TENNIS-CHN-WTA

Julia Görges: Reife Leistung

Was für ein Schlussspurt! Mit neun Siegen in Serie, die ihr zwei Turniersiege und ihre beste Platzierung in der Weltrangliste bescherten, geht Julia Görges in die Winterpause. Sie tut das – und damit war am allerwenigsten zu rechnen – als beste Deutsche.

Der Aufschwung von Julia Görges lässt sich gut an Zahlen ablesen. 40 Ranglistenplätze kletterte sie in elf Monaten nach oben – von Platz 54 auf 14. Das kann sich sehen lassen! Fast noch besser lässt er sich aber an ihrer Spielweise erkennen. Mutig, aggressiv, aber mittlerweile auch kontrolliert. Und, was besonders auffällt, viel geduldiger als früher. Görges stand schon einmal in Top 15. Das war 2012. Mit ihrem (unvollendetem) Spiel von damals, erklärte die 29-Jährige vor kurzem im Interview mit tennis MAGAZIN, habe das heute alles nur noch wenig zu tun.

Ein kontinuierlicher Aufstieg, kein sprunghafter

FEINES HÄNDCHEN: Julia Görges hat dank zahlreicher Doppeleinsätze ein vorzügliches Flugballspiel.

Es gibt mehrere Faktoren, die zu diesem Leistungssprung geführt haben. Es ist kein plötzlicher, sondern ein kontinuierlicher. Zum einen ist da der Trainer, mit dem sie seit zwei Jahren zusammenarbeitet. Michael Geserer findet die richtige Ansprache, vermittelte ihr eine neue, positive Mentalität, die Görges besser und besser umzusetzen weiß. Ein weiterer Pluspunkt mit Ende zwanzig: die gesammelte Erfahrung auf der Tour. Sie sagt: „Wenn man als Newcomer auf die Tour kommt, will man sofort alles gewinnen. Manchmal vergisst man die positiven Dinge des Lebens. Das habe ich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Ich sehe nur noch die positiven Seiten.“ Ein weiterer Baustein: die Erfahrung im Doppel. Als es im Einzel nicht so lief, setzte sie verstärkt aufs Doppel, gehörte dort zur Weltspitze. Görges: „Ich habe jetzt eine bessere Übersicht am Netz und viel mehr Touch.“ All das verwertet sie nun. In Regensburg hat sie zudem eine Trainingsbasis und ein Umfeld gefunden, in dem sie sich voll entfalten kann.

Sie verlor auch nicht die Überzeugung, als sie 2017 zunächst zwar drei Endspiele erreichte (Bukarest, Mallorca, Washington), aber alle verlor. Zwischen ihrem letzten Triumph, 2011 in Stuttgart, und dem Finalsieg von Moskau lagen sechseinhalb Jahre und insgesamt sogar sieben verlorene Endspiele.

FASSUNG VERLOREN: Coco Vandeweghe feuerte ihr Racket weg und holte nach 5:2-Führung nur noch ein Spiel.

Die Reifeprüfung ihrer hinzugewonnenen mentalen Stärke legte sie im Finale von Zhuhai ab. 2:5 lag Görges im ersten Satz zurück. Gegnerin Coco Vandeweghe war am Drücker, doch Görges blieb ruhig. Im Gegensatz zu ihrer emotional unkontrollierten Gegnerin. Als Görges herankam, verlor die vier Jahre jüngere Kontrahentin die Nerven und damit den Fokus. Sie schmiss den Schläger, fluchte lauthals über Platz, machte Mäzchen auf der Bank, als hinter ihr deutsche Fans eingeblendet wurden. Vandeweghe gelang anschließend nur noch ein Spielgewinn. Görges, die immer bei sich blieb, ließ sich von den Scharmützeln und Wutausbrüchen auf der anderen Seite nicht beeindrucken oder gar einschüchtern. Sie hatte die Amerikanerin „geknackt“. Das wäre vielleicht vor einiger Zeit noch anders gewesen. Eine reife Leistung.

„Eine neue Jule“

Görges selbst spricht von „einer neuen Jule“. Eine, die zielstrebig, aufgeräumt und reflektiert auf und neben dem Court wirkt. Ihr „Gesamtpaket“, wie sie es gerne nennt, passt. Die Görges in der Endphase 2017 war die beste, die es bislang gab. Sie glaubt, dass das noch nicht alles war: „Ich sehe noch Potential“. Freuen wir uns drauf!