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Court-Analyse: Warum das Shanghai Masters so schnell ist

Knapp die Hälfte aller Profiturniere wird auf ­Hardcourts gespielt – wie bei den US Open. Gleich schnell sind die Beläge der einzelnen Events aber nicht. Unser Datenanalyst hat genauer hingeschaut und erklärt, warum das Shanghai Masters so schnell ist.

Text: Peter Wetz

Früher war alles ganz einfach: Gras und Teppich in der Halle galten als die schnellsten Beläge. Irgendwo im Mittelfeld folgten Hardcourts, am langsamsten waren Sandplätze. Mittlerweile gibt es keine Turniere auf Teppich mehr, das Hochgeschwindigkeits­tennis auf Rasen wurde entschärft und Events auf Hartplatz sind klar in der Überzahl. Die Sache mit der Geschwindigkeit auf den unter­schiedlichen Belägen ist komplizierter ­geworden. Warum das Shanghai Masters also so schnell ist, ist gar nicht so leicht zu erklären.

Bei den Fans wird dieses Thema kontrovers diskutiert, denn nicht selten ist die Belags­geschwindigkeit eine gern gesehene Erklärung, warum der Lieblingsspieler ein Match gewonnen – oder verloren hat. Auch bevorzugen Spieler naturgemäß jene Beläge, die ihrer Spielanlage mehr zugutekommen. Beispielsweise wird ein starker Aufschläger lieber auf einem schnellen Hartplatz spielen als auf einem langsamen Sandplatz. Aufschlagstarke Spieler wie Ivo Karlovic sammeln ihre besten Ergebnisse stets auf flotten Rasenbelägen oder auf Indoor-Hartplätzen wie jetzt bei den Shanghai Masters, zumindest, wenn das Dach geschlossen wäre. Aufschlagschwache Spieler, wie zum Beispiel Diego Schwartzman oder Pablo Cuevas, fühlen sich dagegen auf langsamen Sandplätzen wohler. 

Shanghai Masters und Co: Court Pace Rating als Kennzahl

Doch woher weiß man überhaupt, unter welchen Umständen ein Belag langsam oder schnell ist? Und kann man mit öffentlich verfügbaren Daten die Geschwindigkeit eines Courts messen? Im Hinblick auf die laufende US-Saison mit dem Höhepunkt in New York sollen diese Fragen beantwortet werden, wobei  ein spezieller Fokus auf Hartplatz liegt – jenem Belag also, auf dem mehr als die Hälfte aller ATP-Turniere gespielt werden.

Grundsätzlich gilt zwar, dass Indoor-Hartplätze und Rasenplätze die schnellsten Beläge sind. Das heißt, die Bälle fliegen am schnellsten durch die Luft und haben auch einen flachen Absprung. Danach kommen Hartplätze, die im Freien bespielt werden und am langsamsten sind Sandplätze. Aber es gibt gewisse Abweichungen von der Norm. 

Wie wird nun die Court-Geschwindigkeit bestimmt? Der Tennis-Weltverband ITF hat dazu eine Formel entworfen, die ein Court Pace Rating (CPR) errechnet. Diese Kennzahl bezieht sich hauptsächlich auf die physikalischen Eigenschaften eines Belags. Konkret heißt das, dass die Reibung an der Oberfläche und der Absprung in die Formel einfließen. Je höher die Reibung und je höher der Absprung, desto langsamer der Court. Umgekehrt heißt das: Je niedriger die ­Reibung und je niedriger der Ballabsprung, desto schneller spielt sich der Court.

Fünf Kategorien für Platzschnelligkeit

Aus dieser Formel lässt sich ein Index errechnen, der jeden Court in eine von fünf Kategorien einteilt: langsam (0-29), mittel-langsam (30-34), mittel (35-39), mittel-schnell (40-44), schnell (45+). Die CPRs sind nicht gesammelt pro Turnier abrufbar, aber sie werden von übertragenden TV-Sendern  und Streamingplattformen eingeblendet. Für die acht wichtigsten Hartplatz-Events der Saison (6 Masters-Turniere, 2 Grand Slam-­Turniere) liegen die Zahlen für das Jahr 2017 vor.

Demnach haben Shanghai und die Australian Open die schnellsten Beläge (mittel-schnell), gefolgt von Paris-Bercy und ­Montreal (mittel), Cincinnati, US Open und Miami (mittel-langsam) und Indian Wells (langsam). Die Reihenfolge ist grundsätzlich einleuchtend. Shanghai ist bekannt für seine schnellen Courts. Dass die Courts der Australian Open schneller sind als die der US Open, ist immer wieder ein Thema in der ­Szene. Ob aber Indian Wells wirklich das langsamste Groß-Event auf Hartplatz ist, ist diskussionswürdig.

Ein großer Nachteil des CPR ist nämlich die Tatsache, dass äußere Bedingungen, die ebenso einen großen Einfluss auf die Bespielbarkeit eines Belags haben, ignoriert werden. Faktoren wie Luftfeuchtigkeit (je trockener, desto schneller), Temperatur (je wärmer, desto schneller) oder Höhenlage (je höher, desto schneller) werden beim CPR nicht berücksichtigt. Ob das Turnier in der Halle (schneller) oder draußen gespielt wird oder inwiefern die verwendeten Bälle die Geschwindigkeit eines Courts beeinflussen, spielt beim CPR keine Rolle. Maßgeblich sind die Faktoren Reibung und Absprung.

Je mehr Daten, desto aussagekräftiger

Wie ist es nun möglich, Belagsgeschwindigkeiten zu berechnen, ohne aufwendig alle zusätzlichen Faktoren mit einbeziehen zu müssen? Jeff Sackmann, Tennisanalyst und Betreiber des Blogs „Heavy Topspin“, hat dazu eine schlaue Methode vorgeschlagen, die ein neuartiges Geschwindigkeitsrating berechnet: Die grundlegende Annahme ist, dass ein schneller Belag einem starken Aufschläger zu Gute kommt. Das sollte sich in der Anzahl der Asse widerspiegeln. Das heißt: Ein Turnier, bei dem viele Asse geschlagen werden, wird auf einem schnellen Belag gespielt. Um eine Verzerrung der Ergebnisse zu verhindern, die entsteht, weil starke Aufschläger bewusst Turniere auf schnellen Belägen spielen, hat Sackmann seine Methode optimiert. Er berücksichtigt nämlich, wieviele Asse von dem Teilnehmerfeld eines Turniers zu erwarten wären. Dafür zieht er die durchschnittliche Anzahl an geschlagenen Assen der Spieler heran. Schlussendlich wird also errechnet, inwiefern die Spieler eines Turniers für ihre Verhältnisse überdurchschnittlich viele Asse geschlagen haben. Ist dies der Fall, dann wurde auf einem schnellen Belag gespielt. Haben die Spieler weniger Asse als erwartet serviert, war der Belag langsam.

Wie bei jeder statistischen Analyse muss auf den Stichprobenumfang hingewiesen werden. Je mehr Daten man hat, desto aussagekräftiger sind die daraus abgeleiteten Ergebnisse. Je weniger Daten man hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass die errechneten Ergebnisse auf Zufall basieren. Das heißt konkret, dass die Zahlen für Turniere mit großem Teilnehmerfeld, wie beispielsweise die Grand Slam- oder Masters-Turniere, mit größerer Sicherheit stimmen.

Berechnet man die Geschwindigkeitsratings anhand der Asse für jedes ATP-Turnier, so ergibt sich die Tabelle unten. Das Rating basiert auf dem Wert 1, bei dem jeder Spieler im Turnier die durchschnittlich von ihm zu erwartende Anzahl an Assen serviert. Die Geschwindigkeit des Belags ist dann ebenfalls durchschnittlich. Turniere mit einem Wert größer als 1 sind schneller als der Durchschnitt, weil die Profis mehr Asse servieren. Turniere mit einem Wert kleiner als 1 sind langsamer als der Durchschnitt, da die Spieler auf weniger Service-Winner kommen.

Daten der ATP Finals sind verzerrt 

Die Berechnung ist schlüssig, wenn man die ersten beiden Plätze außen vor lässt, denn Antalya (neuer Rasen) und Quito (Höhenlage) sind statistische Ausreißer. Ganz oben in der Liste finden sich Indoor-Hartplätze (Shanghai, Moskau, Metz, Marseille, Sofia). Am Ende der Tabelle liegen – ebenso wie in der gezeigten CPR-Grafik (S. 26) – Miami und weitere Turniere, die im Freien gespielt werden (Acapulco, Peking, Dubai, Atlanta). Dass die Turniere in St. Petersburg und Basel so weit unten in der Liste erscheinen, verwundert, kann aber wahrscheinlich auf eine zu geringe Stichprobe zurückgeführt werden. Dass die ATP World Tour Finals in London am Ende der Liste auftauchen, kann erklärt werden: Einerseits ist die Stichprobe der Matches extrem klein, andererseits ist die Qualität der Rückschläger bei diesem Turnier sehr hoch, was die Daten in diesem Fall verzerrt.

Wie gut stimmen nun CPR und das Ass-Rating überein? In der Grafik oben sieht man den Zusammenhang zwischen den beiden Berechnungen für die acht größten Hartplatzturniere. Die diagonale Linie zeigt einen theoretisch perfekten Zusammenhang zwischen den beiden Werten an. Je näher sich ein Turnier an dieser Linie befindet, desto mehr stimmen die beiden Ratings überein. Dies ist zum Beispiel für das Masters in Shanghai der Fall, das bei beiden Berechnungsarten den höchsten Wert hat. Größere Abweichungen gibt es jedoch bei den Australian Open, in Paris-Bercy und Montreal. Diese sind höchstwahrscheinlich auf die oben erwähnten externen Faktoren zurückzuführen, die vom CPR nicht erfasst werden. 

Schritt in die richtige Richtung

Ordnet man die Turniere nach Geschwindigkeit, so scheinen beide Methoden größtenteils übereinzustimmen: ­Schnelle Turniere nach CPR sind auch nach der Ass-Rating-Methode schnell (Shanghai, Australian Open). Dasselbe gilt für eher langsame Turnierbeläge (US Open, Miami). Bei den Turnieren von Indian Wells und Cincinnati stimmen die Methoden nicht überein. Indian Wells ist nach dem Ass-Rating knapp über dem Durchschnitt, laut CPR aber am langsamsten. Cincinnati ist laut Ass-Rating deutlich über dem Durchschnitt, laut CPR aber nur mittel-langsam.

Wie so oft muss auch bei dieser Analyse zum Abschluss gesagt werden, dass es wünschenswert ist, wenn mehr strukturierte Daten öffentlich zur Verfügung gestellt würden. Damit wäre man nicht mehr von Näherungsverfahren abhängig, wie das in diesem Artikel vorgestellte Ass-Rating, und könnte mit Sicherheit viel genauere Aussagen treffen. Das Court Pace Rating scheint ein Schritt in die richtige Richtung zu sein. Wenn sich noch ein Weg finden lässt, wie tagesabhängige Faktoren, wie zum Beispiel das Wetter, Einfluss auf die Berechnung bekommen können, würde man die Debatten über die Belagsgeschwindigkeit wohl nicht beenden, aber man hätte eine weitaus bessere Argumentationsgrundlage.