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Thomas Baschab: „Zu viel Denken stört“

Herr Baschab, denken Frauen anders als Männer?
Natürlich. Ihre Entwicklungsgeschichte ist eine vollkommen andere als die der Männer. Allgemein kann man sagen: Frauen denken komplexer als Männer. Oder andersherum: Männer denken in einfacheren Strukturen. Beides hat Vor- und Nachteile.

Heißt das, Frauen sind schlauer?
Wer komplex denkt, denkt in der Regel tiefgründiger. Komplexes Denken ist facettenreicher, erfasst mehr Aspekte einer Situation, besonders die emotionalen und intuitiven Aspekte. Dieses Denken hat aber auch Nachteile. Eine Frau denkt oft zu viel nach. Das kann auch behindern.

Kann man dies auch im Tennis beobachten?
Ja, Frauen verlagern ihre Gedanken ins Match hinein. Eine Frau denkt im Match über Dinge nach, auf die würde ein Mann niemals kommen. Zum Beispiel: Ist meine Rückhand gut genug? Kann ich es überhaupt gegen meine Gegnerin schaffen? Die hat doch letzte Woche gegen die Nummer eins gewonnen. Ein Mann spielt einfach erst einmal weiter. Die Frau ist grundlegend selbstkritischer.

Das klingt doch sehr gut.
Das kann eine Stärke sein, aber es kann auch Nachteile haben. Frauen stellen sich selbst viel mehr in Frage. Sie dringen in eine tiefe Gedankenwelt ein, machen sich zu viele Gedanken.

Ist Denken ein Störfaktor?
Nicht vorher und nachher, aber während des Matches stört zu viel Nachdenken. Und vor allem während eines Schlages. Wenn man eine Vorhand spielt und darüber nachdenkt, was man gerade macht, kann es nur schiefgehen. Der Denkvorgang stört den Ablauf. Am besten spielt man, wenn man über gar nichts nachdenkt.

Kann das eine Frau denn?
Frauen haben es auf jeden Fall schwerer, mit einer sogenannten „Scheiß-Egal-Einstellung“ auf den Platz zu gehen. Frauen geben allen Dingen sehr viel Gewicht und Wertigkeit. Diesen Gleichgültigkeitseffekt muss man ein bisschen mitspielen lassen und darf nicht immer alle Eventualitäten berücksichtigen. Männer hauen eher einfach mal drauf und schauen, was passiert.

Spielt die Psyche der Frau eine größere Rolle auf dem Platz als bei Männern?
Die Psyche ist bei Frauen und Männern gleich wichtig, spielt aber eine andere Rolle. In der Regel sind Frauen Multitasking fähig, d.h. Frauen können in der Regel viele Dinge gleichzeitig machen, weil sie dies seit Jahrtausenden machen. Sie haben ein Kind auf dem Arm, kochen essen und telefonieren. Ein Mann kann das nicht. Wenn ich telefoniere, dann telefoniere ich. Bestenfalls kritzele ich noch etwas aufs Papier, aber auch nichts Sinnvolles.

Wirkt sich die Fähigkeit zum Multitasking auf dem Platz positiv aus? Wenn man auf dem Tennisplatz mehrere Prozesse gleichzeitig gedanklich bearbeitet, führt das schnell zu einer Katastrophe. Frauen leiden oft darunter, dass sie einen extremen Anspruch an sich selbst haben und dann nach ihrer eigenen Einschätzung ihrem extrem hohen Anspruch nicht gerecht werden.

Sind Frauen in ihrem Wettkampfverhalten Männern überlegen oder unterlegen?
Das Wettkampfverhalten von Frau und Mann ist sehr verschieden. Frauen neigen zu starkem Konkurrenzdenken – vor allem untereinander. Sie kämpfen nicht nur auf dem Platz, sondern auch vor und nach dem Match geht der Kampf weiter. Bei Männern ist das Konkurrenzdenken auch sehr stark ausgeprägt. Aber es wird nicht so sehr persönlich genommen. Bei Frauen gibt es nicht nur den Leistungsvergleich auf das Spielerische bezogen, sondern es ist sofort ein Vergleich von Frau zu Frau.

Leidet darunter das Selbstvertrauen?
Da Frauen sich eher unterschätzen, kann man das Selbstvertrauen bei Frauen schneller erschüttern. Eine Frau reagiert auf einzelne Ergebnisse, auf einen Ballwechsel, auf eine Spielsituation viel intensiver als ein Mann. Ein Match kann wunderbar laufen und plötzlich kann eine Situation, eine verlorene Rallye eine Frau frustrieren. Über mehrere Spiele, sogar über das ganze Match. Männer sind auch frustriert, aber haken Situationen viel schneller ab.

Sind im Sport Freundschaften unter Frauen möglich?
Sie sind klar die Ausnahme. Frauen haben einen größeren Neidfaktor als Männer. Keine gönnt der anderen etwas. Aus meiner Erfahrung heraus entstehen viele Freundschaften im Leistungssport aufgrund von Einsamkeit. Frauen haben schneller Heimweh.

Sind junge Mädchen im Teenageralter in ihrer Entwicklung weiter als junge Männer? Lässt sich das im Training beobachten?
Frauen können sich selbst besser reflektieren, sind kritischer und haben einen differenzierteren Blick. Sie nehmen die Kritik vom Trainer besser auf. Dadurch machen sie eine schnellere Entwicklung durch. Das ist ein Grund, warum bei Gleichaltrigkeit Frauen reifer sind als Männer. Sie sind auch zäher, können mehr Kampfgeist entwickeln. Seit Jahrhunderten werden Frauen schlechter behandelt, und müssen um ihre Position und Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen. Das hat die Frau im Endeffekt sehr stark gemacht.

Gibt es einen Unterschied im Umgang mit Niederlagen?
Für Männer und Frauen sind Niederlagen grundsätzlich hart. Männer verarbeiten Niederlagen schneller. Sie denken nicht so lange und intensiv darüber nach. Das kann in diesem Fall als eine Stärke gesehen werden. Frauen grübeln, denken nach, machen Quervergleiche und brauchen eine längere Zeit, um eine Niederlage abzuhaken.

Genießen sie dann den Sieg wenigstens länger?
Der Sieg führt nicht zum Quervergleich. Boris Becker hat einmal gesagt: Ich hasse das Verlieren viel mehr als das Siegen zu lieben. Diese Aussage passt auch auf die Frauen. Tennis ist ein hundsgemeiner Sport, wenn man überlegt, dass bei den US Open im Hauptfeld 128 Spielerinnen mitspielen und 127 davon mit einer Niederlage nach Hause fliegen.

In der Tennisszene heißt es, es sei schwieriger, Frauen zu trainieren als Männer. Stimmt das?
Männliche Trainer können unter Umständen die Gedankengänge von Frauen nicht nachvollziehen, eben weil sie in viel einfacheren Strukturen denken. Für eine Frau ist die Vereinfachung unbefriedigend. So entstehen Kommunikationsprobleme. Frauen wollen über Probleme reden und sie dann lösen, Männer wollen nicht unbedingt darüber reden, sondern das Problem sofort lösen. Das kann man nicht nur auf dem Platz im Training beobachten, sondern das sieht man in jeder Beziehung.

Wie können Sie als männlicher Mental Coach überhaupt Frauen verstehen?
Ich bemühe mich mein ganzes Leben lang darum, Frauen in dieser Hinsicht zu verstehen, in dem Wissen, dass es mir wahrscheinlich niemals wirklich gelingen wird.

Es muss doch möglich sein, dass Männer uns verstehen…
Männer haben ja auch im Verborgenen eine weiche, weibliche Seite. Es ist also nichts verloren. Männer können sensibel und feinfühlig sein. Ich habe hier Grundmuster beschrieben, die in der Regel zutreffen, aber natürlich ist jeder Mensch individuell.

Das Gespräch führte Esther-Skadi Brunn.