Rogers Cup Montreal – Day 8

Alexander Zverev im Formtief: das zerbrochene Spiel

Spätestens nach der Auftaktniederlage in Cincinnati gegen Miomir Kecmanović steht fest, dass sich Alexander Zverev in einer spielerischen Krise befindet.

So, jetzt kriegt er aber die Kurve. Gegen den Miomir Kecmanović kann er doch mal richtig aus sich rauskommen. Gut, der junge Serbe erlebt gerade sein „Durchbruchsjahr“ auf der Tour, aber vor dem braucht sich Alexander Zverev nun wirklich nicht zu verstecken. Also, hopp, auf geht´s Sascha! Zeig dich mal auf dem Court, mach dich groß. Und denk nicht an Cincinnati und die miserable Quote von bislang vier Auftaktpleiten bei vier Turnierstarts.

Das waren so die Gedanken kurz vor dem Match von Alexander Zverev gegen Miomir Kecmanović in Cincinnati am Mittwochabend. Sie waren – zugegebenermaßen – leicht optimistisch eingefärbt und sollten all die Zweifel verdrängen, die in den letzten Wochen an Zevervs Spiel aufgekommen sind. Und dann startet Zverev so in sein Match: zwei Doppelfehler, das erste Aufschlagspiel gibt er zu null ab.

Um Alexander Zverev muss man sich Sorgen machen

Der aufgezwängte Optimismus verflüchtigt sich zügig. Matches von Zverev zu verfolgen ist mittlerweile zu einer angsteinflößenden Angelegenheit geworden, weil man sich um Deutschlands Topspieler ernsthaft Sorgen machen muss. Denn so, wie er sich gegen Kecmanović präsentierte, kann Zverev nicht mehr den Anspruch für sich erheben, zur Weltklasse im Herrentennis zu gehören.

Gegen den 19-jährigen Serben leistete sich Zverev bei seiner 7:6, 2:6, 4:6-Niederlage insgesamt 20 Doppelfehler. In Worten: zwanzig! Was das bedeutet, zeigen ein paar statistische Werte. Zum Beispiel: Kecmanović machte im gesamten Match 98 Punkte, 20 davon bekam er von Zverev durch die Doppelfehler geschenkt – also mehr als ein Fünftel.

Noch desaströser aber ist ein detaillierter Blick in Zverevs Serviceleistung, gerade beim zweiten Aufschlag. Im gesamten Match musste Zverev 44-mal über den zweiten Aufschlag gehen und produzierte dann 20-mal einen Fehler. Seine Fehlerquote beim zweiten Aufschlag lag also bei mehr als 45 Prozent – das ist haarsträubend schlecht.

Alexander Zverev: Schwachpunkt zweiter Aufschlag

Überhaupt ist der zweite Aufschlag in Zverevs Spiel zu einem großen Schwachpunkt geworden – nicht nur, was die Doppelfehler angeht. Gegen Kecmanović machte er nur zu 36 Prozent den Punkt, wenn er über den Zweiten gehen musste. 2019 liegt dieser Wert nach 46 Matches bei 43,6 Prozent. Kein Top 100-Spieler ist in dieser Kategorie schlechter als der Deutsche. Zum Vergleich: 2018 lag Zverev noch bei 53,3 Prozent. Die Top-Stars wie Nadal und Federer schaffen aktuell knapp 60 Prozent.

Zverev

SCHLECHTE QUOTE: Kein Spieler aus den Top 100 macht aktuell so wenig Punkte, wenn er über den zweiten Aufschlag gehen muss wie Alexander Zverev.

Die vielen Doppelfehler tragen natürlich zur Verunsicherung von Zverev beim zweiten Aufschlag bei. Das ist eine Binse, die jeder kennt, der selbst auf dem Platz steht. Im Match gegen Kecmanović aber war diese Fehleranfälligkeit bei jedem zweiten Aufschlag auch vor dem TV-Gerät förmlich greifbar. Zverevs verschlagene Aufschläge landeten zum Teil meterweit im Aus oder schlugen in der Mitte des Netzes ein. Bei einem Zwei-Meter-Mann wie Zverev ist eine derartige Schwäche unerklärlich.

Aber: Sie hatte sich im Laufe der Saison immer wieder angedeutet. Denn in seinen letzten 18 Matches servierte er insgesamt 153 Doppelfehler. Das sind 8,5 pro Match. In der gesamten Saison 2019 liegt seine Quote bei sechs Doppelfehlern pro Partie.

Alexander Zverev: zu passiv, zu zögernd

Neben dem zweiten Aufschlag ist zudem die gesamte Spielanlage von Zverev besorgniserregend. Er spielt passiv, steht weit hinter der Grundlinie und wartet auf die Fehler seiner Gegner. Die Power seiner Grundschläge, insbesondere seiner Rückhand, sucht man vergebens. Klar, er kämpft um jeden Punkt, rennt, ackert, schmeißt sich in aussichtslose Bälle. Das ehrt ihn, aber das ist nicht sein Spiel. Spielerisch entwickelt er sich zurück. Sein offensiv ausgerichtetes Powerspiel ist zerbrochen. Zverev agiert zögernd und ängstlich.

Dafür gibt es Gründe. Der Rechtsstreit mit seinem Manager, die Trennung von Ivan Lendl, die On-Off-Beziehung mit Olga Sharypova. So etwas steckt ein 22-Jähriger nicht einfach so weg – egal, wie professionell er auch sein mag.

Zverev, so viel ist klar, braucht einen Neuanfang. Er braucht einen neuen Coach und einen klaren Plan, wie er künftig überhaupt spielen will. Die Bälle reinspielen und hoffen, dass das irgendwie reicht, kann keine Option für einen Spieler wie ihn sein.