HaasOrig2.jpg

„Die Spieler haben zuviel Angst vor Federer“

Der Bereich zu den French Open wird euch von Flashscore.de präsentiert. Verfolgt die Live-Tennisergebnisse auf Flashscore.

Herr Haas, Sie haben zu Beginn des Jahres einen bemerkenswerten Satz formuliert: Neuer Trainer, neue Frisur, neue Ziele. Womit wollen wir beginnen?
Tommy Haas: Mit der Frisur. Ich habe nach der letzten Saison in den Spiegel geschaut und mir gesagt: Ich brauche etwas Neues, einen neuen Look. Mit dem Pferdeschwanz war ich nicht mehr zufrieden, und dann bin ich zum Friseur gegangen.

Eine neue Frisur ist oft Ausdruck einer veränderten inneren Einstellung. War das auch bei Ihnen so?
Haas: Wahrscheinlich schon. Ende letzten Jahres hatte ich eine schwierige Zeit. Bis Wimbledon lief die Saison ganz gut. Ich hatte große Ziele, eine gute Auslosung, war gut in Form. Ein paar Wochen zuvor gewannen wir mit Deutschland den World Team Cup. In Halle stand ich im Halbfinale, verlor erst gegen Roger Federer in einem Super-Match. Und dann passierte dieser Freak Accident.

Der bitte was?
Haas: Dieser bescheuerte Unfall vor meiner ersten Partie in Wimbledon. Beim Aufwärmen rollte ein Ball auf den Platz. Ich trat im Rückwärtsgehen drauf und zog mir einen doppelten Bänderriss zu. So etwas passiert niemandem, schon gar nicht bei einem Grand Slam-Turnier. Ich hatte schon zwei Schulteroperationen. Ich habe auch diesen Fehltritt hingenommen und brav meine fünf Wochen Reha absolviert. Aber ich begann zu früh, wieder Turniere zu spielen, weil ich meinen Titel in Los Angeles verteidigen wollte. Ich kam überhaupt nicht mehr in Tritt. Ich verlor viele Matches im dritten Satz, vergab entscheidende Punkte. Wenn das zwei-, dreimal passiert, ist das Selbstvertrauen futsch. Dazu kam, dass ich auch keinen Trainer hatte, den ich um Rat fragen konnte.

Sie trennten sich vor den US Open von David Ayme, Ihrem langjährigen Coach. Den Rest des Jahres reisten Sie alleine zu den Turnieren. Was lief schief zwischen Ayme und Ihnen?
Haas:  Es gab schon lange Probleme. Er bringt ein paar Dinge nicht mit, die ich von einem Trainer erwarte. Ich konnte mich zum Beispiel nie mit ihm einschlagen, weil ihm die Spielstärke fehlt. Er hat mich nicht mehr weitergebracht, und ich habe ihn nicht mehr respektiert. Ich habe Nick Bollettieri gefragt, was ich tun soll. Nick ist mein Mentor, und er meinte: Du musst es beenden. Es gibt keinen anderen Weg. David hat es auch so gesehen, und wir haben uns im Guten getrennt. Wir sind nach wie vor befreundet, fahren in der Freizeit zusammen Rad. Acht, neun Jahre sind wir zusammen zu Turnieren gereist. Er kennt mich, seit ich 14 bin. Das ist eine sehr lange Zeit. Er schickt mir immer noch E-mails und wünscht mir viel Glück vor meinen Matches.

Ist die Bollettieri-Academy noch Ihr sportliches Zuhause?
Haas: Auf jeden Fall. Ich wohne nur zwei Autominuten von der Anlage entfernt. Dort kennt mich jeder. ich fühle mich wohl. Zum Trainieren ist es optimal. Und viele meiner Freunde, wie Hugo Armando oder Glen Weiner, die auch auf der Tour spielen, sind oft dort.

Mit Aymes Nachfolger, Thomas Hogstedt, starteten Sie so erfolgreich wie lange nicht in eine Saison. Wie kam es zu der Verbindung?
Haas:  Am Ende des letzten Jahres fehlte mir die Motivation. Ich hatte nicht mehr gut trainiert, fühlte mich nicht fit und spielte schlecht. Mein Ziel war nur noch: Bloß nicht aus den Top 50 rauszurutschen. In dieser Zeit dachte ich darüber nach, 2006 wieder anzugreifen. Ich notierte auf einem Zettel, welche Coaches für mich in Frage kämen und was sie an Voraussetzungen mitbringen müss­ten.

Welche sind das?
Haas: Für mich war wichtig, dass ein Trainer Erfahrung mit anderen Profis auf der Tour gesammelt haben muss, dass er selbst mal Spieler war und dass ich mit ihm Bälle schlagen kann. Ich wollte nicht ständig einen Hittingpartner verpflichten.

Thomas Hogstedt erfüllte all Ihre Wünsche.
Haas:  Genau. Bei ihm kommt noch dazu, dass er ruhiger ist als ich, was mir gut gefällt. Ich bin oft ziemlich.

Wann trafen Sie sich erstmals?
Haas: Kurz vor Weihnachten in der Bollettieri-Academy. Er hatte eine Verpflichtung in China, war dort drei, vier Wochen. Und so konnten wir nur noch eine Woche gemeinsam trainieren. Die war aber sehr intensiv.

Thomas Hogstedt war der Coach von Nicolas Kiefer. Die beiden trennten sich, und kurz darauf wurde bekannt, dass Hogstedt Ihr Trainer werden würde. Einige Medien spekulierten, Sie hätten Hogstedt aus seinem Vertrag herausgekauft. Stimmt das?
Haas:  Nein. Thomas Hogstedt hat mich angerufen und mir mitgeteilt, dass seine Zusammenarbeit mit Nicolas beendet ist. Ich würde nie einen Coach aus einem laufenden Vertrag herausholen. Es ist nicht so, dass Thomas mich vorher nicht kannte. Wir sind uns jahrelang auf der Tour begegnet. Als er mich anrief, habe ich mich gefreut, weil er auf meiner Wunschliste stand.

Hat der Trainerwechsel Ihr Verhältnis zu Nicolas Kiefer belastet?
Haas:  Nein. Das ist ganz normal, so wie immer. Ein Trainerwechsel ist auch nichts Besonderes. In der Fußball-Bundesliga passiert so etwas andauernd.

Es ist allerdings kurios, dass Sie vor ein paar Jahren schon einmal einen Ex-Coach von Kiefer verpflichtet hatten den Holländer Sven Groe­neveld.
Haas: Stimmt. Die Sitation war ähnlich. Ich war an Groeneveld interessiert, weil er mit Greg Rusedski so erfolgreich gearbeitet hatte. Dann trennten sich Groeneveld und Kiefer, und ich schlug zu. Aber es klappte nicht. Er konnte mir überhaupt nicht helfen. Groeneveld ist ein guter Coach, aber wir passten nicht zusammen.

Sie starteten mit 11:2 Siegen in die Saison. Welchen Anteil hat Hogstedt an Ihrem Erfolg?
Haas:  Einen großen. Er bereitet mich perfekt auf die Matches vor. Er kennt alle Spieler, kennt ihre Stärken und Schwächen. Er sagt mir, wie ich in bestimmten Situationen reagieren muss. Aber er vermittelt mir auch: Geh auf den Platz und spiel dein Spiel.

Woran speziell arbeiten Sie im Training?
Haas:  Wir hatten überhaupt noch keine Zeit, intensiv zu trainieren. Es ist kein Geheimnis, dass ich in Zukunft häufiger ans Netz gehen möchte. Ich will mehr Serve-and-Volley spielen, meinen Aufschlag verbessern, fitter werden, beweglicher. Thomas ist ein harter Arbeiter und will mir bei all diesen Dingen helfen. Bei unserem ersten Treffen sagte er zu mir, dass es sechs Monate bis eineinhalb Jahre dauern kann, bis ich mein bestes Tennis spiele.

Klingt nach einer langen Zusammenarbeit?
Haas: Wir haben bis zum Turnier von Miami eine Schnupperphase vereinbart. Bis dahin testen wir, ob wir miteinander auskommen, auch privat. Man ist viel zusammen im Flugzeug, beim Essen. Wir müssen uns beide wohlfühlen. Bisher läuft es sehr gut.

Hogstedt hat gesagt, Sie hätten das Spiel, Federer zu schlagen. Sie werden ihm noch Sorgen bereiten.
Blasen Sie jetzt zur Attacke auf die Weltspitze?
Haas: Klar, will ich dieses Jahr angreifen. Als ich im Halbfinale in Doha gegen ihn spielte, hatte ich tierisch viel Respekt. Ich wusste überhaupt nicht, wo ich stehe, weil ich zwei Monate kein Turniermatch bestritten hatte. In Kooyong habe ich dann das Match gegen ihn gewonnen. Es war nur ein Einladungsturnier, aber für mich war dieser Sieg sehr wichtig.

Bei den Australian Open kämpften Sie fünf lange Sätze gegen Federer und verloren am Ende. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Partie?
Haas: Ich sagte zu mir: Du spielst nur gegen den Ball. Der kommt zwar von dem Besten der Welt, aber du musst dich auf den Ball konzentrieren. Fighten. Bis zum letzten Punkt. Als ich meine Break-Möglichkeiten in den ersten Spielen nicht nutzen konnte, bekam ich einen Atomhals, weil man gegen Roger keine Chance vergeben darf.

Nach dem Match regten Sie sich über Jim Courier auf, der fürs Fernsehen kommentierte. Sie formulierten etwas deftig: Der kriecht Federer in den Arsch. War das nötig?
Haas: Ich war heiß. Ich kam direkt vom Platz. Auf dem Weg zur Pressekonferenz hörte ich Jims Interview. Es war mir ein bisschen zu viel des Lobes.

Sie fühlten sich und Ihre Leistung herabgesetzt?
Haas: Niemand hätte gedacht, dass Federer gegen mich verlieren würde. Aber es war ein verdammt enges Match, das erste Match, in dem Federer 2006 gefordert wurde. Ich dachte, wenn ich ihn mit so wenig Vorbereitung fast schlage, haben auch andere Spieler eine Chance. Nicolai Davydenko war im Viertelfinale nah dran. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Marcos Baghdatis im zweiten Satz des Endspiels mit einem Doppel-Break geführt hätte. Ich wollte die anderen Spieler wachrütteln und ihnen mit meinem Auftritt klar machen, dass sie nicht so viel Respekt vor Federer zeigen sollten. Die Spieler haben Angst vor ihm. Ständig wird darüber geredet, Federer ist der Beste aller Zeiten. Man sollte aber Pete Sampras nicht vergessen, der doppelt so viele Grand Slam-Turniere gewonnen hat.

Mögen Sie Roger Federer nicht?
Haas: Es hat nichts damit zu tun, ob ich ihn nicht mag. Ich finde es fantastisch, was er in den letzten zweieinhalb Jahren geleistet hat. Aber ich feuere auch in anderen Sportarten eher den Underdog an. Vielleicht kann jemand Federer stoppen. Es würde das Tennis interessanter machen.

Hat sich Jim Courier schon bei Ihnen gemeldet?
Haas: Nein, aber ich glaube, er hat mir diesen Satz nicht übel genommen. Ich habe ja auch gesagt und das hat niemand geschrieben , dass ich der Erste bin, der Courier zu seinem Sachverstand gratuliert, wenn Federer in ein paar Jahren 15 Grand Slam-Turniere gewonnen hat

einen mehr als Pete Sampras.
Haas: Außerdem kennen Jim und ich uns schon lange. Gegen ihn habe ich 1999 meinen ersten Titel in Memphis gewonnen. Wir sind gut befreundet. Neulich habe ich ihn bei einem U2-Konzert in Tampa getroffen.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Tommy Haas 2005 und dem von 2006?
Haas: Es ist bisher besser gelaufen als erwartet. Zur Zeit heißt meine Devise: Ich spiele gut, ich bin fit, ich glaube an mich. So gehe ich in ein Match. Ich sage in Gedanken zu meinem Gegner: Du musst unmenschlich gut spielen, um zu gewinnen, denn ich mache es dir nicht leicht. Das hat bisher ganz gut geklappt.

In Delray Beach gewannen Sie Ihren ersten Titel nach knapp zwei Jahren. Waren Sie selbst überrascht von Ihrer Leistung?
Haas: Es war überraschend, wie dieser Titel zustande kam. Denn eigentlich wollte ich in Delray gar nicht antreten. Ich kam am Dienstagabend aus Melbourne zurück. Nach dem Match gegen Federer war ich körperlich am Ende. Ich saß 21 Stunden im Flieger und wollte das Turnier schon absagen. Aber die Deadline war überschritten. Also bin ich hingefahren. Es sind ja nur drei Stunden mit dem Auto. Es war ein hartes Stück Arbeit. In der zweiten Runde lag ich gegen Andrei Pavel mit Break im dritten Satz zurück, genauso im Finale gegen Xavier Malisse. Ich hatte ein bisschen Glück, gut gekämpft und nie aufgegeben.

Die Erwartungshaltung von Fans und Medien für dieses Jahr ist groß. Was haben Sie sich vorgenommen?
Haas: Ich freue mich über die Begeis-terung. Leute, die ich noch nie gesehen habe, kamen auf mich zu und sagten: Geiles Match gegen Federer in Melbourne. Du warst so dicht dran. Das reicht mir eigentlich schon. Ich spiele, weil ich dieses Spiel liebe. Alles andere kommt oder es kommt nicht.

Wäre es nicht besser, Ziele zu formulieren. Zum Beispiel, dass Sie ein Grand Slam-Turnier gewinnen wollen?
Haas: Klar, ich gehe auf die 30 zu. Einen Grand Slam zu gewinnen, ist mein Traum, solange ich denken kann. Jeder Fußballspieler will ja auch Weltmeister werden. Ich habe viel mit meinem Coach über dieses Thema gesprochen. Ich habe kein Ziel, was das Ranking betrifft. Mein Ziel ist es, dem Gegner das Leben schwer zu machen. Auf lange Sicht möchte ich auch wieder in die Top Ten. Aber davon bin ich im Moment noch meilenweit entfernt.

Sie sind die Nummer 28 Tendenz steigend. Stapeln Sie nicht ein bisschen tief?
Haas: Es gibt verschiedene Phasen. Ein Mensch ändert sich. Ich habe Ende 2001 und 2002 mein bestes Tennis gespielt, war die Nummer zwei der Welt. Aber es sind Dinge passiert, die ich nie vergessen werde. Wenn man als 25-Jähriger 15 Monate pausieren muss, nur noch mit links Tennis spielen kann, ist die Chance gering, dass man überhaupt noch einmal auf die Tour zurückkehrt. Dazu kamen persönlich schwierige Situationen. Ich habe in dieser Zeit fast meinen Vater verloren

der sich bei einem Motorrad-Unfall in Florida schwer verletzte.
Haas: Da relativiert sich vieles. Für mich ist es etwas Besonderes, dass ich auf dem Platz stehe, verletzungsfrei bin.

Klingt weise.
Haas: Ich bin reifer geworden. Und disziplinierter. Auf dem Platz verschwende ich keine Zeit, auch wenn ich nur 45 Minuten trainiere. Aber ich hasse es immer noch zu verlieren ob beim Tennis oder beim Backgammon gegen meine Schwester.

Im Davis Cup verlor das deutsche Team in der ersten Runde gegen Frankreich. Wie hart hat Sie diese Niederlage getroffen?
Haas: Ich war unglaublich enttäuscht.

Warum hat es nicht geklappt?
Haas: Die Franzosen sind eine sehr gute Mannschaft und sicherlich einer der Favoriten auf den Davis Cup-Sieg. Wir haben nicht unser bestes Tennis gespielt und deshalb verloren.

Es gab in der Folge einige Diskussionen. Tenor: Den Deutschen fehlte der Teamgeist. Der Teamchef Patrik Kühnen hat auch Sie kritisiert. Er meinte, es sei nicht richtig, kurz vorher in Delray Beach ein Turnier zu spielen. Hat er Recht?
Haas: Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Ich habe das Turnier gewonnen und bin mit sehr viel Selbstvertrauen nach Halle gereist. Okay, ich stieß einen Tag später zum Team. Aber ich bin nicht empfindlich bei Zeitumstellungen. Ich bin das seit 15 Jahren gewöhnt. Und ich denke nicht, dass ich dadurch das Team geschwächt habe.

Werden Sie beim Relegationsmatch im September spielen?
Haas: Selbstverständlich.

Das Interview führte Andrej Antic