Alexander Popp

Alexander Popp: Als „Poppeye“ Wimbledon aufmischte

Vor 20 Jahren verblüffte Alexander Popp beim Wimbledonturnier 2000 die Tenniswelt. Es sollte nicht das einzige Wunder auf dem „Heiligen Rasen“ des deutschen Hünen gewesen sein. Wir blicken zurück.

Wenn der Begriff Rasenspezialist gerechtfertigt ist, dann auf jeden Fall bei Alexander Popp. Der 2,01-Meter-Schlaks aus Mannheim liebte das Spiel auf dem Grün, genauso wie die Zeichentrickfigur „Popeye“ den grünen Spinat vergötterte. Von seinen 45 Siegen auf der ATP-Tour gewann er mehr als die Hälfte auf Rasen, nämlich 24.

Ohne Erwartungen zum Wimbledonturnier 2000

Vor 20 Jahren ging Popp als absoluter Nobody in das Wimbledonturnier und startete einen Siegeszug, der vor allem von den britischen Medien viel beachtet wurde. Als die britische Journaille davon Wind bekam, dass Popps Mutter aus der Nähe von Birmingham stammt und er sogar den englischen Pass besitzt, wurde die Einbürgerung des deutschen Hünen aus Baden-Württemberg gefordert.

Beim Meldeschluss für das Wimbledonturnier 2000, das erste nach dem Ende der Ära Boris Becker ein Jahr zuvor, war Popp die Nummer 104 im ATP-Ranking. Das reichte zu diesem Zeitpunkt nicht, um direkt ins Hauptfeld zu kommen. An der Qualifikation hätte der Mannheimer nicht teilgenommen. „Mein Körper ist völlig am Ende, ich schlucke Antibiotika. Der Arzt in der Uniklinik Saarbrücken hat mir geraten: ‚Mach zwei, drei Wochen Pause. Es sei denn, du kommst direkt ins Hauptfeld. Dann versuch’s“, schilderte Popp damals im tennis MAGAZIN.

Erstes Rasentraining kurz vor Wimbledon 2000

Als die Qualifikation losgehen sollte, erhielt Popp die Nachricht, dass er dank einer Absage direkt ins Hauptfeld rutschen würde. Er machte sich auf den Weg nach London. Als damalige Nummer 114 der Welt sollte es nicht nur sein erstes Wimbledonturnier werden, sondern sein erstes Rasenturnier überhaupt. Erfahrungen auf dem Grün hatte der damals 23-Jährige noch keine gesammelt. Erst vier Tage vor Turnierbeginn spielte er zum ersten Mal auf Rasen.

Alexander Popp

Plötzlich macht es „popp”: Alexander Popp servierte stark, spielte aber selten Serve-and-Volley.

„An den ersten beiden Bällen schlage ich vorbei – wie ein Anfänger“, berichtete Popp. Und so war es nicht verwunderlich, dass der Deutsche in seinem ersten Match auf Rasen den ersten Satz mit 0:6 verlor – gegen den erfahrenen Haitianer Ronald Agenor. Trotz des Fehlstarts siegte Popp in vier Sätzen und durfte in der zweiten Runde gegen Michael Chang ran – er gewann im fünften Satz mit 8:6 gegen den jüngsten Grand Slam-Sieger der Geschichte. Spätestens danach hatte Popp die Aufmerksamkeit sicher und musste die erste Pressekonferenz seines Lebens geben.

Popp: „Ich habe Spieler geschlagen, die ich nur aus dem Fernsehen kannte”

Es folgte in der dritten Runde eine Gala gegen den amtierenden French Open-Sieger Gustavo Kuerten (7:6, 6:2, 6:1, „Es ist das beste Match, dass ich je gespielt habe“) und ein Achtelfinalsieg in fünf Sätzen gegen Marc Rosset, den Olympiasieger von 1992. Die Medien tauften den Deutschen auf die Namen „Poppeye“, in Anlehnung an die Zeichentrickfigur, sowie „Popp-Star“ und „Top of the Popps“.

„Ich habe Spieler geschlagen, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Andre Agassi hat mir zu meinen Siegen gratuliert“, erzählte Popp. Für einen Auftritt auf dem Centre Court reicht es nicht. Sein Viertelfinale gegen Patrick Rafter wird auf Court 1 angesetzt. Und „Poppeye“ ging der Spinat aus. Der Deutsche war nervös und servierte fünf Doppelfehler im ersten Aufschlagspiel. Endergebnis: 3:6, 2:6, 6:7. „Schönere und verrücktere zwei Wochen habe ich noch nie erlebt“, schilderte Popp im tennis MAGAZIN.

Alexander Popp – Wimbledon 2003

Wimbledon-Riese: Alexander Popp hat eine 13:4 Bilanz in Wimbledon.

Zweites Wimbledon-Wunder drei Jahre später

Nach dem Turnier kletterte im Ranking bis auf Platz 74. Es sollte seine beste Platzierung in der Weltrangliste bleiben. Die folgenden Jahre glichen einem Auf und Ab bei Popp, der mit vielen Verletzungen, unter anderem der Bruch am rechten Handgelenk, und der Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber zu kämpfen hatte. An den Wimbledonturnieren 2001 und 2002 konnte er nicht teilnehmen. Beim Wimbledonturnier 2003 rutsche Popp nur dank seiner geschützten Ranglistenposition ins Hauptfeld. Als Nummer 198 in der Weltrangliste nahm er zum zweiten Mal in Wimbledon teil. Das zweite Wunder auf dem „Heiligen Rasen“ nahm seinen Lauf.

Popp spielte sich erneut in einen Rausch. In der dritten Runde besiegte er den Weltranglistenzehnten Jiri Novak klar in drei Sätzen. „Damit hätte ich nie gerechnet, nachdem ich so lange verletzt war“, sagte er stolz. Im Achtelfinale bestand er im Duell der Gegensätze gegen den 1,68 Meter großen Belgier Olivier Rochus. Auf ein Match auf dem Centre Court wartete er allerdings vergebens. Das Viertelfinalduell gegen den Australier Mark Philippoussis, der zuvor Andre Agassi aus dem Turnier genommen hatte, wurde auf Court 1 angesetzt.

Alexander Popp kurz vor dem Einzug ins Wimbledon-Halbfinale

Und auch hier lief es zunächst wie geschmiert für Popp. 6:4, 6:4 gingen die Sätze eins und zwei an den Würrtemberger. Eine Regenpause beim Stand von 1:0 für den Deutschen brachte Popp aus dem Konzept. Philippoussis gewann nach Wiederaufnahme drei Spiele in Folge und glich in den Sätzen aus. Als der Australier immer besser wurde, kam der erneute Abbruch der Partie wegen Regens und die Vertagung auf den folgenden Tag – beim Stand von 2:2 im fünften Satz.

In der Fortsetzung wehrte Popp zunächst insgesamt sechs Breakbälle ab und hatte dann dreimal die Breakchance zum 6:5. Den dritten Breakball wehrte Philippoussis mit einem sehenswerten Volley-Hecht ab. Auch beim Stand von 6:6 bekam der Deutsche die Chance aufs Break, die der Australier mit seinem Poweraufschlag zunichte machte. „Was willste machen, wenn dir einer mit 200 Stundenkilometern den zweiten Aufschlag auf die Linie setzt“, lamentierte Popp hinterher. Es kam, wie es kommen musste. Popp verlor anschließend sein Aufschlagspiel zum 6:8 und schied unglücklich aus. Im Halbfinale hätte sonst Sebastien Grosjean gewartet.

Alexander Popp: Lieber Studium statt weitere Karriere

Durch den erneuten Viertelfinalcoup kehrte Popp zwar in die Top 100 zurück, aber auf die großen Ergebnisse abseits des Rasens wartete der Deutsche vergeblich. Ein Jahr später, bei seinem dritten Auftritt in Wimbledon, zeigte sich Popp wieder in bestechender Form. Nach drei glatten Siegen, unter anderem gegen den kommenden Olympiasieger Nicolas Massu, fand der Deutsche im Achtelfinale in Andy Roddick seinen Meister. Seine gute Rasenform konservierte Popp, als er direkt nach Wimbledon in Newport sein erstes und einziges ATP-Finale erreichte, als er gegen Greg Rusedski in zwei Tiebreaks verlor. Trotz der starken Ergebnisse konnte Popp sein bestes ATP-Ranking mit Platz 74 nicht verbessern.

2005 trat der Deutsche ein letztes Mal in Wimbledon an und kam noch mal in die dritte Runde. Drei Monate später spielte er sein letztes Match. Im Alter von 29 Jahren war Schluss mit dem Profitennis. „Mir war klar, wenn ich noch weiterspiele, dann ist es irgendwann zu spät für ein Studium. Ich hätte mir später vielleicht Vorwürfe gemacht, dass ich es nicht versucht habe“, sagte Popp gegenüber tennis MAGAZIN. Grün wie der Spinat war die Lieblingsfarbe in der Karriere von „Poppeye“. Im Jahr 2011 schloss der 2,01-Meter-Hüne ein Pharmaziestudium in Berlin ab und arbeitet seitdem in der pharmazeutischen Industrie.