ATP International – Nature Valley Open

Dominik Köpfer im Portrait: Zahmer Pitbull

Wenn er auf dem Court steht, wird er zum Tier – dabei ist der Schwarzwälder Dominik ­Köpfer eher ein ruhiger Vertreter. Der 24-Jährige hat sich in den USA über das Collegetennis fast in die Top 150 gespielt. Höchste Zeit, seinen ungewöhnlichen Werdegang genauer zu beleuchten.

(Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2019)

Als Dominik Köpfer 2012 seine ersten Einheiten mit dem College-Team der ­Tulane University von New Orleans ­absolvierte und sich dabei so kämpferisch und ehrgeizig wie möglich präsentierte, weil er doch der „Nobody from Germany“ war, gab ihm sein Coach Mark Booras einen ernstgemeinten Tipp: „Kaufe dir ein Puzzle mit 10.000 Teilen – egal, ob da ein Bikini-Girl, ein Hündchen oder eine Blume drauf abgebildet ist.“ ­Köpfer gehorchte. Und legte vor den Trainingseinheiten das Puzzle zusammen. „Du musst geduldiger werden“, begründete Booras die ungewöhnliche Maßnahme.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde Köpfer klar: Collegetennis, mit seinen drei bis vier hochintensiven Trainingseinheiten pro Woche, mit Teamduellen oder Einzelturnieren an den Wochenenden, mit einem für eine Einzelsportart kaum für möglich gehaltenen mannschaftlichen Zusammenhalt würde ihn zu einem anderen Tennisspieler formen. Zu einem besseren. Zu einem, der jetzt, sechs Jahre nach seinen Anfängen an der Tulane University, kurz vor den Top 150 der Weltrangliste steht. Und dem nicht mehr viel dafür fehlt, schon 2019 bei den großen Turnieren der Tour mitzuspielen.

Köpfer

SPÄT ÜBT SICH: Lange war Tennis für Dominik Köpfer nur ein Hobby. Mit 16 erreichte er dann überraschend das Finale der Deutschen Jugendmeisterschaften 2010, das er gegen Jannis Kahlke aus Marburg verlor. Danach intensivierte Köpfer seine Trainingsumfänge.

„Diese Entwicklung war in der Form natürlich nicht vorhersehbar“, räumt ­Oliver Heuft ein, der Köpfer gute zehn Jahre als Kind, Junioren und Jugendlichen beim BW Villingen im Schwarzwald trainierte. „Bis zu seinem 16. Lebensjahr hat Dominik ­relativ wenig tennisspezifisch trainiert. Er war der Typ Straßensportler, der alles gut ­konnte – Fußball, Skifahren, Rennen, Springen. Er war schon immer ein extrem guter ­Athlet, bei dem sich Fitness mit Ausdauer und ­Schnelligkeit paart“, sagt Heuft, Gründer der Online-Plattform TennisGate.

Dominik Köpfer: Tennis war lange nur ein Hobby

Tennis war für den heranwachsenden Köpfer lange einfach nur ein Hobby. Das änderte sich erst, als er 2010 wie aus dem Nichts Deutscher U16-Jugend-Vizemeister wurde. „Es war erstaunlich, dass er da mithalten konnte. Dominik trainierte damals mit zwei Einheiten pro Woche etwa ein Viertel von dem, was seine Gegner absolvierten“, erinnert sich Jürgen Müller, der Köpfer am Ende seiner Juniorenzeit intensiv betreute. „Dominik war in der Phase – wenn überhaupt – ein Spieler aus der dritten Reihe“, sagt Müller, der lange DTB-Honorartrainer war und nun für TennisGate tätig ist. Köpfer wollte mehr, ­Profitennis wurde nun ein Thema.

Köpfer

HELD DER TULANE-UNIVERSITY: Köpfer entwickelte sich 2015/2016 zum besten Collegespieler in den USA. Für seine Uni in New Orleans gewann er zwischen 2012 und 2016 103 von 132 Einzelpartien.

Aber wie sollte er das angehen? Die Wege im Schwarzwald sind weit, fünf Monate im Jahr liegt Schnee. Alles nicht so einfach zu organisieren. Mit seinen Trainern und seinen besonnenen Eltern, selbst gute Tennisspieler, wurde der Rahmen abgesteckt: erst das Abi, dann rüber in die USA, am College Tennis spielen und studieren – nach Möglichkeit mit einem Stipendium. Köpfer trainierte nun mehr, bewarb sich über Kontakte seiner Coaches an US-Universitäten. Sein Problem: Er blieb in Deutschland eine eher kleine Nummer, höher als Platz 15 in der deutschen Jugendrangliste stand er nie und ITF-­Jugendturniere spielte er nicht. Es gab kaum offensichtliche Gründe für eine US-Uni, gerade ihn in ihr Tennis-Team zu holen.

Ein fantastischer Teamspieler

Mark Booras aber sah mehr in Köpfer. In den Videos, die aus dem Schwarzwald auf seinem Notebook in New Orleans landeten, erkannte er Köpfers Potenzial. Booras reiste für drei Tage nach Villingen, um sich Köpfer noch genauer anzuschauen. Danach stand sein Entschluss fest: Dieser deutsche Modell­athlet, voll mit Leidenschaft und Kampfkraft, kann es noch weit bringen.

„Sein Leistungsvermögen war damals nicht auf Ranglisten sichtbar, aber manchmal braucht es eben mehr, um einen Spieler wirklich beurteilen zu können“, sagt Oliver ­Heuft, Köpfers erster Trainer. Was den 24-Jährigen schon damals auszeichnete: Er ist ein fantastischer Teamspieler, der in einer Mannschaft über sich hinauswächst. Und: „Er ist einer, der auf dem Platz die Linien frisst“, wie es Ex-Coach Jürgen Müller formuliert. Heißt: Kämpfen bis zum Umfallen.

Solche Eigenschaften kommen an den US-Colleges immer gut an, aber als Köpfer schließlich im Herbst 2012 in New Orleans anfing, bekam er nichts geschenkt. Er musste ganz unten starten, war die Nummer sechs im Team, das Schlusslicht also. Die Tage am College verlangten ihm alles ab: Morgens ab 6 Uhr stand Krafttraining auf dem Plan, von 8 bis 12 Uhr saß er in Vorlesungen und Seminaren für seinen Studiengang ­„Finance Management“, von 13 bis 16 Uhr stand er auf dem Court – oft bei weit über 30 Grad. Danach: Büffeln für die nächsten Tests, die nächsten Seminararbeiten.

Als er 2012 über die Weihnachstage in die Heimat flog, litt er an Pfeifferschem Drüsen­fieber. Sollte er überhaupt in die USA zurückkehren? Köpfer zweifelte. Aber ­seine Villingener Clubkollegen, zu denen er via WhatsApp regen Kontakt hält, gaben ihm nicht umsonst den Spitznamen ­„Pitbull“: Köpfer biss sich durch – und wie!

Köpfer

NATIONAL-CHAMPION: Bei den US-Hallen-Collegemeisterschaften 2015 auf der US Open-Anlage von Flushing Meadows holte sich Köpfer den Titel.

Über die Jahre entwickelte er sich zum besten Spieler, den die Tulane University je hatte. Der Höhepunkt: 2015 gewann er die US-Collegemeisterschaften in der Halle. „Er ist ein wunderbares Beispiel dafür, was man mit harter Arbeit, richtiger Einstellung und dem perfekten Umfeld erreichen kann. Für ihn gibt es keine Grenzen mehr“, schwärmt Collegecoach Booras, der seinem Hitzkopf auf dem Court durch das Puzzeln mehr Ausgeglichenheit mit auf den Weg gab.

Deutsche US-Collegemeister

Indoor Höchstes ATP-Ranking
2002    Benedikt Dorsch 127 (Mai 2009)
2005    Benjamin Kohllöffel 461 (Mai 2003)
2006    Benjamin Kohllöffel s.o.
2015    Dominik Köpfer 156 (Nov. 2018)*

(*noch aktiv)

Outdoor Höchstes ATP-Ranking
2004    Benjamin Becker 35 (Oktober 2014)
2005    Benedikt Dorsch s.o.
2006    Benjamin Kohllöffel s.o.

Dominik Köpfer: Gefeierter Tennisheld an der Uni

Köpfer verließ 2016 mit einem Bachelor­-Abschluss und als gefeierter Tennisheld die Uni in ­Richtung Profitennis. Er siedelte nach ­Florida um, lebt nun in Tampa, engagierte mit Billy Heiser einen Privatcoach und schloss das Jahr mit Platz 156 in der Weltrangliste ab – persönlicher Bestwert.

tennis MAGAZIN erreicht ihn Anfang November telefonisch beim Challenger-Turnier in Knoxville (USA). Für ihn ist es früh am Morgen, er klingt noch leicht verschlafen. Er spricht ruhig und leise, nimmt sich stets zurück, will sich nicht in der Vordergrund drängen. „Dominik ist eigentlich ein ganz ruhiger Vertreter“, hatte sein früherer Trainer Jürgen Müller gesagt, „aber auf dem Platz wird er zu einem anderen Menschen.“ Stimmt das? „Ja, schon“, antwortet Köpfer. Etwas redseliger wird er, wenn er an seine Zeit am College zurückdenkt: „Es war großartig dort. Ich bin immer besser geworden, weil das Training im Team für mich perfekt war. Es war dort wie in einer Familie.“

BEKANNTER GEGNER: Beim Challenger-Turnier in Dallas Anfang 2018 trat Köpfer als Qualifikant gegen den großen Kei Nishikori (li.) an, der nach einer Verletzung zunächst kleinere Turniere spielte. Der Japaner gewann die Viertelfinalbegegnung 7:6, 6:3.

Köpfer: „2019 will ich die Top 100 knacken”

Wie schwer fällt es ihm nun, allein auf der Tour unterwegs zu sein? „Das ist eine Umstellung für mich. Am College habe ich in erster Linie für die anderen, also für das Team gekämpft. Jetzt spiele ich nur für mich, das ist etwas anderes.“ Dass er auch ­Qualitäten als reiner Einzelkämpfer hat, zeigte sich in den letzten Wochen: Er schlug unter anderem zweimal den Tour-Veteranen Ivo Karlovic.

Wie weit nach oben kann es noch gehen? „2019 will ich die Top 100 knacken. Und: Ich will in die Hauptfelder der Grand Slam-­Turniere kommen.“ Für den 24-Jährigen ist klar: „Wenn ich in zwei Jahren immer noch nur in den Top 200 stehe, höre ich auf.“ An die Tulane University kann er stets zurück­kehren, um den Master-Abschluss zu machen.

Aber daran denkt er jetzt nicht, die ­Saison-Vorbereitung steht an. Weihnachten fliegt er schon nach Australien, er will sich für das Hauptfeld der Australian Open qualifi­zieren. Dann, auf der ganz großen Profibühne, wäre er wieder der „Nobody from Germany“.