Alexander Zverev

MIAMI GARDENS, FLORIDA - MARCH 26: Alexander Zverev of Germany returns a shot during his men's singles second round match against Emil Ruusuvuori of Finland on Day 5 of the 2021 Miami Open presented by Itaú at Hard Rock Stadium on March 26, 2021 in Miami Gardens, Florida. (Photo by Mark Brown/Getty Images)

Was Alexander Zverev verbessern muss

Bei Alexander Zverev ist es wie bei der Fußball-Nationalmannschaft: Jeder hat seine Meinung, wie er spielen müsste. Unser Kolumnist Alexander Waske mit seiner Sicht auf den deutschen Ausnahmespieler. 

Das „Projekt Sascha“ verfolge ich schon seit zehn Jahren. Als er 13 war, fragte mich sein Vater Alexander senior, ob ich nicht mit seinem jüngsten Sohn Bälle schlagen kann. Er sei schon gut genug als Sparringspartner. Ich lehnte ab. Gegen Mischa spielte ich übrigens oft auf der Tour und Sascha war damals immer dabei. Als er zum ersten Mal bei einem Juniorenturnier auf unserer Anlage spielte, imponierte mir seine Ernsthaftigkeit, sein Fokus. 

Zverev: Rückhand und erster Aufschlag überzeugen

Inzwischen ist aus dem „Projekt Sascha“ das Unternehmen Weltklassespieler geworden. Die aktuelle Devise heißt „Back to Basic“ – Sascha ist wieder zurückgekehrt ins reine Familybusiness mit Vater, Mutter und Bruder. Es scheint für ihn der richtige Schritt zu sein, weil es für ihn funktioniert. Nach all den Erfahrungen – auch den negativen wie dem Rechtsstreit mit Ex-Manager Patricio Apey, der sich beim Prozess in London nicht einmal im selben Raum mit den Zverevs aufhalten wollte –, weiß Sascha: Egal, was passiert, meine Familie steht zu mir.

Das alles wirkt sich logischerweise auf sein Spiel aus, das in den letzten Monaten zwar stabiler geworden ist, bei dem es aber immer noch Luft nach oben gibt.

Was die Stärken betrifft: Kein anderer Profi spielt eine so harte beidhändige Rückhand. Sein erster Aufschlag ist überragend. Die Reichweite ist riesig und er bewegt sich für seine Größe sehr gut. Es gibt aber deutliche Schwachpunkte: sein Netzspiel, den zweiten Aufschlag und die Platzposition bei der Vorhand. Wenn er etwa bei der Vorhand weit aus dem Feld getrieben wird, spielt er nicht optimal aus der Defensive. Fehlt es an Selbstbewusstsein, neigt er bei der Vorhand dazu, auf dem hinteren Fuß zu stehen und auf den Ball zu warten. Bei der Rückhand dagegen liegt das Gewicht auf dem Vorderfuß, er nimmt die Bälle im Steigen.

Die Analogie mit Schwert und dem Schild

Es gibt diese Analogie mit dem Schwert und dem Schild. Normalerweise ist die Vorhand das Schwert, steht für Offensive und Gewinnschläge. Mit der Rückhand, dem Schild, wird eher solide verteidigt. Bei Sascha ist es umgekehrt. Er produziert wenig Fehler und viele Gewinnpunkte mit der Rückhand. Er schlägt dort mehr Winner als Djokovic. Teilweise umläuft er die Vorhand, um die Rückhand einzusetzen. Die Mitte das Platze sollte jedoch immer von der Vorhand dominiert werden.

Was heisst das? Sascha muss die Vorhand diagonal anlaufen und sie schneller, früher und aggressiver schlagen. Er muss dabei auch Fehler akzeptieren. Langfristig wird sich das auszahlen, zumal man mit der Vorhand bessere Winkel schlagen kann.

Die Diskrepanz zwischen Ivan Lendl und Vater Alexander war die Position auf dem Platz. Lendl wollte Zverev näher an die Grundlinie bringen. Da stimme ich mit ihm überein. Sascha ist der Typ Spieler, der im Ballwechsel die Schläge eins bis vier dominieren sollte. Auf lange Rallys, also neun Schläge plus, sollte er sich gar nicht groß einlassen. Also muss er näher an die Linie, woran auch David Ferrer mit ihm arbeitete. Denn eins ist klar: Zwei Meter hinter der Grundlinie gewinnt man kein Grand Slam-Turnier.

Fürs Netzspiel braucht es Selbstbewusstsein

Mehr Dominanz gilt auch für das Netzspiel. Auch wenn er sich dort nicht so wohl fühlt, machte er auf seinem Australien-Trip über 70 Prozent der Punkte, wenn er ans Netz ging. Oft reicht die Präsenz aus, der Gegner macht den Fehler und verzieht den Passierball, weil er unter Druck ist. Für diese offensive Spielweise braucht es Selbstbewusstsein, woran es in Saschas Spiel immer mal wieder mangelt.

Letzter Punkt: der zweite Aufschlag, über den schon viel diskutiert wurde. Ich bin zuversichtlich, dass er langfristig zur Stärke bei Sascha wird. Er hat riesige Hebel. Im Moment ist sein Ballwurf beim zweiten Service zu hoch. Dadurch kommt er mit dem Schlägerkopf nicht um den Ball herum und entwickelt zu wenig Drall. Vorhand, Netzspiel, zweiter Aufschlag – daran gilt es zu arbeiten. Ich bin optimistisch, dass er noch viel besser wird.