Todd Martin

Todd Martin: „Die totale Hingabe fehlt vielen Athleten heute”

Die frühere Nummer 4 der Welt über die Wimbledon-Entscheidung, ­goldene Zeiten im US-Herrentennis und seinen aktuellen Lieblingsspieler.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 6/2022

Wimbledon hat Russland und Belarus von seinem Turnier 2022 ausgeschlossen. Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Wimbledon ist der All England Lawn ­Tennis and Croquet Club. Es ist ein privater Club, der seine eigenen Entscheidungen trifft und eigene Werte vertritt. Deswegen kann er ­autarker ­agieren als die ATP oder die WTA. Die Frage ist nun, wie die restlichen Spieler und ­Spielerinnen auf den Beschluss reagieren werden. Nur zur ­Erinnerung: Vor 49 Jahren, 1973 also, boy­kottierten 81 Spieler Wimbledon – aus ­Solidarität zu Niki Pilic, der damals nicht im Davis Cup für Jugoslawien antrat und vom Weltverband deswegen gesperrt wurde. 

Geschichte könnte sich nun also wiederholen? 

Das weiß im Moment niemand. Sicher aber ist, dass dieser Beschluss Spuren hinterlassen wird. 

Sie sind seit acht Jahren Chef der Inter­national Tennis Hall of Fame in Newport, USA. Bekamen Sie den Job, weil Sie sich so gut in der Tennishistorie auskennen? 

Ich habe mich bis zum Ende meiner aktiven Karriere nie dafür interessiert, um ehrlich zu sein. Mein Vater war Geschichtsprofessor und wenn er beim Abendessen ins Plaudern kam, habe ich regelmäßig die Flucht ergriffen (lacht). Ich bin erst später auf Spieler wie den Tennis­baron Gottfried von Cramm aufmerksam geworden, weil er ein unglaubliches Leben gelebt hat. Mein Job ist nicht der eines ­Historikers. Ich bin die  Führungskraft einer Sportorganisation. 

Werden Sie noch „der Professor“ genannt? 

Nein, das war mein Spitzname auf der Tour, weil ich so früh graue Haare bekam. 

Sie gelten als einer der besten Spieler ohne Grand Slam-Titel …

… ja ja, das höre ich oft. So wie Marcelo Rios oder David Nalbandian.

Wann hatten Sie Ihre beste Chance, ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen? 

1996 in Wimbledon. Ich führte im Halbfinale gegen Malivai Washington 5:1 im fünften Satz – und verlor. Im Endspiel wäre ich auf Richard Krajicek gestoßen. Da wäre etwas drin gewesen. 

Sie standen auch in zwei Grand Slam-Finals. Korrekt, aber bei den Australian Open 1994 gegen Pete Sampras und bei den US Open 1999 gegen Andre Agassi konnte ich nicht gewinnen. Beide waren auf Hardcourts zu stark. 

Sie gehörten zur goldenen Generation des US-Tennis. Wo sehen Sie die Unterschiede zu den ­aktuellen US-Profis? 

Sie haben heute weniger Erfolg, weil Tennis viel globaler geworden ist. Alle sogenannten Tennisnationen haben heute zu kämpfen. Und: Jemand wie Pete Sampras hätte sich niemals damit abgefunden, nur ein guter Spieler zu sein; er wollte der Allerbeste sein. Diese Hingabe ohne Kompromisse fehlt vielen Athleten heute. 

Waren Sie mit Sampras und Co. befreundet? 

Es gab die unterschiedlichsten Beziehungen zwischen uns, aber letztlich waren wir Freunde. Ich habe heute noch Kontakt zu ihnen. 

Wer ist Ihr Next Gen-Lieblingsspieler? 

Felix Auger-Aliassime. Er ist jetzt zwar schon 21 Jahre alt, aber sein Potenzial hat er noch lange nicht ausgeschöpft. Außerdem gefällt mir seine Persönlichkeit: Er ist bescheiden und höflich.