Alexander Waske, Michael Kohlmann

Waskes Welt: Umgang mit dem Match-Tiebreak

Am Thema Match-Tiebreak scheiden sich die Geister. Unser Kolumnist Alexander Waske beleuchtet das Thema aus Profisicht. Seine Meinung: Auch im Einzel muss der Match-Tiebreak kommen.

An meinen ersten Match-Tiebreak auf der Tour erinnere ich mich gut, allerdings äußerst ungerne. Die ATP hatte mit Beginn der Saison 2006 beschlossen, dass der dritte Satz im Doppel als Match-Tiebreak gespielt wird, also ein längerer Tiebreak bis zehn Gewinnpunkte. Rainer Schüttler und ich trafen im Januar 2006 im Halbfinale in Chennai auf die Inder Prakash Amritraj und Rohan Bopanna. Wir führten im Match-Tiebreak mit 9:4 und verloren noch mit 9:11. Ich dachte, dass es unmöglich wäre, mit fünf Matchbällen in Folge zu verlieren. Aber wir haben es geschafft.

Tennis sollte nicht zur Extremsportart werden

Mit der Einführung des Match-Tiebreaks im Doppel erhoffte man sich, dass mehr Topspieler auch Doppel spielen würden und die TV-Präsenz zunimmt. Das ist leider nicht eingetroffen. Ein Doppel mit Federer und Nadal hingegen schaut sich jeder an. Das hat man beim Laver Cup gesehen. Es war ein Riesenspektakel. Früher wurde bei den Herren bei vielen Turnieren über drei Gewinnsätze gespielt. Mittlerweile gibt es auf der ATP-Tour kein Match mehr, das im Best-of-five-Modus ausgetragen wird.

Der Trend geht immer mehr zur kürzeren Matchdauer. Bei Best-of-five-Matches ist eine immens gute Fitness vonnöten. Ich finde nicht, dass ein Profi zwingend die Woche viermal laufen gehen muss, damit er die Fitness hat, um nach einem Best-of-five-Match so schnell zu regenerieren, dass er nach einem Tag Pause erneut diese Leistung abrufen kann. Tennis sollte nicht zur Extremsportart werden. Wir müssen etwas tun, damit Tennis kürzer und kompakter ist sowie mehr Spannung beinhaltet.

Aufmerksamkeitsspanne hat sich verändert

TV-Analysten fragen, welcher Tennisfan sich Matches über Best-of-three oder sogar Best-of-five von Anfang bis zum Ende anschaut. Viele Fans gucken sich nur noch die Highlights an, da ihnen die Zeit fehlt. Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass die Zuschauer wie früher beim Davis Cup mehr als zehn Stunden live dabei sind. Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich mit der Zeit verändert. Videos auf Social Media werden oft nur zehn Sekunden lang angeschaut. Andere populäre Ballsportarten liegen meist zwischen 60 und 90 Minuten Spieldauer. Man diskutiert die Möglichkeit, im Einzel den Match-Tiebreak bei allen Turnieren einzuführen.

Jedoch haben viele Profis ein Problem damit, da diese Regeländerung vieles verändern würde und Spieler wie Roger Federer in einem anderen System schwer mit den Champions der Vergangenheit vergleichbar wären. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sowohl Zuschauer als auch Spieler gespannter zuschauen, wenn ein Match-Tiebreak oder generell ein Tiebreak stattfindet, weil eine höhere Brisanz vorhanden ist. Auch die No-Ad-Regel, also ein Entscheidungspunkt bei 40:40, schaue ich mir im Doppel sehr gerne an. Eine Einführung der No-Ad-Regel wäre auch eine Überlegung im Einzel.

Mehr Zeit nehmen im Match-Tiebreak

Bei der Herangehensweise an den Match-Tiebreak ist auffällig, dass sich die Topspieler mehr Zeit lassen als sonst. Bedeutet: Nimmt sich ein Spieler im Durchschnitt 16 Sekunden Zeit zwischen den Ballwechseln, werden es im Match-Tiebreak oder generell im Tiebreak einige Sekunden mehr sein, weil man mit der Erhöhung der Konzentration alle Prozentsätze in seinem Spiel verbessern kann. Im Match-Tiebreak tut jeder Punkt, bei dem man nicht konzentriert ist, doppelt weh. 70 Prozent aller Punkte werden über einen Fehler beendet. Das Ziel sollte nicht darauf liegen, möglichst viele Winner zu schlagen, sondern Fehler des Gegners zu provozieren.

Natürlich spielt im Match-Tiebreak der Glücksfaktor eine Rolle. Umso höher der Glücksfaktor, umso weniger entscheidet die Qualität des Spielers. Da gebe ich den Kritikern Recht. Viele sagen, der Match-Tiebreak sei ungerecht. Ich sage: Der bessere Spieler hat die Möglichkeit, das Match vorher zu beenden. Viele Amateure begrüßen es auch, etwas weniger Wartezeit an einem Sonntag während der Medenrunde zu haben und die zweite Tageshälfte mit der Familie zu verbringen.


  1. Joseph

    Alexander Waske hat in vielen Punkten sicher recht. – Aber, jetzt kommt wie immer das große ABER. – Eben nicht in allen Punkten!

    Sicher, die Aufmerksamkeitsspanne des Nachwuchses und der Eiligen in fortgeschrittenem Alter läßt teilweise schon seit langem etwas zu wünschen übrig.

    Wer aber nicht die Geduld aufbringt sich ein Grand Slam-Finale und die besondere Spannung – und möge sie auch SECHS Stunden lang andauern – von Anfang bis Ende – ok, zwischendurch vielleicht mal der Gang zum Kühlschrank – mit erhöhtem Puls und Ausdauer anzuschauen, der ist des hochklassigen Tennis einfach nicht würdig – Punkt!
    Das ist meine bescheidene Meinung.

    Sorry, aber das mußte mal gesagt werden.


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