns bei vielen Sachen hilft – bei der Turnierplanung, beim Trainingsaufbau und bei mentalen Dingen.“

Sevastovas zweites Tennisleben begann ganz bescheiden bei einem 10.000-Dollar-Turnier in Ägypten. Dort holte sie Anfang Februar 2015 auf Anhieb im Einzel und Doppel den Titel. Zwei Wochen später gelang ihr das gleiche bei einem 10.000er in der Slowakei; jeweils aus der Qualifikation heraus gewann sie 25.000er in Indien (April) und Wiesbaden (Mai). Vier Turniersiege bei den ersten fünf Turnieren. Nach drei Monaten stand sie in den Top 300.

Und im August 2016 stand Anastasija Sevastova dann im Viertelfinale der US Open, das muss man sich mal vorstellen. Sie hatte in der zweiten Runde Garbiñe Muguruza aus dem Turnier geworfen und im Achtelfinale Johanna Konta. Zwar verlor sie dann körperlich angeschlagen gegen Caroline Wozniacki (0:6,2:6), „aber im Viertelfinale bei den US Open auf dem Arthur Ashe zu spielen, das war bisher das Größte für mich.“ Als erste Lettin seit Larisa Neiland (1994 in Wimbledon) stand Sevastova unter den letzten Acht eines Majors. Und am 15. Mai 2017 tauchte sie als Weltranglisten-18. erstmals in den Top 20 auf.

In Roland Garros wurde sie von der furcht- und respektlosen Jelena Ostapenko (20) als lettische Nummer eins abgelöst. Auf die Frage, ob die beiden ein gutes Verhältnis haben, sagte Sevastova 2016 in der lettischen Sportsendung „Sporta Studija“: „Offenbar nicht. Sie grüßt mich nicht. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Wahrscheinlich gefällt ihr nicht, dass ich keinen Fed Cup spiele. Aber was soll ich machen? Ich habe den lettischen Verband um Unterstützung gebeten, aber sie haben mir nichts angeboten.“ Zwischen 2005 und 2010 kam Sevastova auf 15 Fed Cup-Einsätze mit einer 10:3-Einzelbilanz; seit ihrer Rückkehr auf keinen mehr. Zu Ostapenkos French Open-Triumph sagt sie: „Vielleicht passiert da etwas im lettischen Tennis mit diesem Erfolg. Hoffentlich! Sonst passiert da leider nichts. Wir sind ein so kleines Land. Für mich hat sich bisher nichts geändert.“ Wurde sie denn schon gefragt, in Zukunft für den österreichischen Tennisverband (ÖTV) anzutreten? „Bisher gab es keine offizielle Anfrage. Wenn sie mich fragen, muss man schauen.“

Ronald Schmidt antwortet auf die Frage, was sie ausmacht: „Sie ist ein richtig guter Mensch. Sie ist immer ehrlich.“ Die beiden wohnen in seiner Heimat in Troifajach in der Steiermark – nach wie vor in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. „Wir waren auch glücklich mit nicht so viel Geld, das ändert den Menschen nicht“, sagt sie. Anastasija Sevastova ist glücklich in Österreich. Und die Wiener Schimpfwörter hat sie zur Not alle parat.

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