2012 Heineken Open –  Day 5

Handtuch-Gate: Das Schwitzen auf Weltniveau

In ihrer Kolumne wundern sich die Sandplatzgötter über das Verhalten der Profis gegenüber den Ballkindern. Im Mittelpunkt: der Handtuchgate.

Wenn man sein Tennisleben wie die Sandplatzgötter nicht als Star auf den Center Courts der Welt verbringt, sondern eher auf Platz drei im Heimatclub, hat das eine Menge Nachteile. Der Geldfluss kennt z.B. nur die Richtung aus dem eigenen Portemonnaie heraus. Und auch die gesellschaftliche Anerkennung von „Puh, Abstieg in die Bezirksklasse B vermieden!“ ist überschaubar.

Bisher dachten wir, dass auch das Nichtvorhandensein von „Platzpersonal“ zu den Nachteilen in den Niederungen des Amateursports gehört. Aber Sascha, Serena, Fernando & Co scheinen uns in den letzten Monaten vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Schiedsrichter, Linienrichter und auch Balljungen machen anscheinend nur eines: Ärger. Damit wir keinen Ärger bekommen: Für Schiedsrichterinnen, Linienrichterinnen und Balljungeninn…äh…Ballmädchen gilt das gleiche.

Während Diskussionen über Schieds- und Linienrichter wahrscheinlich so alt sind wie der Profisport (oder aber so alt wie John McEnroe), scheint uns das Phänomen der impulsiv-emotionalen Ballkind-Schelte à la Verdasco relativ neu zu sein. Was damit zusammen hängen könnte, dass manche Profis diese mittlerweile über ihre Kernaufgabe hinaus als eine Art persönlicher Butler sehen, die über die Matchdauer hinweg servil multiple dienende Tätigkeiten zu übernehmen haben.

Der Balljunge, der Name deutet es ja an, sollte ursprünglich mal einfach für die Verteilung der Bälle auf dem Platz sorgen. Durchaus sinnvoll.  Das heute eingeforderte „Handtuch jederzeit in Sekundenbruchteilen parat haben“ kam in der Arbeitsplatzbeschreibung früher nicht vor. Und auch solche Dinge wie das Entfernen dieser dämlichen Plastiktüten von frisch besaiteten Schlägern oder der Transport einer Wasserflasche über 1,5 Meter von der Kühlbox hin zur Spielerbank wurden lange vom Spieler höchst selbst übernommen. Bis man irgendwann auf die Idee kam, dass das für die gestandenen Profis eine unzumutbare Zusatzbelastung ist und doch bitte vom minderjährigen Platzpersonal übernommen werden sollte.

Aber bitte zügig und tunlichst nicht darauf hoffend, dabei einen freundlichen Blickkontakt oder gar ein „Danke“ zu erhaschen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, aber grundsätzlich ist man tendenziell schon froh, dass Schnürsenkel noch eigenhändig von Profihand gebunden werden.

Über das unangenehme Gefühl hinaus, das sich einstellt, wenn Millionäre einerseits von Ballkindern (die ja gleichzeitig junge zu ihnen aufschauende Tennisfans sind) einfordern, dass sie geradezu roboterhaft funktionieren, andererseits aber Grundformen der normalen Höflichkeit im menschlichen Miteinander beständig vermissen lassen, stellt sich in Bezug auf das Anfordern des Handtuchs nach fast jedem Ballwechsel auch noch die Sinnfrage.  Gerade in Zeiten, wo es ja TV-gerecht tendenziell immer zügiger zugehen soll.

Zugegeben: Tatsächlich haben auch einige von uns ganz früher manchmal ein Handtuch seitlich am Zaun positioniert, um regelmäßig Zugriff darauf zu haben. Das hatte aber nur Imagegründe. Der jeweilige Sandplatzgott wollte in dem Fall einfach, dass die – wenn auch meist nur spärlich zuschauende – Außenwelt auf jeden Fall Notiz davon nahm, dass neben dem Stefan-Edberg-Shirt, den Stefan-Edberg-Schuhen und der Stefan-Edberg-Tasche auch noch das originale Stefan-Edberg-Handtuch zur mühevoll finanzierten persönlichen Vollausstattung gehörte.

Allgemein gilt dagegen damals wie heute: Die Schweißentwicklung ist selten so extrem, dass der Handtuch-Einsatz wirklich ständig nötig wäre. Selbst ohne die zusätzliche Abhilfe durch die heute im Profibereich üblichen Schweißbänder in Bundesstraßenbreite. Und wer meint, dass wir das nicht beurteilen können, dem sei gesagt: Auch wenn Technik, Taktik und Athletik bei uns ewiglich nur Bezirksklasse sind – wir schwitzen auf Weltniveau!