Punktspiele im Tennis: Wenn es zu heiß wird
Punktspiele bei Hitzewellen absolvieren zu müssen, kommt nicht nur häufiger vor – es stellt vor allem Amateure vor gravierende Probleme. Gäbe es doch wenigstens einheitliche Regeln dafür, klagen die Sandplatzgötter.
Die Zahl 40 ist im Tennis grundsätzlich super. Steht sie auf der eigenen Seite, ist ein Spielgewinn meistens nicht mehr weit. Weniger beliebt ist die 40, wenn dahinter ein Gradzeichen steht. Und Celsiuswerte in diesem Bereich sind längst nicht mehr nur ein Problem von Jannik Sinner.
Auch wenn auf jeder Vereinsterrasse ein Dieter erzählt, dass er schon 1993 bei 38 Grad problemlos drei Stunden Einzel gespielt hat, wobei Temperatur und Spieldauer bei jeder Wiederholung der Geschichte minimal steigen: Mittlerweile ist es hierzulande echt häufiger und echt lange echt heiß – willkommen in den Zeiten des Klimawandels.
Profitennis: Klare Verfahren bei extremer Hitze
Im Profitennis gibt es – je nach Tour und Turnier – klare Verfahren für extreme Hitze. Wird trotzdem gespielt, weil die Kombination aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit und weiteren Faktoren die entsprechende Grenze noch nicht erreicht hat, muss auch ein Profi allein gegen oder mit schweißrutschigen Griffbändern, sichteinschränkenden Kopfbedeckungen und in die Augen laufender Sonnencreme kämpfen.
Zumindest beim Seitenwechsel wird aber einiges für ihn getan: Schirme, gekühlte Getränke und eisige Handtücher, dazu manchmal ein staubsaugerartiger Schlauch, der per Gebläse für Abkühlung von unten sorgt.
Das Hitze-Management beim durchschnittlichen Medenspiel ist da doch deutlich reduziert: Das Handtuch nimmt die Umgebungstemperatur an. Statt Abkühlung von unten brennt sich aus dieser Richtung das Lamellenmuster der kochend heiß aufgeheizten Plastikbank dekorativ in die Gesäßmuskulatur des Ü50-Akteurs. Das Sonnenschirmchen – falls vorhanden – bleibt lieber zugeklappt, weil keine helfende Hand das auf deutschen Clubanlagen übliche Federgewichtsmodell davon abhält, sich bei leichtesten Windböen zu verabschieden und nach einer kurzen majestätischen Flugphase zwei Plätze weiter in den Oberschenkel eines Teamkollegen zu bohren.
Punktspiele bei extremer Hitze
Also sitzt man auch beim Seitenwechsel in der prallen Sonne, trinkt Flüssigkeit, die gefühlt längst jeden Teekessel zum Pfeifen bringen würde, und fragt sich, ob die zu Matchbeginn noch grüngelbe Banane, die durch erstaunliche Gärprozesse plötzlich bräunlich wird, unter mittelfristigen gesundheitlichen Gesichtspunkten noch zur Kohlenhydratversorgung geeignet ist.
Nun ist es nicht so, dass im deutschen Amateur- und Altersklassentennis keine Regeln für Mannschaftsspiele bei großer Hitze existieren würden. Die Betonung liegt allerdings – wie bei vielem in einem Tennisdeutschland, das in Landesverbände zerfällt – auf dem Plural.
Nennt uns eine beliebige Kombination aus einer Temperatur zwischen 30 und 40 Grad sowie Eckdaten wie Spiel- und Altersklasse, und wir nennen euch einen Ort, an dem man unter diesen Bedingungen ein Medenspiel absagen kann, darf oder soll. Und einen weiteren, oft nicht weit entfernten Platz, auf dem alles anders ist.
Punktspiele: Organisatorische Probleme bei Verlegung
Dazu kommt: Wer heute als Mannschaftsführer versucht, einen Spieltermin kurzfristig zu verlegen, steht, weil diverse Spieler für zwei Altersklassen spielen und gleichzeitig nicht mehr jeder bereit ist, sein Privatleben einer Saison in der Bezirksklasse A unterzuordnen, schnell vor organisatorischen Problemen, die selbst die Vereinten Nationen überfordern würden.
Und dann ist da noch der oben schon erwähnte rein fiktive Dieter, der findet, dass man „sich mal nicht so anstellen soll“. Hitzeempfindlichkeit wird damit kurzerhand zur Willens- und Charakterschwäche erklärt – eine These, über die er zum Glück nie mit dem ebenfalls oben genannten und weit weniger fiktiven Jannik Sinner diskutieren muss. Dass Dieter am Wochenende höchstens Doppel spielen kann, ist natürlich Zufall und hat nichts mit dem Wetter zu tun.
Also wird gespielt. Muss ja. Irgendwie geht es, und man hofft, dass am Ende alle zwar hochrot, aber wenigstens aufrecht vom Platz gehen. Für diejenigen, die das als Verlierer tun, waren die Bedingungen in der Rückschau irgendetwas zwischen „grenzwertig“ und „irregulär“. Aber dass in einem Sport, in dem jedes Wochenende ziemlich genau die Hälfte aller Teams verliert, erstaunlicherweise so gut wie keine Niederlage aus eigenem Unvermögen zustande kommt, ist Stoff für eine andere Kolumne.
