Nick Kyrgios

Waskes Welt: Kyrgios ist Fluch und Segen fürs Tennis

Ist der Australier Nick Kyrgios Fluch oder Segen für die Tour? Beides! Sagt unser Kolumnist Alexander Waske.

Es gibt keinen Tennisprofi, der zurzeit so viel Aufmerksamkeit auf der Tour bekommt wie Nick Kyrgios. Wahrscheinlich verkaufen die Turnierveranstalter mit ihm auch so viele Tickets wie mit kaum einem anderen Spieler.

Klar sind Roger und Rafa größere Zugpferde, aber dann kommt auch schon „Quick Nick“. Das Interesse an ihm hat nichts mit seiner Ranglistenposition zu tun. Es ist nur so, dass die Fans ihn spielen sehen wollen, weil alles passieren kann: Diskussionen mit dem Schiri, Schläger zerhacken, No-Look-Schläge,  Trickschläge durch die Beine, Service von unten. Der Australier kann auch gerne mal bocklos abschenken.

Solange er sich benimmt, den Gegner, den Schiedsrichter und die Zuschauer respektiert, ist das bestes Entertainment. Wenn er aber Fans beschimpft, die 40 oder 50 Euro für ihr Ticket zahlen, wenn er Offizielle bepöbelt, dann fehlt mir jedes Verständnis. Es ist ein schmaler Grat, auf dem er sich bewegt. Kyrgios polarisiert und das macht ihn so interessant. 

Kyrgios weiß nicht, was er mit seinen Aktionen bewirkt

Die Frage lautet: Ist er Fluch oder Segen für die Tour? Meine Antwort: Er ist beides. Er ist wahrscheinlich das größte Talent auf dem Planet Tennis. Die Kids finden ihn cool, posten Videos mit unglaublichen Ballwechseln, aber auch mit seinen Eskapaden. Und genau da liegt das Problem: Als Ausbilder in unserer Akademie müssen wir Werte vermitteln. Unsere Schüler müssen sich gut benehmen, Respekt zeigen, bescheiden sein. All das tritt Kyrgios mit Füßen. Die Kids lachen über seine Auftritte in den sozialen Netzwerken. Sie können nicht unterscheiden zwischen dem Entertainer und dem Rüpel.

Und Kyrgios? Er weiß nicht, was er mit seinen Aktionen bewirkt. Formuliert man es hart, dann vergiftet er eine Generation von Tennisspielern. In dieser Hinsicht ist er komplett anders als Gael Monfils, ebenfalls ein Tenniskünstler. Auch Monfils liebt die Show, er verliert Matches, die er nicht verlieren dürfte, aber er verhält sich stets anständig.

Ich bin ein Fan von Kyrgios‘ Spiel. Wie er den Ball beschleunigen kann, ist unglaublich. Auf der anderen Seite ist er komplett unprofessionell. Er wärmt sich nicht vernünftig auf, arbeitet schlecht im Gym. Er isst Burger und Pommes, trinkt fünf Bier, feiert Partys vor seinen Matches und kümmert sich nicht um eine vernünftige Regeneration.

Kyrgios ist wie ein Auto mit 800 PS

Man muss sich einmal die Statik von Kyrgios anschauen. Er trainiert seinen Rücken viel zu wenig. Sein Körper ist überhaupt nicht auf die hohen Belastungen im Tennis vorbereitet. Kyrgios ist wie ein Auto mit 800 PS, aber die Karosserie ist so instabil wie bei einem alten VW-Käfer.

Bekommt er noch die Kurve? Wenn er sich nicht ändert – nein. Vergeudet er sein Talent? Ja. Wird er nicht professioneller, werden  am Ende seiner Karriere null Grand Slam-Trophäen stehen. Bislang galt Monfils als bester Spieler, der nie ein Major gewann. Diesen zweifelhaften Titel wird er an Kyrgios weiterreichen.

Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass Kyrgios ein schlechter Kerl ist. Es ist nur so, dass wahrscheinlich in frühen Jahren in seiner Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung etwas schiefgegangen ist. Er kam auch als Junior immer mit seiner Art durch. Man hat ihm verziehen. 

Fakt ist: Kyrgios handelt rein emotional. Fühlt er sich gut, performt er. Fühlt er sich nicht gut, dann schenkt er ab oder benimmt sich rüpelhaft. Champions müssen aber an allen Tagen ihre Leistung erbringen.