Andrea Gaudenzi

ATP-Boss Andrea Gaudenzi: „Wir brauchen die Spieler nicht nur auf dem Platz”

ATP-Präsident Andrea Gaudenzi im tennis MAGAZIN-Interview über seine Reformpläne auf der ATP-Tour und ein mögliches Masters-1000-Turnier auf Rasen in Deutschland.

Herr Gaudenzi, die neue Strategie der ATP steht unter dem Motto „One Vison“. Worum geht es genau?

Mit „One Vision“ wollen wir ein Fan-Erlebnis schaffen und Tennis auf eine neue Ebene bringen. Wir konkurrieren mit anderen Entertainment-Plattformen wie Net-flix, Musikstreams und anderen Sportarten. Unser Problem: Wir sind zersplittert. Es gibt die ATP, die WTA, die vier Grand Slam-Turniere und die ITF, die alle eigenständig agieren. Dadurch ist es schwierig, das Produkt zu vermarkten und den Fans eine einheitliche Geschichte zu erzählen. 

Es geht dabei auch um eine Neuordnung der Masters 1000-Serie. Ist sie zu unbedeutend gegenüber den Grand Slams?

Wie sich die Grand Slam-Turniere in den letzten 30 Jahren entwickelt haben, ist fantastisch. Sie sind die Turmspitze unseres Sports. Das wird auch so bleiben. Die Masters 1000-Turniere sind in gewisser Weise ein ähnliches Produkt. Beispiel Indian Wells: zwölf Tage, Damen und Herren, die Top 100 der Welt ist komplett dabei. Es ist das gleiche Teilnehmerfeld. Aber das Verhältnis zwischen Zuspruch und Aufmerksamkeit im Vergleich zu den Grand Slams ist deutlich geringer. Unser Ziel ist es, unser Produkt zu stärken, aber wir haben keine Ambitionen, auf die gleiche Ebene zu kommen. Ich mag die Idee, dass die vier Grand Slams prestigeträchtiger sind als die restlichen Turniere. Allerdings müsste sich ihre Zusammenarbeit untereinander verbessern. 

Welche Änderungen werden bei den Masters 1000-Turnieren kommen?

Neben dem bereits veröffentlichten Plan (siehe Seite 47) ist der Kern der Änderung die Angleichung der Interessen zwischen Spielern und Turnieren. Eine neue Preisgeld-Formel bietet den Spielern die Möglichkeit, am finanziellen Erfolg teilzuhaben. Die ATP wird eine 50:50 Partnerschaft zwischen Spielern und Turnieren sein. Mehr als 30 Jahre lang hatten die Spieler nicht die Chance, auf der Businessseite der Turniere involviert zu sein. Das führte zu Beschwerden und fehlendem Vertrauen. Für mich war das nie nachvollziehbar. Als Spieler bist du Partner der ATP und möchtest selbstverständlich Einblick in die Abläufe haben. 

Auf welche Änderungen müssen sich die Spieler einstellen?

Wir brauchen die Spieler nicht nur auf dem Platz. Sie müssen auch abseits des Platzes besser verfügbar sein. Es werden mehr Inhalte, Interviews, Dokumentationen für die Medien benötigt. Denn sie erzählen den Fans die Geschichten über die Spieler. Es geht nicht nur darum, wer das Match gewonnen hat. Die Charaktere der Spieler müssen besser herausgestellt werden. Sie und die Turniere konkurrieren dabei nicht miteinander, sondern mit anderen Entertainment-Plattformen. Die Devise der ATP muss lauten: Lasst uns zusammenkommen, anstatt uns wegen ein oder zwei Prozent Preisgeld zu bekämpfen. 

Ein Teil des Konzeptes ist auch ein Masters auf Rasen. Wie ist der Stand?

Es gibt drei Wochen zwischen den French Open und Wimbledon. Rasen ist der einzige Belag, auf dem kein Masters 1000-Turnier gespielt wird. Das bedeutet, dass die ATP zwischen Rom und dem Kanada-Masters im Sommer zwei Monate lang keinen Premium-Content für die Fans hat. Weil fast alle Spieler in der mittleren der drei Rasenwochen vor Wimbledon an den Start gehen, ergibt ein Rasen-Masters Sinn, vor allem in dem großen und wichtigen Markt in Deutschland, der in den 90er-Jahren der Nummer-eins-Markt im Tennis war. Die Deutschen lieben Tennis und seine Historie. Beim britischen Markt ist es genauso. Es hat die gleichen Chancen wie Deutschland auf ein Rasen-Masters. Es bietet den Vorteil, dass die Spieler vor Wimbledon bereits in London sind. Aber: London hat bereits Wimbledon. Unser Plan ist es, dass es in Zukunft zehn ATP-Masters-1000-Turniere gibt. Dieser Plan muss noch vom ATP-Board abgesegnet werden.

Das Turnier in Halle hat bereits sein Interesse öffentlich gemacht. Es wird wohl auch eine Bewerbung vom Deutschen Tennis Bund geben. Welche deutschen Städte sehen Sie da vorne: Hamburg, Düsseldorf oder München?

Das liegt letztlich am Deutschen Tennis Bund, der intern klären muss, welche Stadt am geeignetsten ist. Das kann ich nicht beantworten. Viel hängt von der Infrastruktur der jeweiligen Austragungsstätte ab. In den letzten Jahren hat man, auch was das Wetter betrifft, gesehen, dass deutsche Rasenturniere im Juni sehr gut funktionieren. Generell gibt es die Präferenz vom ATP-Board, dass man lieber in großen ikonischen Städten spielen möchte. Es gibt Melbourne, Paris, London, und New York bei den vier Grand Slams. Bei den 1000er-Events haben wir unter anderem Monte Carlo, Madrid und Rom. Letztendlich ist entscheidend falls ein Rasen-Masters Realität wird: Wo gibt es die besten Voraussetzungen? 

Fünf der neun Masters-Turniere sind „combined events“. Sind Events mit Damen und Herren ideal? 

Ich mag „combined events“ sehr. Wir sind eine der wenigen Sportarten, bei denen Damen und Herren gleichzeitig spielen. Auch aus Sicht der Fans funktioniert das gut. Für unseren Sport ist es ein Alleinstellungsmerkmal. Wir wollen mehr gemischte Turniere haben. 

Was erhoffen Sie sich von der Netflix-Dokumentation, die gerade gedreht wird?

Wir möchten damit mehr Fans für Tennis begeistern. Wir zeigen viele „Behind-the-scenes“ der Tour, ein anderes Gesicht der Spieler, wer sie sind, was sie tun und was es bedeutet, ein Tennisprofi zu sein, der das ganze Jahr unterwegs ist. Ich war nie ein großer Fan von der Formel 1, aber als ich die Netflix-Doku Drive to Survive gesehen habe, brachte diese mir einen anderen Blickwinkel. Es erzeugte in mir einen Funken, dass ich das nächste Rennen schauen muss, um die Persönlichkeiten zu verstehen. Wir sind im Entertainment-Betrieb und wollen Geschichten erzählen. Live-Matches dürfen nicht das einzige Produkt sein, das wir anbieten. Heutzutage sind 50 Prozent des Medienkonsums keine Live-Events. Vor allem durch Social Media wollen die Zuschauer an anderen Geschichten teilhaben. Haben sie die Netflix-Doku The Last Dance über Michael Jordan geschaut? Das hat dazu geführt, dass ich mehr NBA-Basketball schauen möchte! 

Wann wird die Netflix-Dokumentation erscheinen? Gibt es schon einen Namen?

Einen Namen gibt es noch nicht bzw. sie haben uns diesen noch nicht mitgeteilt. Einen genauen Zeitplan für die Veröffentlichung gibt es noch nicht. Ich schätze, dass es zum Ende des Jahres oder vor den Australian Open 2023 live geht, um Appetit auf die neue Saison zu machen.

Es gibt immer wieder Diskussionen über Regeländerungen im Tennis und kürze Formate. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin ein großer Befürworter von Innovationen. Wir müssen uns der neuen Generation, der neuen Technologien und dem neuen Konsumverhalten anpassen. Wenn man die 80:20-Regel als Grundlage nimmt, bei der man mit 20 Prozent Input 80 Prozent des Outputs erzielt, stelle ich fest: Unser Produkt funktioniert sehr gut. Wir haben eine Milliarde Fans, es ist ein tolles Format: der ultimative Kampf eins gegen eins auf dem Platz. Natürlich kann man das Format verbessern, es verkürzen. Aber: Die guten Matches sind die langen Matches, diejenigen mit Spannung. Als erstes schauen wir uns an, wie wir unseren Offline-Content verbessern können. Wenn wir das hinbekommen haben, überlegen wir uns, wie wir anhand von Daten und Konsumverhalten das Live-Produkt optimieren. Ich bin gleichzeitig Traditionalist und möchte das Spiel nicht komplett umkrempeln.

Tennis in Afrika spielt kaum eine Rolle, sowohl was Spieler als auch Turniere betrifft. Arbeiten Sie hier an einer Verbesserung oder ist das die Aufgabe der ITF?

Unsere Aufgabe ist es, dass wir Menschen in Afrika für Tennis begeistern, weil wir ein Entertainment-Produkt sind. Man nimmt immer an, dass Leute, die Tennis spielen, auch viel Tennis schauen. Das ist nicht immer so. Das sieht man auch Beispiel NFL, wo es hauptsächlich Fans gibt, die kein American Football spielen. Auch bei Golf ist es teilweise so. Das Ziel der ITF und der nationalen Verbände ist es, mehr Leute zum Tennisspielen zu bewegen. Man kann aber nicht leugnen, dass diese beiden Sachen zusammenhängen. Das ist für mich auch Teil des Plans „One Vision“, dass man an der Basis besser zusammenarbeitet. Es geht hier nicht nur um Entertainment, sondern auch darum aufzuzeigen, dass Tennis Werte vermittelt, eine gute Schule fürs Leben ist und gesund für Körper und Geist ist.

Was bevorzugen Sie mehr: ihrer Karriere als Spieler auf der ATP-Tour oder ihre Arbeit als ATP-Präsident?

Das hat mich noch nie jemand gefragt. Das sind verschiedene Lebensstufen. Die Karriere als Tennisprofi wirkt von außen betrachtet sehr glamourös, aber es verlangt deinem Körper und deinem Geist extrem viel ab. Die Gefühle, die man erlebt, auf einem vollen Centre Court gegen einen Top-Spieler zu spielen oder bei einem Davis Cup-Finale dabei zu sein: Das kann man mit nichts vergleichen. Diese Emotionen werden mein ganzes Leben mit mir bleiben.