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Mail aus Melbourne: First Nations

Die Anfänge der Besiedlung Australiens durch die Briten waren von massivem, systematischem Unrecht gegenüber den Ureinwohnern, den Aborigines, geprägt: Mord, Vertreibung, Verschleppung von Kindern, Enteignung. Bis in die heutige Zeit sind die gesellschaftlichen Folgen dieser Verfehlungen nicht ausgeräumt. Noch immer haben es Aborigines sehr schwer, in ihrer eigenen Heimat gut zu leben, mitzubestimmen und gerecht behandelt zu werden. Die Aborigines nennen sich stolz Bürger der „First Nations“. Doch sie kämpfen darum, nicht weiterhin ein Leben zweiter Klasse führen zu müssen. Weiterhin sind sie Außenseiter in ihrem eigenen Land.

Aber immerhin: so ganz allmählich stellen sich Politik und Gesellschaft den geschichtlichen Tatsachen. Und auch die Australian Open bekennen sichtbar Farbe.

Auf den großen Leinwänden, auf denen die Spiele live übertragen werden, wird daher neben dem Live-Tennis nicht nur Werbung platziert. Auch die „First Nations“ präsentieren sich. So heißt es dort (übersetzt): „Tennis Australien anerkennt, dass die Australian Open in ‚Wurundjeri Woiwurrung Country‘ ausgetragen werden. Und wir bekennen unseren Respekt für die Geschichte der Vorfahren und der Gegenwart.“

Wurundjeri Woiwurrung – so nennen die Ureinwohner die Gegend in und um Melbourne (und nannten sie bereits so schon lange bevor es Melbourne gab), hier an den Ufern des Yarra River.

Die „First Nations“ haben auch eine eigene Flagge: Ein gelber Punkt, umrahmt von Rot und Schwarz. Diese Flagge weht stolz neben der australischen Nationalflagge – einst eingeführt von den Briten – vor der Rod Laver Arena.

Das sind gute Symbole.

Zur Wahrheit gehört aber auch: täglich kommen bisher im Schnitt um die 80 000 Besucher auf die Anlage der Australian Open. Mitglieder der „First Nations“ sieht man praktisch überhaupt nicht.