Mail aus Melbourne: Madison Keys auf Erfolgskurs

Mail aus Melbourne: Die Zukunft heisst Keys

Die Amerikanerin Madison Keys erreicht zum ersten Mal das Achtelfinale eines Grand Slam-Turniers. Sie könnte bald der Star sein, auf den die USA für die Post-Williams-Ära wartet.

Kein normaler Abend, diese Nightsession am 24. Januar. In der Rod Laver Arena spielen Petra Kvitiova, Nummer vier der Welt, zweifache Wimbledonsiegerin, und Madison Keys, 19 Jahre alt, US-Talent. Am Ende gewann nicht die Favoritin, sondern Keys 6:4, 7:5. Zum ersten Mal in ihrer Karriere steht sie im Achtelfinale eines Grand Slam-Turniers.

So etwas kann passieren. Gerade in Melbourne, zu Beginn der Saison, purzeln die Favoriten. Aber wenn die Experten sich nicht täuschen und wenn die eigene Erfahrung nicht völlig trügt, dann ist das 1,78-Meter-Girl mit Wahlheimat Boca Raton, Florida, the next big thing, wie es so schön heißt.

Schon mit 14 auf der Tour

Wunderkinder im Damentennis gibt es kaum noch. Belinda Bencic, die diesmal in Runde eins gegen Julia Görges verlor, ist eins. Und wahrscheinlich geht auch Madison Keys noch als Wunderkind durch. Für Brad Gilbert, den Ex-Profi, Ex-Agassi-Coach und Unikum der Tour ist sie mit Sicherheit eins. Madison Avenue nennt er Keys bei Twitter – Gilbert hat für fast alle Profis Spitznamen. Der Name passt. Eine Avenue ist breit, gewaltig, riesig. Und riesig sind auch Keys Aussichten.

Mit neun Jahren ging sie in die Akademie von Chris Evert nach Boca Raton. Mit 14 gewann sie eine Runde beim WTA-Turnier in Ponte Vedra Beach. Mit 16 feierte sie ihr US Open-Debüt und fegte Landsfrau Jill Craybas vom Platz. Mittlerweile ist sie in der erweiterten Weltspitze angekommen – Platz 35.

Gecoacht von Lindsay Davenport

Ihre Trainerin heißt Lindsay Davenport, Ex-Nummer eins, dreifache Grand Slam-Siegerin, US-Ikone. Das ist für sich schon eine Story. Als Keys Ende 2014 auf der Suche nach einem Coach war, fragte ihr Manager Max Eisenbud, der auch Maria Sharapova berät, ob Davenport helfen könnte, bis ein Coach gefunden sein.

Davenport sagte ja – und nach ein paar Wochen sogar: „Ich mache weiter. Es macht mir so viel Spaß. Sie hat ein so gewaltiges Potenzial.“ Eisenbud war baff. „Ist das dein Ernst? Du bist vierfache Mutter.“ Aber Keys ist für Davenport kein Job – es ist eine Herzensangelegenheit.

Kvitova: „Sie kommt in die Top Ten.“

Wer Keys spielen sieht, weiß warum. Sie trifft den Ball so satt, sie schlägt so hart. Sie spielt intelligent und sie kann offensichtlich mit Druck umgehen. In der Rod Laver Arena jedenfalls gab sie gegen Kvitova den Ton an. Die meinte später: „Sie kommt in die Top Ten. Ganz sicher.“

Wer weiß: Vielleicht wird sie auch der US-Star für die Post-Williams-Ära. Die nächste Aufgabe im Achtelfinale lautet, Landsfrau Madison Brengle zu besiegen. Eine Runde später könnte die Gegnerin Agnieszka Radwanska lauten. Die Polin hat übrigens auch eine neue Trainerin – Martina Navratilova. Und so wäre es auch das Duell der Ex-Stars, analog zu den Beckeredbergchangivanisevic-Treffen, wie es auf der ATP-Tour ständig gibt.

Ach ja: Kurz bevor Keys ihren Matchball gegen Kvitova verwandelte, schaute Davenport ungläubig auf ihre Jacke. Und dann in den Himmel. Eine Möwe hatte sich erleichtert. Vogelscheiße – wenn das kein gutes Omen für den Rest des Turniers ist.