Tatjana Maria

Slice, Slice, Baby

Unterschnittene Bälle haben keinen guten Ruf – zu lahm, zu altbacken. Zu Unrecht, finden die Sandplatzgötter, die den Slice schätzen wie keinen anderen Schlag 

Als Tatjana Maria im Vorfeld von Wimbledon das Turnier auf Mallorca gewann, waren viele erfreut. Spät in der Karriere der erste Turniersieg, dazu als Mutter und obendrauf ist „Tadde“ ja offensichtlich auch einfach eine richtig Nette – Gründe sich mit ihr zu freuen, gab es genug. Unser ganz persönlicher Hauptgrund war, dass sie ganz oft eine Schlag­variante einsetzt, die gerade im Damentennis ein Schatten­dasein fristet: den Slice. Den fast kompletten weiblichen Tennis-Generationen nach Steffi Graf scheint irgendwie eingetrichtert worden zu sein, dass der Slice, wenn schon nicht verboten, so doch mindestens mit Ausnahme absoluter Notsituationen zu vernachlässigen ist. So sieht er dann oft auch aus. Einer Maria Sharapova etwa würden wir in fast allen Situationen des Lebens ein Maß an Anmut zugestehen, das für uns immer unerreichbar bleiben wird. Setzt sie zum Slice an, wünschen wir uns nur, dass sie sich nicht selbst verletzt.

Ein Slice zum Nachdenken

Bei den Herren kommt der technisch ­filigran ausgeführte Schlag mit Unterschnitt zwar regelmäßiger vor. Wenn es aber darum geht, die Vorzüge und Stärken eines Spielers hervorzuheben, wird er aber höchst selten genannt. Beeindruckend finden Fans eher pure Power. Der neuerliche Erfolg Roger ­Federers auf Grand Slam-Ebene ab 2017 wird allgemein vor allen Dingen damit in Zusammenhang gebracht, dass er die Rückhand „endlich öfter durchzieht“. Im Matchup gegen Rafael Nadal mag das tatsächlich sogar ein Schlüssel sein, allgemein behaupten wir aber keck: Sein Rückhand-Slice hat über die Jahre hinweg mindestens genauso viel zu seinem Erfolg beigetragen. Genau wie Pete Sampras, der als „Pistol Pete“ ja auch hauptsächlich für schnelle Drives gefeiert wurde, war und ist Federer ein Maestro (höhö) darin, mit dem Slice vom Return an aggressive Schläge des Gegners zu neutralisieren, um anschließend im Ballwechsel das Heft in die Hand zu nehmen. Eine Gabe, die leider viel zu oft kaum bis gar keine Anerkennung findet. 

Vom Profibereich bis zu den Niederungen des Sandplatzgötter-Tennis gilt: Ein langsamer Slice ist ein Schlag, der dem Gegner Zeit zum Nachdenken gibt. Zeit zum ­Nachdenken ist, gerade bei nicht so hoher, sagen wir mal, intellektueller Spielstärke, das Beste, was einem passieren kann. Ein echtes Geschenk, das man nutzen sollte. Bei tendenziell niedriger Spielstärke auf dem ­Tennisplatz ist sie eine meist tödliche Falle.   

Wilander mit Slice zum Traumjahr 1988                           

Der Autor dieser Zeilen hat sich durch den Schweden Mats Wilander eine ­chronische „Sliceritis“ eingefangen. Wilander war bis Mitte der 80er Jahre ein gerade auf Sand erfolgreicher, aber auch eindimensionaler Spieler. Der regelmäßig in dem mit härteren Schlägen ausgestatteten Ivan Lendl seinen Meister fand. Wilander merkte, dass er Lendl von der Grundline niemals würde überpowern können. Er hatte viele Profijahre wie ein Björn Borg-Klon nur beidhändige Rückhände mit Topspin über das Netz geschaufelt. Aber dann schaffte er sich einen technisch sauberen einhändigen Rückhand-Slice an, der ihn variabler werden ließ und ihm sogar gut vorbereitete Netzangriffe ermöglichte. Die Veränderung mündete in ein Traumjahr 1988, in dem er alle Grand Slam-Titel bis auf Wimbledon abräumte und sich zu guter Letzt nach einem dramatischen Sieg im US Open-Finale gegen Lendl an die Spitze der Weltrangliste setzte. 

Der hier schreibende Sandplatzgott sah sich damals auf einem ähnlichen Weg, würde es ihm nur gelingen, seiner beidhändigen Rückhand auch eine einhändig-unterschnittene Variante hinzuzufügen. Diese Flausen sind ihm jedoch längst durch ewige Bezirksklassen-Verdammnis ausgetrieben worden. Der Slice aber ist geblieben. 

Und leistet treue Dienste. Die diebische Freude darüber, dass die gegenerischen Reaktionen auf einen taktisch gut gesetzten Slice abwechselnd im Netz und im Zaun landen, wird nur getrübt, wenn sich ein Kontrahent plötzlich erfolgreich derselben ­Waffe bedient. Das ist dann natürlich eine Frechheit. Reines Anti-Tennis, das verboten gehört!