Judy Murray

Judy Murray im Interview: „Andy ist wie ich”

Judy Murray ist die bekannteste Tennismutter der Welt. Ihre beiden Söhne Andy und Jamie hat sie zur Nummer eins geführt. Ein Gespräch über ihr Bild in der Öffentlichkeit, weibliche Tennis­trainer und den Stresspegel beim Zuschauen.

Frau Murray, Sie haben eine Weile Deutsch studiert, als Sie jung waren. Wie ist Ihr Deutsch mittlerweile? 

Es ist nicht mehr so gut. Ich habe Deutsch ein Jahr an der Universität studiert, aber ich hatte nicht so oft die Möglichkeit, es zu nutzen. Hier beim Workshop in Nürnberg habe ich versucht, etwas Deutsch zu sprechen und eine Menge neuer Wörter gelernt.

Sie haben letztes Jahr Ihre Biografie „Knowing The Score“ veröffentlicht. Was hat Sie dazu gebracht, das Buch zu schreiben?

Ich hatte immer überlegt, ein Buch zu schreiben und die Vorgeschichte zu erzählen. Ich wollte es erst schreiben, wenn die Tenniskarrieren meiner Söhne zu Ende sind, weil es sie beeinflussen könnte. Aber ich wurde von vielen Trainern, Eltern und insbesondere Frauen gebeten, meine Geschichte zu erzählen. Es war gut für mich, alles zu erzählen, weil ich von den Medien immer wieder kritisiert wurde und von mir lange Zeit ein Bild der überehrgeizigen Tennismutter gezeichnet wurde, das nicht der Wahrheit entspricht. 

Haben Sie eine Lieblingsepisode in Ihrem Buch? 

Das ist wahrscheinlich die Episode, in der ich über das Tanzen spreche. Ich habe bei der TV-Show „Strictly Come Dancing“ (englische Version von Let‘s Dance; Anm. d. Red.) teilgenommen und hatte die beste Zeit. Es war das erste Mal in vielen Jahren, dass ich etwas getan habe, was nur für mich war. Es hat auch wahrscheinlich die Meinung von vielen Leuten über mich geändert. 

Sprechen wir über weibliche Tennistrainer. Sie haben Ihre Söhne Andy und Jamie trainiert, als diese jung waren. Warum gibt es so wenige Damencoaches auf der Tour, vor allem im Herrentennis? 

Viel überraschender ist es, dass es auch im Damentennis wenige weibliche Trainerinnen gibt. Es ist generell eine männerdominierte Szene. Nicht nur im Tennis. Ich denke, es gibt in den Verbänden weltweit wenige Karrierewege für Frauen, um im Trainerbereich voranzukommen. So ist das jedenfalls in meinem Land in Schottland. Der Trainerjob ist schwierig für Frauen, da die Damentour zehn Monate lang ist, die Herrentour sogar einen Monat länger. Für eine Frau, die Familie hat, ist es nicht einfach, ständig um die Welt zu reisen. Ich wünsche mir, dass es sich zumindest im Damentennis in Zukunft ändert und der Trainerjob für Frauen attraktiver wird. Denn die Frauen brauchen jemanden, mit dem sie ihre emotionalen, familiären und körperlichen Sorgen teilen können. Nicht jede Frau möchte sich einem Mann bei diesen Themen öffnen. 

Judy Murray

Spielfreude: Judy Murray liegt der Tennisnachwuchs am Herzen, ob im eigenen Land oder weltweit. Ihr Programm „Miss Hits“ unterstützt tennisbegeisterte Kinder in allen Nationen.

Was macht ein weiblicher Coach besser als ein männlicher?

Frauen hören besser zu, stellen mehr Fragen und beherrschen die Softskills besser. Männer sagen einem mehr, was zu tun ist. Als Andy begann, mit Amélie Mauresmo zu trainieren, hat er nicht über das Geschlecht nachgedacht, sondern darüber, ob die Persönlichkeit und die Fähigkeiten zu ihm passen. Die Beziehung zwischen Andy und Amélie hat ein wenig den Weg geöffnet, dass nun mehrere Damen mit ehemaligen Spielerinnen zusammenarbeiten. Martina Navratilova arbeitete mit Agnieszka Radwanska, Conchita Martinez mit Garbine Muguruza, Lindsay Davenport ist im Trainerteam von Madison Keys. Das ist schön zu sehen. 

Was muss getan werden, damit es mehr weibliche Coaches gibt?

Wir brauchen mehr Frauen in Positionen und Organisationen, wo Entscheidungen getroffen werden. Denn alle Änderungen werden von der Spitze getroffen. Frauen denken im Sinne der Frauen. Männer tun das nicht.

Sie haben die Tenniskarriere Ihrer beiden Söhne hautnah begleitet. In welchen Situationen brauchen Kinder die Unterstützung auf und abseits des Platzes und wann sollte man als Mutter loslassen können? 

Wenn Kinder klein sind und mit einem Hobby beginnen, brauchen sie jemanden, mit dem sie spielen können, vor allem im Tennis. Die ersten Personen, die sie fragen werden, sind die Eltern. Daher brauchen sie in dieser Entwicklungsphase diese Unterstützung. Es ist allerdings schwierig, seine eigenen Kinder zu trainieren. Als Andy und Jamie zwölf und 13 waren, habe ich begriffen, dass es wichtiger ist, die Mutter zu sein anstatt die Trainerin. Ich habe mir dann Hilfe von einem jungen Trainer geholt. Tennis ist ein sehr kopflastiger Sport. Du musst darüber nachdenken, was du tust und musst in der Lage sein, Probleme zu lösen. Es ist sehr wichtig für Eltern, dass ihre Kinder Unabhängigkeit entwickeln und sie in Situationen gebracht werden, in denen sie selbst nachdenken müssen. Es gibt manchmal zu viel Coaching gibt und zu wenig Lernen durch eigene Erfahrungen. 

Judy Murray, Andy Murray

Große Unterstützung: Ohne die Hilfe seiner Mutter wäre Andy Murray nicht zu dem begnadeten Tennisspieler gereift, der er heute ist.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, dass Ihre beiden Söhne die Nummer eins der Welt werden?

Niemals. Als wir vor vielen Jahren den Tennisclub in Dunblane aufgebaut haben, waren wir eine normale Familie aus Schottland. In Schottland gab und gibt es bis heute wenig Tennis. Wir haben schlechtes Wetter und wenige Hallenplätze. Das war nicht zu erwarten und ist ziemlich unglaublich, dass Andy und Jamie so erfolgreich wurden. 

Wie war die Beziehung zwischen Andy und Jamie in der Kindheit?

Es war eine gute Beziehung. Sie waren Freunde. Da die beiden nur 15 Monate voneinander entfernt sind, haben sie alles zusammen gemacht. Als die beiden jung waren, haben sie zahlreiche Sportarten betrieben. Andy hat davon profitiert, dass er einen älteren Bruder hat, der in den meisten Dingen größer und besser war. Er wollte immer gegen Jamie gewinnen. Daher entwickelte er sich zu einem super Wettkämpfer. Auch heute ist das Verhältnis der beiden sehr eng. Sie sind ihre größten Unterstützer, aber auch ihre größten Kritiker.  

War es hart für Jamie anzuerkennen, dass Andy der viel bessere Spieler im Einzel ist? 

Nein, das glaube ich nicht. In dieser Entwicklungsstufe ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht ein Wettbewerb zwischen dir und deinem Bruder ist, sondern zwischen dir und allen anderen. Wenn du erfolgreich werden willst, darfst du dich nicht immer mit deinem Bruder oder Leuten aus deinem Umfeld vergleichen. Du musst darüber hinausdenken und versuchen, der Beste zu werden, der du sein kannst. 

Judy Murray, Jamie Murray

Bitte recht freundlich: Judy Murrays älterer Sohn Jamie war bislang neun Wochen die Nummer eins im Doppel und gewann zwei Grand Slam-Turniere (Australian Open und US Open).

Welche Ihrer Söhne kommt mehr nach Ihnen? Andy oder Jamie?

Andy ist wie ich. Dickköpfig, wetteifernd, hart arbeitend, getrieben. 

Andy kann sehr grob sein auf dem Platz. Wie gehen Sie damit um, wenn er seine Box, in der Sie auch häufig sitzen, anschreit? 

Das ist ein Teil von ihm. Er zeigt seine Frustration und das in die Richtung, wo er weiß, dass jemand ihn anguckt. Er macht es seit vielen Jahren, es gehört zu seiner Veranlagung. Natürlich würde ich mir wünschen, dass er es nicht tun würde, aber so ist eben sein Charakter.  

Die Mutter von Alexander Zverev ist zu nervös, ihren Sohn spielen zu sehen und geht währenddessen mit dem Hund spazieren. Wie ist Ihr Stresspegel, wenn Ihre Söhne spielen? Wie schaffen Sie es, ruhig zu bleiben? 

Mittlerweile schaue ich mir die Matches nicht mehr so oft live an. Ich fand es besonders stressig, als beide Profis wurden und auf ihrem Toplevel ankamen, weil die Erwartungen von der Öffentlichkeit, von den Medien, aber auch von den beiden selbst sehr hoch waren. In dieser Zeit war es sehr anstrengend, mir die Matches anzugucken. Auch im Fernsehen schaue ich mir die Matches nicht mehr an. Wenn ich zu Hause bin und es im Fernsehen kommt, putze ich das Badezimmer und warte darauf, bis mir jemand eine Textnachricht schickt. 

Was haben Sie damals getan, wenn Ihre Söhne parallel spielten?

Ich bin zu dem Match gegangen, das zuerst begonnen hat. Wenn das erste Match zu Ende war, bin ich rüber zum anderen. 

Der britische Tennisverband generiert jedes Jahr sehr viel Geld durch Wimbledon. Es gab allerdings nur ganz wenige Topspieler aus Großbritannien in den letzten Dekaden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manchmal ist es nicht förderlich, wenn zu viel Geld vorhanden ist, vor allem, wenn es nicht besonders weise ausgegeben wird. Obwohl wir eine Grand Slam-Nation sind, ist Tennis im Vereinigten Königreich immer noch ein kleiner Sport. Wir haben die gleiche Einwohnerzahl wie Frankreich, aber die Franzosen haben zehnmal so viele Clubs, Plätze und Spieler. Wir sollten besser sein, als wir es derzeit sind. Dass es zwei Nummer-eins-Spieler aus Schottland gibt, wo kaum Geld zur Verfügung stand, beweist, dass es nicht immer um Geld geht, sondern darum, die richtigen Kinder zu finden und Möglichkeiten zu schaffen. Wir werden in Großbritannien bessere Spieler produzieren, wenn wir bessere Coaches haben. Trainer, die verstehen, wie man Talent entwickelt. 

Gab es einen Tennis-Boom in Großbritannien, nachdem Andy Olympia-Gold und Wimbledon gewonnen hat? 

Es führte dazu, dass mehr Leute Tennis gucken. Aber wir haben es bislang versäumt, diese Erfolge zu kapitalisieren. Wenn man möchte, dass mehr Leute Tennis spielen, muss man an Orte gehen, wo Tennis noch nicht existiert – in ländliche und benachteiligte Gegenden. Ein Grand Slam-Turnier zu haben reicht nicht. Zwei Wochen nach dem Turnier ist das Interesse abgeklungen, wenn man nicht am Ball bleibt.