Wilhelm Bungert – „Fürs Finale gab es 270 Mark“

Herr Bungert, vor 40 Jahren standen Sie im Finale von Wimbledon. Wird das gefeiert?
Nein. Ich habe in diesem Jahr ein paar Mal an damals gedacht und konnte kaum glauben, dass es schon 40 Jahre her ist. Es kommt mir nicht so lange vor.

Welche Erinnerungen haben Sie an Wimbledon 1967?
Es war eine gemütliche Atmosphäre unter Freunden. Auch wenn wir uns hart bekämpften, es ging nur um die Ehre. Der Sieger, John Newcombe, erhielt eine kleine Nachbildung des Pokals. Ich bekam als Finalist 30 Pfund, damals waren das 300 Mark. Ausgezahlt wurden sie allerdings nicht, weil dies gegen die Amateurbedingungen verstieß. Man gab mir einen Gutschein für ein Sportgeschäft in London, den ich allerdings nicht einlöste. Ein Jahr später, inzwischen gab es Profitennis, fragte ich bei der Turnierleitung an, ob sie mir nun das Geld auszahlen würde. Ich erhielt drei Zehn-Pfund-Noten. In Deutschland brachte ich sie zur Bank. Da waren sie nur noch 270 Mark wert.

Gegen Newcombe hatten Sie keine Chance. Sie verloren in 72 Minuten, im kürzesten Wimbledonfinale aller Zeiten. Wie sehr schmerzte die Niederlage?
Ich hatte zuvor viermal mit Mühe und Not erst im fünften Satz gewonnen. Im Halbfinale gegen Roger Taylor war ich stehend k.o. Damals durfte man sich während der Seitenwechsel nicht hinsetzen. Taylor, ein riesiger Kerl, pumpte. Ich ließ mir nichts anmerken, stand ganz ruhig da. Das hat ihn verrückt gemacht und wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Dass ich das Finale dann verloren habe, war nicht wichtig. Ich wusste, wenn es hart auf hart kommt, würde ich Newcombe nichts entgegensetzen können. Wichtig war für mich, überhaupt ins Endspiel zu kommen.

Wie war die Atmosphäre auf dem Centre Court?
Ich hatte dort vorher schon 25- oder 30-mal gespielt, Einzel, Doppel, Mixed. Früher nahm man noch an allen Disziplinen teil. Ich wusste also, was mich erwartete. Ich fühlte mich wohl, und die Engländer mochten mich. Der Centre Court war, wie später für Boris
Becker, mein Wohnzimmer.

Heute fliegen die Spieler zu den Turnieren. Wie reisten Sie damals an?
Ich fuhr zusammen mit meinem Vater mit dem Auto nach Oostende. Dann nahmen wir die Fähre. Untergebracht waren wir in einem einfachen Hotel an der Themse. Unten im Keller gab es ein bayrisches Lokal, wo sie deutsches Bier ausschenkten. Zur Anlage fuhren wir mit dem Bus. Ich hätte zwar den Fahrdienst in Anspruch nehmen können, aber mein Vater durfte das nicht. Also verzichteten wir. Als ich im Halbfinale war, bot man mir an, uns beide abzuholen. Ich sagte: Nein danke, jetzt fahren wir bis zum Schluss mit dem Bus. Am Finaltag standen wir dann vor verschlossenen Türen. Man ließ uns nicht herein, weil der Einlass erst um 12 Uhr war. Ich habe mich dann mit meinem Vater zehn Minuten auf den Bordstein gesetzt und gewartet.

Klingt ziemlich abenteurlich.
Ja. Alles war sehr einfach. Immerhin gab es für die Spieler eine kleine medizinische Abteilung. Einmal kam vor mir Roy Emerson an die Reihe. Aus einem Schränkchen holte er eine Flasche mit riesigen roten Pillen heraus. Einige steckte er in die Tasche, eine schluckte er sofort. Ich fragte den Masseur, was Emerson genommen habe. Die Antwort: Salz. Ihr schwitzt viel. So etwas hatte ich vorher noch nie gehört. Er drückte mir dann auch ein paar
Tabletten in die Hand. Salztabletten nehme ich bis heute.

Sie erreichten schon 1963 und 1964 das Halbfinale von Wimbledon. Warum waren Sie so erfolgreich dort?
Mein Spiel war wie für Rasen gemacht. Ich stand zwei Meter im Feld. Ich hatte damals einen der besten Returns, einen sehr guten Reflex und einen Arm wie ein Boxer. Roy Emerson zum Beispiel, der sehr gut aufschlug, kam nur bis zur Aufschlaglinie, dann flog ihm mein Return schon entgegen, und er musste ihn unterhalb der Netzkante spielen. Nach vorne bin ich natürlich auch gerückt. Anders konnte man nicht gewinnen. Ich hatte keinen schnellen Aufschlag, aber er war sehr platziert, sprang flach weg.
Das Tempo war ja im Vergleich zu heute recht langsam.
Ja, aber mit den Schlägern konnten wir nicht stundenlang voll draufhauen. Sie wogen mindestens 100 Gramm mehr als heute. Ich habe später einmal Michael Stich meinen alten Maxply gegeben, und er sagte: Da fällt einem nach einer halben Stunde der Arm ab. Ich ließ damals speziell einen weicheren Schläger anfertigen. Ich musste die Flexibilität des Rahmens spüren, die Saite fühlen. Der Schläger war mein verlängerter Arm, meine Stradivari.

1963 verloren Sie in Wimbledon in fünf Sätzen gegen Rod Laver. Wie war es, gegen die Legende Laver zu spielen?
Ich kannte ihn vom Jugendturnier 1956. Wir spielten also in der gleichen Klasse. Ich habe in meiner Karriere etwa zehnmal gegen Laver gespielt, drei- oder viermal gewonnen. Er war ein unglaublich sympathischer Kerl und sehr fair. Man konnte früh sehen, dass er besser als alle anderen war. Er konnte mit dem Ball alles anstellen. Er hatte das Gefühl, das Auge, gute Aufschläge und Returns.
Genau das, was man heute Roger Federer nachsagt.
Laver spielte genauso, natürlich nicht so schnell. Aber die Art, wie beide Tennis zelebrieren, ist identisch.

Waren Sie damals ein Star?
Vielleicht bei Grün-Weiß Mannheim, meinem Heimatclub. Nein, Stars gab es nicht. Wir waren nur eine kleine Gruppe von weltweit 50 Spielern. Die Amerikaner spielten meistens bei sich, wir in Europa. Der Aufwand, in Übersee zu spielen, wäre zu groß gewesen. Einmal, im Winter, wollte ich zum legendären Harry Hopman nach Australien reisen, um dort ein paar Turniere zu spielen und zu trainieren. Der DTB meinte, ich sei nicht gut genug, und gab mir kein Geld. Bezahlt hat die Reise dann mein Vater, der Badische Tennisverband und mein Verein, der 300 Mark spendete.

Wie intensiv verfolgen Sie das Tennis von heute?
Ich bin einmal im Jahr in Paris oder Wimbledon. Ich bekomme immer noch VIP-Tickets für mich und meine Frau. Man trifft dann die Freunde von früher, was ich sehr schön finde. Ansonsten verfolge ich die Ergebnisse und sehe mir Ausschnitte im Fernsehen an. Allerdings kenne ich von den jungen Spielern kaum jemanden.

Wie gefällt Ihnen Philipp Kohl­schreiber?
Ich habe ihn beim World Team Cup in Düsseldorf zum ersten Mal spielen sehen. Er gefällt mir sehr gut. Er hat sehr gute Schläge. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er körperlich so kräftig ist, um auf Dauer mithalten zu können. Ihm fehlt ein bisschen Stamina.

Heute verdienen die Spieler viel Geld. Bedauern Sie es, dass es zu Ihrer Zeit nicht so war?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man hat es schön, so wie wir früher, und verdient kein Geld, oder es ist, wie heute, ein knallhartes Business, in dem man bis zum Umfallen trainieren muss. Beides geht nicht. Ich bedauere es ein bisschen. Hätte ich mehr Geld verdient, müsste ich heute nicht mehr in meinem Tenniscenter arbeiten.

Glauben Sie, dass Ihnen der Deutsche Tennis Bund zum Jubiläum eine Glückwunschkarte schreiben wird?
Nein, und ich wüsste auch nicht, wer es machen sollte. Ich habe einmal vorgeschlagen, dass man eine Liste mit allen ehemaligen wichtigen Tennisspielern anfertigt und sie regelmäßig anschreibt. Das ist nie gemacht worden. Ich bin mir sicher, dass heute beim DTB auch niemand weiß, dass ich der einzige Ehrenkapitän der deutschen Davis Cup-Mannschaft bin, so wie Uwe Seeler im Fußball.
Das Interview führte Andrej Antic