Die Causa PTPA: Zerreißprobe für die Tour
Bei den Australian Open trat am Samstag der ersten Woche zum ersten Mal die Heat Policy in Kraft. Hinter den Kulissen geht es ebenfalls heiß her.
Heiß ist es am Samstag. Die Fans kühlen sich vor den zahlreichen Geräten, die einen mit Wasser besprühen. Sie cremen sich ein und trinken, trinken, trinken.
Um kurz nach 15 Uhr Ortszeit tritt die Heat Policy in Kraft. Stufe 5 ist erreicht. Alle Spiele auf den Außenplätzen und in den Arenen, in denen es kein Dach gibt, werden abgebrochen. Bis 17.30 Uhr heißt es zunächst, später wird der Spielbeginn auf 18.45 Uhr verschoben. Auf Rod Laver, wo Jannick Sinner gegen den Amerikaner Eliot Spizzirri unter der Hitze merklich leidet, und auf Margaret Court und John Cain wird das Dach geschlossen. Es herrschen Temperaturen um die 40 Grad.
Der Begriff Pinnacle Tour macht die Runde
Ähnlich heiß geht es zurzeit hinter den Kulissen von Melbourne 2026 zu. Die Drohkulisse heißt PTPA und die Begriffe Future Tennis und Pinnacle Tour wabern durch das wohlklimatisierte, achtstöckige Mediengebäude.
Vergangenen März hat die PTPA, die Professional Tennis Players Association, die vor sechs Jahren gegründet wurde und mittlerweile 600 Profis umfasst, so ziemlich alle verklagt, die im Welttennis etwas zu sagen haben: ATP, WTA, ITF und die vier Grand Slam-Turniere. Der Grund: Die PTPA ist der Meinung, dass die oben genannten Verbände und die Majors von Melbourne, Paris, Wimbledon und New York alles diktieren. Das Credo: Die Veranstalter sind stark, die Profis nicht. Eine gerechtere Verteilung von Preisgeld ist ein großes Thema oder auch der Terminkalender sowie Pflichtturniere der Profis.
Was die PTPA fordert, ist nichts Geringeres als eine radikale Umstellung der Tour. Ältere Beobachter der Szene sagen, es könnte so heiß hergehen wie 1973, als die Topspieler Wimbledon boykottierten oder wie 1989, als auf einem Parkplatz bei den US Open die neuformierte ATP gegen das Establishment aufbegehrte.
Im Vorfeld von Melbourne und während des Turnieres selbst bekam der Vorstoß der PTPA eine neue Dynamik. Es begann damit, dass einer der beiden Gründer, Novak Djokovic (der andere ist der frühere kanadische Topspieler Vasek Pospisil), sich von seiner eigenen Tour lossagte.
Tennis am Rand eines Bürgerkriegs
Als er am Samstag vor Turnierbeginn dazu befragt wurde, sagte Djokovic, dass er immer noch mit der Idee der PTPA sympathisiere. Aber: Sein Name stehe zu sehr im Vordergrund. Er, Djokovic, werde instrumentalisiert. Gut möglich, dass Djokovic gespürt hat, wie sehr die PTPA zündelt. Der Londoner Guardian zitierte eine Quelle mit den Worten: „Die jüngsten Entwicklungen haben den Sport an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht.“
Was war passiert? Inzwischen kam raus, dass Tennis Australia, die die Australian Open veranstalten, von der PTPA angeblich nicht verklagt wurden. Entsprechend groß ist die Aufregung in der Szene: Können die Franzosen, Briten und Amerikaner den Australiern noch vertrauen? Was plant Tennis Australia mit der PTPA? Oder sind alles nur Gerüchte? Denn offiziell sprechen möchte niemand zu der brisanten Causa.
„Tennis Australia könnte die Tour spalten“, sagt ein Kenner der Szene. Kaum vorstellbar, dass sich die Grand Slams, die sich in den letzten Jahren ähnlich entwickelten, demnächst gegeneinander kämpfen.
Oder doch? Die seriösen englischen Tageszeitungen Guardian und Daily Telegraph berichten, dass Tennis Australia in dem Gerichtsverfahren mit der PTPA gegen die anderen Grand-Slam-Turniere kooperiere, einschließlich der Bereitstellung vertraulicher Finanzinformationen, als Gegenleistung dafür, dass die Klage gegen den australischen Verband zurückgezogen wird und somit einer möglichen Schadensersatzforderung in Höhe von mehreren zehn Millionen Pfund entgeht.
Es geht um eine Milliarde Dollar
In direkter Konkurrenz zu den ATP- und WTA-Touren hat die Professional Tennis Players Association einen neuen Entwurf für den Sport entwickelt. „Future Tennis“ sei am Dienstag der ersten Turnierwoche an mehr als 20 Investmentbanken und Finanzberatungsfirmen verschickt worden. Die kolportierte Summe, um all das zum Laufen zu bringen: eine Milliarde Dollar.
Die PTPA, die sowohl die beiden Touren als auch drei der vier Grand-Slam-Turniere vor dem Bezirksgericht von New York verklagt hat, soll sogar gemeinsam mit Tennis Australia an der Ausarbeitung der vorgeschlagenen neuen Struktur gearbeitet haben, nachdem die Spielerlobby ihre Klage gegen die Organisatoren der Australian Open zurückgezogen hatte.
Vom Aufbau einer besseren Zukunft für den Tennissport ist die Rede, was ATP, WTA und die anderen Grand Slams bestreiten dürften.
Eine mögliche neue Struktur der Tour
Das Dokument „Future Tennis“ kritisiert die bestehende Struktur und das Führungsmodell des Sports scharf und konstatiert, dass „das professionelle Tennis seit Jahren hinter seinem Potenzial zurückbleibt“. Von „tiefgreifenden strukturellen Problemen sowie einem fragmentierten und dennoch repressivem Führungsmodell“ ist die Rede. Der Kalender sei für Fans verwirrend. Vor allem: Die Vergütung der Spieler sei „weit unter dem Branchenniveau“. Im Klartext: Golfer, Basketballer oder Footballer verdienen mehr.
Eine dreistufige Profistruktur
Was die PTPA vorschlägt, ist eine neue dreistufige Profistruktur mit der Pinnacle Tour an der Spitze, die neben einer 50-prozentigen Erhöhung gleiche Preisgelder für Männer und Frauen bieten würde, wobei die 100 besten Spieler im ersten Jahr garantiert 1 Million Dollar (745.000 Pfund) erhalten würden. Nach zehn Jahren würde das Salär auf 2,3 Millionen Dollar steigen.
Future Tennis sieht auch vor, den Sport unter einem einzigen Dachverband zu vereinen. Es wäre das Ende von ATP, WTA und ITF.
Allerdings: Das Ganze ist immer noch sehr spekulativ. Als am Freitag zwei Offizielle vom All England Club im Mediencafe ihren Cappuccino schlürften, bemerkte ein britischer Journalist süffisant: „Sie sind sehr entspannt. Wimbledon werden die Profis solange spielen, wie es professionelles Tennis gibt.“
