2018 China Open – Day 5

tM-Panel: Über Sinn und Unsinn von On-Court-Coaching

Erlaubt ist es auf der WTA-Tour schon länger, genutzt wird es längst nicht von jedem. Aber wenn es genutzt wird, zieht es fast immer vielfältige Reaktionen nach sich: das On-Court-Coaching. Im folgenden Panel nehmen unsere Redakteure Tim Böseler, Christian Albrecht Barschel und Jannik Schneider Stellung zum Thema der Woche.

Daria Kasatkina konnte ihr Glück kaum fassen, hatte die Russin doch gerade ihr Heimturnier in Moskau gewonnen. Klar, die nun Weltranglisten-Zehnte hatte den Erfolg auf dem Platz gefeiert dank einer tollen Leistung. Doch nicht wenige fragten sich: Wie groß war der direkte Einfluss ihres belgischen Coaches Philippe Dehaes, der nicht zum ersten Mal großen (und erfolgreichen) Einfluss via On-Court-Coaching nahm. Auf der Damentour darf der Coach bekanntermaßen einmal pro Satz eine direkte Ansprache wählen. Im Duell gegen Alizé Cornet nutzte Dehaes diese Möglichkeit mit eindrucksvollen Worten, Kasatkina gewann noch das Match und das Video ging in der Tennisszene viral.

Es war nicht das erste Mal, dass der Trainer der aufstrebenden Russin damit auffällt:

Nicht erst seit Moskau diskutieren Fans, Verantwortliche und Experten über Vor- und Nachteile dieses Stilmittels. Viele Topspieler nutzen es gar nicht, bei den Grand Slams ist es ebenso untersagt wie auf der gesamten Herren-Tour. Auch unsere Redakteure haben sich zum Thema Gedanken gemacht:

Jannik Schneider:

Für mich ist das On-Court-Coaching eines der Stilmittel, mit denen wir den Tennissport und seine Akteure näher an den Zuschauer bringen können. Und zu den Schlüssel-Akteuren gehören für mich eindeutig ebenfalls die Trainer.

Sie arbeiten täglich mit den Spielern. Sie verbessern ihre Skills auf dem Platz und am wichtigsten: Sie kennen die Tagesform, den Gemütszustand und die Dinge, die den Menschen und weniger den Spieler unter Umständen gerade beschäftigen.

Für mich ist es daher nur folgerichtig, dass der Trainer aktiv eingreifen und feinjustieren darf und das auch auf der Herrentour und den wichtigsten Turnieren der Welt geschehen sollte. Es kann dem Spieler und damit auch dem Match eine dramatische Wendung geben, was das Match an sich und damit auch den Sport interessanter gestaltet.

Und es gibt den Tennisfans und den Journalisten tiefe Einblicke in das Innenleben eines Spielers und eines Trainers – des Duos. Für mich schaffen diese Augenblicke Gänsehautmomente, die den Sport samt Akteuren nahbarer machen. Und dem Trainer mehr Einfluss ermöglichen. Einen Einfluss, der im Übrigen in anderen Sportarten längst viel größer ist.

Tim Böseler:

On-Court-Coaching ist für mich nur ein weiteres Mittel, um Tennis krampfhaft attraktiver zu machen und den Fans einen Mehrwert bieten zu wollen. Doch in den meisten Fällen entpuppt sich das als Mogelpackung. Denn was haben die Coaches schon zu sagen? Spiel den Ball länger rein! Stell dich besser zur Vorhand! Wirf den Ball beim Aufschlag höher!

Sind es solche Aussagen der Trainer, die insbesondere junge Zuschauer für Tennis begeistern sollen? Ich glaube kaum. Sicher, es gibt einige wenige Ausnahmen, wie etwa den plötzlichen Star der Tennis-Web-Community Philippe Dehaes (s.o.). Aber der überwiegende Teil der Gespräche zwischen Spieler und Coach während der Seitenwechsel ist sterbenslangweilig.

Das ist für mich die Quintessenz, nachdem die WTA-Tour das On-Court-Coaching 2009 eingeführt hat. Wie bitte, seit 2009 schon? Ja, exakt, das hat mich selbst überrascht. Und wie viele legendäre Ansprachen eines Coaches sind Ihnen, liebe Leser, seitdem in Erinnerung geblieben? Fällt Ihnen spontan eine unvergessliche Szene ein?

Tennis sollte andere Wege suchen, um seine Attraktivität zu erhöhen. Flächendeckendes On-Court-Coaching gehört nicht dazu.

Christian Albrecht Barschel:

Wimbledon hat sich „fundamental gegen jede Art von Coaching während des Matches” ausgesprochen. Ich bin nicht strikt gegen On-Court-Coaching. Es ist ganz nett, dass es diese Möglichkeit auf der WTA-Tour gibt, mehr aber auch nicht. Ich brauche dieses Stilmittel nicht, um noch mehr in ein Tennismatch reingezogen zu werden.

Als langjähriger Punktspieler ist es mir immer lieber gewesen, alleine auf der Bank zu sitzen und während der Seitenwechsel zur Ruhe zu kommen, als taktische Anweisungen zu erhalten. Letztendlich geht es als Tennisspieler darum, dass du alleine Lösungen findest, wenn das Spiel nicht so verläuft, wie du dir es vorstellst. Tennis ist eine der mental anstrengendsten Sportarten, da du im Bruchteil von Sekunden ständig neue Entscheidungen treffen musst.

Roger Federer bringt es auf den Punkt: „Es ist wie in der Schule. Du arbeitest hart, um bereit zu sein für einen Test. Dann im Test kannst du nicht zu deiner Mutter und sagen: ‚Was ist 2 plus 2?‘ So funktioniert das nicht.“ Tennis ist eine Art Lebensschule. Und Lektionen lernt man eher, indem man alleine Entscheidungen trifft und Erfahrungen macht.

Viele Spieler brauchen und wollen kein On-Court-Coaching. Serena Williams und Maria Sharapova haben trotz gültiger Regel auf der WTA-Tour ihre Trainer nie oder selten auf den Platz zitiert. In Teamwettbewerben wie im Davis Cup, Fed Cup oder Laver Cup ist es nett, dass die ganze Zeit ein Trainer auf der Bank sitzt, da dadurch eine besondere Energie entsteht. In Einzelwettkämpfen kann man auf das On-Court-Coaching gerne verzichten.

Unsere Leser:

Liebe Community, uns interessiert auch Ihre Meinung zu diesem Thema: Beeindruckt Sie das Coaching oder halten Sie nichts vom aktiven Eingreifen? Schreiben Sie uns hier oder in den sozialen Medien Ihre Meinung. Wir sind gespannt.


  1. Joseph

    Coaching findet statt – ob erlaubt oder nicht.
    Generell finde ich die Linie des AELTC hierzu richtig. Aber – nur in Wimbledon schafft man es wohl Coaching weitgehend zu unterbinden.

    Der Realtitäts-Check ergibt für mich: Coaching daher doch erlauben, damit Szenen wie bei den US Open 2018 vermieden werden.

    P.S.: Tie-Break im 5. Satz beim Stande von 12:12 halte ich für eine perfekte Lösung! 🙂

  2. Tobias

    Hallo,
    die Meinungen von Herrn Albrecht Barschel und Herrn Böseler überraschen mich doch sehr. Mal davon abgesehen das Stilmittel des Coachings zu benutzen, um das Tennis attraktiver zu gestalten (was durchaus auch passieren kann; siehe die Youtube Ausschnitte weiter oben), ist ein anderer Punkt entscheidend.

    Der mentale Gesichtspunkt nimmt im Tennis einen immensen Teil ein. Als Beispiel: jeder Topspieler und auch viele Amateurspieler benutzen bewusst oder unbewusst sogenannte Anker, um sich auf den Punkt zu konzentrieren und Störfaktoren auszublenden.

    Nun zum Coaching. Es gibt Spieler wie Herrn Albrecht Barschel und viele andere (auch in meiner Mannschaft), die sinngemäß sagen, sie möchten gerne alleine auf der Bank sitzen und sich nicht „vollquasseln“ lassen. Ich unterstelle, dass jede Spielerin und jeder Spieler ein enges oder schon vermeintlich verlorenes Match durch die richtigen Worte eines Coaches oder Mannschaftskollegen doch noch gewinnen kann. Das habe ich selbst mehrfach als Spieler als auch als „Coach“ erlebt und es ist ebenfalls bei den Profis zu beobachten (natürlich bis dato unerlaubter Weise). Und das macht aus meiner Sicht das Tennis unter anderem so spannend und einzigartig.

    Das Argument von Roger Federer mit der Schule ist durchaus angebracht in Bezug darauf, ob man das Coaching grundsätzlich zulässt oder nicht. Doch Roger Federer spielt hier mit zweierlei Maß. Denn auch er hat in diversen kritischen Situation zu seiner Box hoch geschaut um mindestens einen Blickkontakt herzustellen. Und da geht Coaching schon los. Hätte er darüber hinaus die Möglichkeit gehabt mit seinem Coach zu sprechen und dies auch in Anspruch genommen, wäre das ein oder andere Spiel das er verloren hat doch zu seinen Gunsten ausgegangen – da bin ich mir sicher.

    Um es auf den Punkt zu bringen: Coaching bereichert das Tennis in allen Belangen und sollte daher stattfinden dürfen.


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