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Mail aus Melbourne: Carina Witthöft steht in Runde drei

Mail aus Melbourne: Hamburger Sternchen

Die 19-jährige Carina Witthöft steht in der dritten Runde von Melbourne. Bislang hat sie in zwei Runden sieben Spiele abgegeben. Ein Auftritt, der begeistert.

Dass Court 6 ein schlechtes Omen war, lässt sich nicht behaupten. Am Dienstag verlor dort Andrea Petkovic gegen die rund 50 Plätze schlechter platzierte Amerikanerin Madison Brengle. Heute spielte Carina Witthöft auf dem Außenplatz, der immerhin über ein Hawk-Eye und zwei je ein paar hundert Zuschauer fassende Stahlrohr-Tribünen verfügt.

Ob es der größte Court sei, auf dem sie je gespielt habe, wurde Witthöft nach der Partie gegen die Amerikanerin Christina Mchale gefragt. „Ich glaube der in Hechingen war größer“, antwortete die 19-Jährige und sorgte für einige Lacher in einem der kleinen Interview-Räume im Bauch der Rod Laver Arena.

Sechs Asse gegen McHale

Carina Witthöft in Melbourne in Runde drei – mit der Schlagzeile hätte man vor Turnierbeginn nicht unbedingt gerechnet. Vor allem: Wie sie sich in Runde drei spielte, darf getrost als sensationell bezeichnet werden. In beiden Matches – gegen die an Position 17 gesetzte Spanierin Carla Suarez Navarro und McHale, die einmal als die Zukunft des amerikanischen Tennis galt – gab Witthöft nur sieben Spiele ab.

„Gegen McHale habe ich noch eine Rechnung offen“, sagte die Nummer 104 der Welt nach Sieg Nummer eins in Down Under. Vor ein paar Jahren in Miami, als Witthöft von ihrem früheren Management eine Wildcard erhielt, unterlag sie dem US-Girl. Sie hat die Rechnung beglichen. Und wie! Sechs Asse schlug sie McHale um die Ohren mit Geschwindigkeiten bis zu 186 km/h. Überhaupt: Speed ist ihr Hobby. Die Grundschläge schlugen nur so ein auf der gegnerischen Seite. Es war eine Show, bei der auch zurückhaltende Zeitgenossen ins Schwärmen gerieten. In Satz Nummer zwei gelangen McHale ganze drei Punkte. Man muss lange zurückdenken, wann zuletzt eine Deutsche so beeindruckend in ein Grand Slam-Turnier gestartet ist.

Der Himmel ist blauer, die Bäume grüner

„Heftig“, kommentierte ihr Vater Kai norddeutsch trocken per SMS aus Deutschland. Man könnte auch sagen: Eine Wahnsinns-Story, ein erfrischendes neues Gesicht, ein unglaubliches Abenteuer für eine junge Frau, die auf einer Welle der Euphorie schwimmt. Für die der Himmel zurzeit blauer und die Bäume grüner sind.

Dafür, dass sie nicht abhebt, wird schon Barbara Rittner sorgen, die von den Eltern gebeten wurde, sie in Melbourne zu betreuen. Normalerweise ist Mutter Gaby die Trainerin. Bloss nicht nachdenken, was da gerade passiert ist, muss die Devise im Team Witthöft jetzt heißen. Die nächste Gegnerin Irina-Camelia Begu ist schlagbar, wenn Witthöft so weiter macht. Aber die Bezwingerin von Angelique Kerber ist – eine Binsenweisheit – auch gefährlich.

Aber auch wenn Witthöft verlieren sollte: Sie bringt all das für die Zukunft mit, von dem Manager träumen: ein attraktives, pfeilschnelles Spiel und ein hübsches Äußeres, eine Spur Divenhaftigkeit auf dem Platz – etwa wenn sie vor dem Aufschlag kurz innehält, den Kopf leicht zurückwirft und dann durchzieht.

Görges‘ Kampf gegen die Dämonen

„Ich habe mich über ihren Erfolg nicht unbedingt gewundert“, sagt Julia Görges, die Ende 2014 in der Akadamie von Kai Witthöft in Hamburg trainierte. Görges steht ebenfalls in Runde drei und gibt sich in Melbourne auf und neben dem Platz komplett aufgeräumt. Wer sie reden hört, spürt, dass da eine ist, die in ihrer Karriere schon viel erlebt hat. Und: Sie scheint, die Dämonen der Vergangenheit besiegt zu haben. Es existiert wohl kaum eine Spielerin in den letzten zwei Jahren, die in Drei-Satz-Matches auch gegen gute Gegnerinnen so nah dran war und am Ende mit leeren Händen dastand. Gegen Klara Koukalova ließ sie sich auch von dem unnötigen Satzverlust im zweiten Durchgang nicht aus der Ruhe bringen, siegte am Ende 6:3, 4:6, 6:2.

Am Freitag geht für beide die Reise weiter – für die routinierte Görges, die auf Lucie Hradecka trifft, und für Witthöft, das Hamburger Sternchen.