Tennis-Medenspiele: die schönste Zeitverschwendung der Welt
Endlich ist wieder Medenspiel-Zeit in den Tennisclubs! Auch die Sandplatzgötter gehen voller Elan in die neue Saison, obwohl sie genau wissen, dass Tennis-Spieltage purer Anachronismus sind.
Tennis ist zwar vordergründig eine Einzelsportart, der fachkundige und größtenteils selbst aktive tennis MAGAZIN-Leser weiß aber: Das Herz des Spiels schlägt, zumindest in Deutschland, am lautesten und jedes Jahr aufs Neue hunderttausendfach im Tennis-Mannschaftssport namens „Medenspiel“. Mit ein paar Spieltagen vom Frühjahr bis zu den Sommerferien.
Während bei anderen Spielsportarten „Spieltag“ bedeutet, dass im Laufe dieses Tages irgendwann für einen recht begrenzten Zeitraum ein Ligaspiel terminiert ist, nimmt der Tennissport diesen Begriff wortwörtlich und hat seine vom modernen Leben abgekoppelte Zeitrechnung: Der Tag wird in absurder Länge vom Medenspiel komplett ausgefüllt, weil zwei Runden Einzel und eine Runde Doppel noch zusätzlich von allerlei Rahmenprogramm umschlungen und unterbrochen werden.
Der Ring der Nibelungen unter den Mannschaftssportformaten
Diese Tennis-Wettkampfform ist der Ring der Nibelungen unter den Mannschaftssportformaten: schwer nachvollziehbar, wenn man nicht selbst zur Tennis-Bubble gehört, überlang-vielaktig und für eine Vielzahl der Protagonisten tragisch im (sportlichen) Untergang endend.
Es geht meistens schon verspätet los. Ja, theoretisch gibt es zwar eine Einspielzeit von nur fünf Minuten, praktisch aber steht da jemand auf der anderen Seite, der – „noch einmal lang durch?“ – den Spielbeginn mal gerne um eine gute halbe Stunde nach hinten schiebt. Dann gibt es auch jene Sorte von Gegnern, die nach fünf Minuten anfangen wollen, bis dahin aber ungefähr 90 Prozent ihrer Schläge in die Netzwurzel geballert haben, weswegen man schließlich selbst noch auf ein paar zusätzliche Ballwechsel pocht.
Suboptimale äußere Bedingungen
Dann beginnt das Match endlich – natürlich unter suboptimalen äußeren Bedingungen. Erfahrene Medenspieler benötigen keine Wetter-App, denn sie wissen aus leidvoller Erfahrung, dass die Wetterbedingungen an den Spieltagen den Gesetzmäßigkeiten von Murphy’s Law folgen: Während irgendwann im März und April längere Perioden mit perfektem Tenniswetter an der Tagesordnung waren, ist es pünktlich zu den Spieltagen grundsätzlich entweder nieselig-kalt oder unerträglich warm. Sollte beides ausnahmsweise nicht der Fall sein, bläst einem der böige Wind den sandigen Platzbelag auf die mangels ausreichender konditioneller Vorbereitung heraushängende Zunge.

Gehört zu jedem Medenspiel: Teamberatung vor der so wichtigen Doppelaufstellung.Bild: Shutterstock
Die gerade nicht aktiven Mannschaftskollegen vertreiben sich derweil die Zeit mit detaillierten taktischen Tipps („Ball ins Feld!“) oder technischen Ratschlägen („Ball übers Netz!“) für die Spielenden. Oder mit Vorbereitungshandlungen auf die eigene Partie. Heißt im Altersklassentennis: Nur wenige kümmern sich um die gebotene Erwärmung des in die Jahre gekommenen Körpers mittels entsprechender Übungen. Lieber tragen sie seltsame Wundertinkturen auf. Schnell noch eine Bandage drüber und schon kann die zweite Medenspiel-Runde starten.
Medenspiele und die „richtige“ Doppel-Aufstellung
Sind die Einzel dann durch – inklusive des obligatorischen Dreieinhalb-Stunden-Duells zwischen zwei Ex-Fußballern an Position 5 oder 6 – folgt der nächste Zeitfresser: Die Diskussion um die „richtige“ Aufstellung der Doppel. Sie wird oft mit existenzphilosophischer Vehemenz geführt, obwohl mit der Erfahrung aus dutzenden Medenspiel-Saisons längst klar sein müsste, dass es auch hier eine feste Regel gilt: Je mehr Varianten man entdeckt, desto größer wird nur die Möglichkeit, so richtig ins Klo zu greifen.
Hat man sich endlich (falsch) entschieden, ist schlanke zwei Stunden später der Drops endlich gelutscht. Also fast. Denn in weiten Teilen Tennis-Deutschlands ist es üblich, dass Heim- und Gastmannschaft abschließend gemeinsam speisen. Gut, vielleicht will man nicht unbedingt mit seinem Einzelgegner, der bis in den Matchtiebreak hinein hinlänglich bewiesen hat, dass er den Spitznamen „Tommy Tourette“ völlig zurecht trägt, noch eine komplette Mahlzeit gemeinsam einnehmen. Aber da muss man jetzt durch. Seine Mannschaftskollegen müssen ihn schließlich jede Woche ertragen, als Gegner muss man ihn nur noch anderthalb Stunden aushalten.
2026 wird wieder fantastisch
Das Medenspiel ist – strenggenommen – ein aus der Zeit gefallener Anachronismus. Und gleichzeitig die schönste Zeitverschwendung der Welt. Der Autor dieser Zeilen hat im letzten Jahr aus Gründen ausgesetzt. Und freut sich 2026 auf nichts mehr als auf diese herrlichen Tennis-Spieltage mit Überlänge ab Mai. Denn eins ist klar: Es wird wieder fantastisch!

Sandplatzgötter: Die Medenmannschaft des TC Rot-Gold Voerde (Niederrhein) tritt in der Herren 40-Bezirksliga an. Für tennis MAGAZIN kommentiert sie das Tour-Geschehen.
