Deutsche Tennis Meisterschaft

Annika Beck: Der lange Weg nach oben

Sie ist 17 Jahre alt, macht gerade Abitur und will in die Top Ten. Dafür gibt Annika Beck alles. tennis MAGAZIN hat sie einen Tag begleitet und erfahren, mit wie viel Disziplin sie ihren Traum vom Profitennis vorantreibt. Aber ob sie eines Tages nach oben kommt, weiß niemand.

(Dieser Text erschien im Februar 2011 in der Printausgabe des tennis MAGAZIN. Er wird hier erstmals online veröffentlicht!)

Fotos: Jürgen Hasenkopf

Es ist kalt in der Halle, bitterkalt. Annika Beck behält ihren dicken Daunen­anorak lieber an, als sie sich auf die Tribüne setzt. Sie ist gerade mit dem Auto aus Bonn im württembergischen Biberach angekommen, um bei den Deutschen Meister­schaften der Damen anzutreten. Die 17-Jährige ist Deutschlands beste Nachwuchsspielerin, mehrfache nationale Jugend­meisterin und führt die deutsche U18-Rangliste an. Sie hat sich viel vorgenommen für die großen Titelkämpfe und will hier „natürlich weit kommen“. Konzentriert wirkt sie, aber nicht verbissen. Als sie Stephanie Wagner trifft, ebenfalls ein deutsches Talent und eigentlich Becks Konkurrentin, ist die Freude groß. „Die Steffi und ich sehen uns so selten“, sagt Annika und tauscht mit ihrer Freundin neue Lieblingssongs auf dem Handy aus.

Wer Annika so erlebt, lernt ein offenes, lustiges und sehr aufgewecktes Mädchen kennen. Sie lächelt viel. So viel, dass der Fotograf beim Treffen mit tennis MAGAZIN sie darum bitten muss, doch wenigstens einmal ernst zu schauen. Annika könnte als ganz normale 17-Jährige durchgehen, die viel mit ihren Freundinnen unternimmt, nebenbei Geige spielt, viele Bücher liest und auch gerne auf dem Tennisplatz steht. Aber Annikas Leben ist alles andere als normal.

Erste Trainingseinheit morgens um 5:30 Uhr

Ein Wintertag in Bonn im Dezember. Draußen ist es stockfinster. Schnee bedeckt die Ein­familienhaussiedlung am Stadtrand. 5.30 Uhr, Annikas Wecker klingelt. Ihr erster Weg führt sie in den Keller. Dort steht ein Laufband, auf dem sie eine halbe Stunde joggt. „Wenn besseres Wetter ist, laufe ich auch ­draußen“, sagt sie und rennt mit einer Geschwindigkeit von zehn Stundenkilometern los. „Regeneratives Joggen“, nennt sie das. Danach hüpft sie unter die Dusche, frühstückt und hetzt zur Bushaltestelle.

Annika Beck

BÜFFELN IM BUS: Vorbereitung auf eine Deutschklausur.

Um 7 Uhr ist Abfahrt. Der Bus bringt sie zur Bonner Liebfrauenschule. Annika besucht dort die 13. Klasse. Sie macht in einigen Wochen ihr Abitur – als 17-Jährige. Ihre Leistungskurse sind Biologie und Spanisch. Um 14 Uhr endet die Schule. Vor dem Ausgang wartet Mutter Petra mit dem Auto, der Motor läuft schon, im Kofferraum liegt Annikas Tennistasche. Auf dem Weg in das 50 Kilometer entfernte Kerpen zur Tennisakademie von Robert Orlik, Annikas Trainer, gibt es einen kleinen Snack auf die Hand. Nach 45-minütiger Fahrt  geht es direkt auf den Platz.

Bis zu fünf Stunden Training stehen gewöhnlich auf dem Programm. Abends fährt Mutter Petra ihre Tochter wieder nach Hause. Dort hat Vater Jo­hannes, ein Chemieprofessor an der Uni Bonn, ein leckeres Mahl gekocht. „Bei uns ist der Tagesablauf komplett durchstrukturiert – sonst würde es nicht klappen“, sagt er. Nach dem Abendessen lernt Annika für die Schule. Sie will einen guten Abschluss machen und ist auf Einserkurs. Gegen 22.30 Uhr geht sie ins Bett. In sieben Stunden steht sie wieder auf – zur ersten Jogging­einheit im Keller.

Annika Beck: „Ich will Tennisprofi werden“

Wie selbstbeherrscht und diszipliniert muss man sein, um solche Tage als Teenager routiniert seit zwei Jahren abzuspulen? „Ich will Tennisprofi werden und eines Tages in den Top Ten stehen – dafür mache ich das alles“, erklärt sie ruhig. Sie und ihre Eltern nehmen für diesen Traum fast alles in Kauf. 150.000 Kilometer haben die Becks ihre Tochter in den letzten zwei Jahren durch die Welt chauffiert. Zum Training, zu Turnieren, zu Lehrgängen. Bald muss ein neues Auto her. „Man lässt als Taxifahrer für seine Tochter viel Geld auf der Straße“, gibt der Vater zu.

Sie fördern die ehrgeizigen Pläne ihres einzigen Kindes mit allen Mitteln und erhalten dabei von verschiedenen Stellen Unterstützung. Der Tennisverband Mittelrhein, dessen Basis­förderung Annika komplett durchlief, bezuschusst das Training bei ihrem Privatcoach. Der Deutsche Tennis Bund finanziert einen Teil der Turnierreisen, die Ausrüstung stellen ihr Nike und Wilson kostenlos zur Verfügung. Dennoch bleibt bei der Familie ein großer finanzieller Aufwand hängen. Aber: „Ihr macht Tennis so viel Spaß, und sie nimmt die Strapazen freiwillig in Kauf – klar, dass wir sie dabei unterstützen“, erklärt Johannes Beck. Er und seine Frau gaben der Tochter nur eine Vorgabe mit auf den Weg: „Mach dein Abitur!“ Weil Annika mit fünf Jahren eingeschult wurde und eine Klasse übersprang, ist Schule bald kein Thema mehr – ein Glück.

Annika Beck

TV-INTERVIEW: Fragen zu Steffi Graf kommen immer.

In der kalten Tennishalle von Biberach muss sich Annika jetzt allerdings zum Lernen für die letzten wichtigen Klausuren in eine ruhige Ecke zurückziehen. Sie setzt sich in den VW-Bus von Nationaltrainerin Barbara Rittner, der draußen auf dem Parkplatz steht, und lernt zwei Stunden für eine an­stehende Deutsch­klausur. Als Annika fertig ist, bittet sie ein TV-Team zum Interview. Es geht um das deutsche Tennis­idol Steffi Graf. „Nein“, sagt Annika charmant lächelnd in die Kamera, „für mich ist sie kein richtiges Vorbild, weil ihre aktive Zeit einfach zu lange her ist.“

In ihrem Umfeld achtet man darauf, dass Annika nicht zur Heilsbringerin des deutschen Tennis hochstilisiert wird. „Sie ist keine neue Steffi Graf“, betont Vater Johannes. Auch Trainer Robert Orlik weiß, dass Annika „noch ein größeres Zeitfenster benötigt, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen“. Er leitet mit dem Bruder von Nikolay Davydenko, Eduardo, eine Tennisakademie und führt Talente behutsam ans Profitennis heran. Ihm ist klar, dass Mädchen wie Annika mit Erwartungen überfrachtet werden – jeder hofft auf eine neue Steffi. Orlik dämpft deswegen diese Sehnsüchte: „Die Leistungsdichte im Damentennis wird immer größer – Wunderkinder sind eine Ausnahme. Das Alter beim Einstig in die Weltklasse verschiebt sich nach hinten.“

Annika Beck

FIT UND FOKUSSIERT: Annika Beck.

Das typische Schicksal eines Wunder­kindes (schneller Aufstieg in die Weltspitze, später folgt dann oft der Absturz) will Vater Beck seiner Tochter unter allen Umständen ersparen. „Bei den Mädchen gibt es so viele Verlierer“, mahnt er und meint vor allem Spielerinnen aus Osteuropa, die mit 14 die Schule abbrechen und ihr Glück auf Druck der Eltern im Damen­tennis suchen. Die meisten von ihnen bleiben auf der Strecke.

Annika Beck als Kandidatin für die Top 10?

Eine Gefahr, die bei Annika nicht besteht. Dafür ist sie viel zu intelligent und selbstbestimmt. Ihr Plan sieht so aus: „Ich will mich kontinuierlich verbessern.“ 2010 hat das gut geklappt. Sie ist in der Weltrangliste um fast 700 Plätze nach oben geklettert. Jetzt steht sie vor den Top 300. In diesem rasanten Tempo wird sich ihr Aufstieg nicht fortsetzen, das ist klar. Wie gut Annika einmal wird, weiß keiner. Reicht es für die Top 100? Oder sogar die Top 10? Trainer Orlik hat lieber die tägliche Trainings­arbeit im Blick, als sich auf vage Prognosen einzulassen: „Sie steigert sich von Monat zu Monat und braucht im Training immer neue Aufgaben.“

Annika Beck

ABLENKUNG: Skat mit Julia Kimmelmann und Coach Orlik.

Annikas Herausforderung in Biberach ist gerade eine ganz andere: Wie kriegt sie ihr „Pik-Spiel“ nach Hause? Mit Coach Orlik und Freundin Julia Kimmelmann, auch ein Tennistalent, wird im Restaurant der Tennishalle Skat gedroschen. „Eine gute Ablenkung, die viel Spaß macht“, sagt sie.

Wenig später wird es ernst: Annika muss gegen Daria Gajos bei den Deutschen Meisterschaften ran. Im dritten Satz führt sie mit 4:1 – und verliert ihn 6:7. „Ein verschenkter Sieg. Ich habe mit Handbremse gespielt und auf ihre Fehler gewartet“, analysiert sie nach dem Match selbstkritisch. Orlik faltet sie im Hallengang kräftig zusammen. Annika, den Daunen­anorak schlaff über die Schultern gelegt, sieht geknickt und müde aus. Stellt sie wegen so einer Pleite alles in Frage? „Nein! Ich habe bald mein Abi und kann dann richtig durchstarten.“

Annika Beck

ABGANG: Beck nach der Pleite in Biberach bei den Deutschen Meisterschaften 2010.


  1. Joseph

    Sehr schade, aber verständlich.
    Hatte Annika aufgrund ihrer Spielintelligenz immer den Sprung in die Top Ten zugetraut.

    Wünsche ihr alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg und hoffe, sie vielleicht zukünftig wenigstens in der Damen-Bundesliga spielen sehen zu können. 🙂


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