Middle Sunday: The Championships – Wimbledon 2016

Annika Beck: „Ich habe Tennisplatz gegen Hörsaal getauscht“

Sie galt lange als künftige deutsche Topspielerin, doch im Oktober verkündete Annika Beck überraschend das Ende ihrer Profikarriere. Über die Gründe ihres Rücktritts sprach die 24-Jährige im Interview mit tennis MAGAZIN.

Annika, Sie haben vor einigen Wochen via Twitter bekannt gegeben, dass Sie neue Schwerpunkte in Ihrem Leben setzen werden und Tennis künftig nur noch hinten ansteht. Warum beenden Sie Ihre Karriere mit gerade mal 24 Jahren?
Um das in all seiner Komplexität angemessen zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen.

Gerne!
Seit meiner Kindheit habe ich den Tennissport betrieben und liebte ihn von Anfang an. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich zum ersten Mal auf dem Platz. Mit zwölf Jahren habe ich mich voll aufs Tennis konzentriert und andere Hobbies zurückgestellt. Für die nächsten Jahre gab es nur Tennis und Schule, was nicht immer einfach zu vereinbaren war. Eine Profikarriere, in Wimbledon und bei US Open zu spielen – das war mein Traum, für den ich alles gegeben habe. Schon mit 17 habe ich das Abitur gemacht und mein Traum wurde wahr. Mit 18 Jahren gewann ich die French Open bei den Juniorinnen, errichte die Top 100 auf und blieb dort für fünf Jahre. Es war eine faszinierende Zeit. Die großen Turniere, die Reisen, herrliche Siege und natürlich auch bittere Niederlagen. 2016 war ein besonderes Jahr für mich: Olympische Spiele in Rio und Platz 37 in der Weltrangliste – mein Bestwert.

Was geschah nach diesem Erfolgsjahr?
Mich warfen unterschiedliche Verletzungen immer wieder zurück. 2017 konnte ich nur wenig trainieren, musste lange Pausen machen. In dieser Zeit traten andere Interessen von mir wieder in den Vordergrund. Schon immer war mir bewusst, dass ich nicht für immer Tennisprofi sein werde. Ich bemerkte, dass jetzt der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war. Mit 24 Jahren kann man noch einmal ganz von vorne anfangen, später wird das von Jahr zu Jahr schwerer.

Wie befreiend ist es für Sie, dass Sie den Tennis-Trott nun hinter sich gelassen haben?
Es ist nicht wirklich befreiend, aber jeder der mich kennt, weiß um meine Neugier für neue Dinge. Ich möchte keine Sekunde meines Tennislebens missen. Aber für mich gibt es noch ein anderes Leben. Ich habe jetzt dem Profisport den Rücken gekehrt und habe den Tennisplatz gegen den Hörsaal getauscht.

Mussten Sie sich für Ihre Entscheidung erst selbst zugestehen, dass es für große Erfolge nicht mehr reicht?
Nein, überhaupt nicht. Ich wusste immer: Wenn ich hundertprozentig fit bin, kann ich viel erreichen.

Sie waren eine sehr gute Schülerin, haben sogar eine Klasse übersprungen. Hat Sie die Tennistour manchmal geistig unterfordert?
Tennis und Studium lassen sich nicht vergleichen. Für den Sport habe ich alles gegeben und jetzt gebe ich wieder alles. Beides fordert einen auf die eine oder andere Weise. Ich habe Körperarbeit gegen Kopfarbeit getauscht.

Annika Beck

ERFOLGREICHE JUNIORIN: 2012 gewann Annika Beck den „Girls“-Wettbewerb der French Open in Paris.

Was und wo studieren Sie nun?
Ich studiere Zahnmedizin an der Universität in Köln.

Leben Sie jetzt ein klassisches Studentenleben? Mit WG, Mensa und Parties?
Wie schon gesagt, ich gebe auch im Studium hundert Prozent. Da bleibt für das klassische Studentenleben nicht viel Zeit. Mensa ja, Party selten.

Was bedeutet Ihnen Tennis derzeit?
Es ist jetzt mein Hobby, um mich fit zu halten.

Einige Profispielerinnen kamen nach einem frühen Rücktritt wieder zurück auf die Tour – Martina Hingis etwa. Können Sie das für sich komplett ausschließen?
Im Moment kann ich mir eine Rückkehr in das Tennisprofigeschäft nicht vorstellen, Studium und Ausbildung haben Vorrang. Mein neues Leben ist völlig anders, keine Reisen, keine Turniere, dafür Lesen, Lernen und Üben – gerade deshalb genieße ich es. Aber wie heißt es so schön: „sag niemals nie“.