Davis Cup 1989

Davis Cup: Wie Nudeln ohne Sauce

Das war’s! Der Davis Cup, so wie wir ihn kannten, ist Geschichte. tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic erinnert sich wehmütig an legendäre Davis Cup-Wochenenden.

Die Eltern sind schon im Bett. Es ist weit nach Mitternacht. Der Röhrenfernseher läuft in meinem Zimmer. Etwas gefährlich zu dieser Zeit, im Bett zu liegen. Ich könnte ja einschlafen. Aber da besteht keine Gefahr. Es ist zu spannend. Die Augen fallen mir garantiert nicht zu!

Die Davis Cup-Schlacht von Hartford

Hartford, Connecticut. Civic Center, 16.000 Zuschauer. Davis Cup. Es geht gegen den Abstieg. Aber es könnte von den Paarungen auch ein Finale sein. Die Hauptdarsteller: Boris Becker und John McEnroe. Die Sidekicks: Eric Jelen, Tim Mayotte und das beste Doppel der Welt, Ken Flach und Robert Seguso. Mayotte und Jelen sind fertig mit dem ersten Match. Deutschland führt 1:0. Jetzt stehen Becker und McEnroe auf dem Platz. Das Einschlagen sieht etwas wacklig aus. Aber dann folgt die vielleicht faszinierendste Partie, die ich je gesehen habe. Endstand 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 für Becker. Nach 6:39 Minuten. Bei mir ist es früher Morgen, in Hartford später Abend. Zwei Tage später hatte Deutschland 3:2 gesiegt. Im nächsten tennis MAGAZIN steht ein Ion Tiriac-Zitat: Boris sei mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge „so groß wie ein Haus“ durch die Arena gelaufen.

Die Schlacht von Hartford 1987 ist tief in meinem Fan-Gedächtnis verankert. Ich war damals knapp aus dem Teenager-Alter und vermutete nicht, was beruflich folgen würde. Nur eins wusste ich: Davis Cup, das ist die große Liebe. Das ist der ultimative Wettbewerb. Es folgten Highlights, die Geschichtsbücher füllen. Die für zig Generationen gereicht hätten, aber sie flogen in unfassbarem Tempo an einem vorbei. Erster Triumph in Göteborg mit einem Charly Steeb, der die damalige Nummer eins, Mats Wilander, im tiefen Sand verbuddelt. Als der Sieg feststeht und Teamchef Niki Pilic ein paar Stunden später im Schlafanzug in seinem Hotelzimmer sitzt, klopft es an seine Tür. Seine Mannschaft will feiern. Becker & Co. schleifen Pilic, den Meistermacher, in die Disco.

Das verpasste Jahrhundertfinale gegen die USA

Triumph Nummer zwei in Stuttgart das Jahr darauf, wieder gegen Schweden. Die Bilder von der anschließenden Party gehen um die Welt. Deutschland im Tennisrausch. Der Soundtrack der späten 80er-Jahre ist das rhythmische Klatschen von den Rängen. Fernsehsendungen entfallen, weil Tennis läuft. Alle drehen durch und ich auch. Mit Freunden beim Urlaub auf Juist reden wir ein Wochenende nur mit nasalem badischen Singsang – wie Boris Becker. Als Michael Stich Jahre später die berühmten neun Matchbälle im Halbfinale in Moskau vergibt und es nicht zum Traumfinale zwischen Deutschland und den USA kommt, herrscht bei mir und bundesweit Tristesse. Jahre später erzählt mir der immer noch fassungslose Niki Pilic: „Es wäre das größte Davis Cup-Finale aller Zeiten gewesen, mit vier Wimbledon-Siegern: Becker, Stich, Sampras, Agassi.“

Überhaupt Pilic, der Mann, der fünfmal diese hässlichste Salatschüssel der Welt gewann – 1988, 1989, 1993 mit Deutschland, 2005 mit Kroatien und 2010 als Berater für Serbien. Zehn Jahre nach Hartford stehe ich als junger Reporter in seiner Münchner Tennisakademie vor einer Wand von Erinnerungen, Davis Cup-Fotos auf zehn Quadratmetern. Das strahlende Team, der riesige Cup, die Helden in Farbe und schwarz-weiß. Es folgen viele Begegnungen mit Mister Davis Cup auch auf dem Platz, wo er mich mit seinem Slice, den er lang und schmutzig an die Grundlinie spielt, zur Verzweiflung bringt.

Pilic: „Diese Leute haben keine Ahnung von Tennis“

Eine vorerst letzte findet im Frühjahr 2018 statt. Pilic, fast 80 Jahre alt, lebt inzwischen im kroatischen Opatija. Wir reden in seinem Tennisclub bei Cevapcici und Weißwein – natürlich – über den Davis Cup und die Reform. Pilic sagt: „Diese Leute haben keine Ahnung von Tennis.“ Er meint ITF-Chef David Haggerty und seine Mitstreiter.

Fakt ist, der Davis Cup brauchte Veränderungen. Aber hey, man kann ihm doch das entscheidende Element nicht nehmen, sozusagen den Filz auf dem Ball. Davis Cup ohne Heim- und Auswärtsspiele ist wie Nudeln ohne Sauce. Ach was, viel schlimmer.

Im nächsten Jahr wird der Davis Cup zum ersten Mal im neuen Format ausgetragen. 18 Mannschaften spielen in Madrid den Champion aus. Ein Datum gibt es noch nicht. Nach dem ATP-Finale in London will keiner mehr spielen. Bei einem möglichen Ausweichtermin im September findet Roger Federers Laver Cup statt. Ich bin gespannt, wie Haggerty & Co. das lösen wollen. Die veranstaltende Agentur Kosmos mit Fußballspieler Gerard Piqué als Kopf verspricht drei Milliarden Dollar Garantiesumme in den nächsten 25 Jahren. Was für ein Wahnsinn!

Ich habe meine Zweifel am neuen Konzept und ich denke in diesen Tagen oft an eine grandiose Fernsehnacht. Mit einem 6.000 Kilometer entfernten Ereignis auf der Mattscheibe – in Hartford, Connecticut.