Gottfried von Cramm

Ästhet und Athlet: Von Cramm ­spielte stets in weißen langen Hosen. Er stand in sechs Grand Slam-Einzelfinals, gewann aber nur zwei (Paris 1934, 1936). Man nannte ihn „gracious loser“ – würdevoller Verlierer.

Gottfried von Cramm: Ehrenmann

Tennisbaron, Nazi-Gegner, Ästhet: Gottfried von Cramms Vita ist so schillernd und wendungsreich, dass nun zwei neue Bücher seine Karriere beleuchten – ein Leben wie ein Roman.

Der schöne Deutsche“ – so lautet der Titel der neuesten Biographie über Gottfried von Cramm. Autor Jens Nordalm tauchte ein in das Privatarchiv der Familie von Cramm auf Schloss Bodenburg in Niedersachsen und schrieb ein 285 Seiten dickes Buch, gespickt mit teilweise noch nie veröffentlichten Fotos. „Julius oder die Schönheit des Spiels“, lautet der Titel eines Romans, der fast zeitgleich erschien. Auch in dem Buch von Tom Saller geht es um den Vorzeigespieler der 30er-Jahre. Hinter der fiktiven Figur Julius von Berg steckt Gottfried von Cramm. Der Erzählstoff orientiert sich eng an den tatsächlichen historischen Ereignissen – auch wenn die frühe Wirkungsstätte des Freiherrn in dieser Geschichte nicht in der Nähe von Hannover, sondern an der deutsch-französischen Grenze liegt.

Stoff, der kaum in ein Leben passt

„Der schöne Deutsche“, „Die Schönheit des Spiels“ – der Autor dieser Zeilen hat, um es vorwegzunehmen, beide Bücher verschlungen. Wobei sich der 367-seitige Roman von Bestsellerautor Saller wesentlich flüssiger liest als die Biografie, die an der einen oder anderen Stelle etwas harkt und sprachlich zäh daher kommt.

Kann man in Zeiten von Instagram, Twitter & Co., in Zeiten, in denen eine Nachricht schon als alt gilt, die nur ein paar Stunden existiert, für historische Lektüre schwärmen? Mit Schwarz-weiß-Bildern aus der Mottenkiste? Absolut! Zumal der von Cramm-Stoff so üppig ist, dass er kaum in ein Leben zu passen scheint. Und es ist kein besonders langes Leben. Gottfried von Cramm, geboren 1909, wird nur 67 Jahre alt. Er stirbt 1976 bei einem Autounfall in der Nähe von Kairo. Sein Fahrer kollidierte mit einem Lastwagen.

Gottfried von Cramm

Rivalen und doch Freunde: Donald Budge (re.) und von Cramm vor dem Wimbledonfinale 1937. Der US-Spieler sagte einmal über seinen Gegner: „Er spielte beneidenswert schönes Tennis, das war ihm wichtiger als jeder Sieg.“

Wenn man schon bei Boris Becker, von Cramms Tennis-Urenkel, das Gefühl hat, die Vita des Leimeners – jüngster Wimbledonsieger, einzige deutsche Nummer eins bei den Herren, Werbeikone, Frauenheld, Pleitier, Turnierveranstalter, Coach, Pokerspieler, TV-Kommentator und und und – sei eigentlich zu viel für ein Menschenleben, dann muss man bei von Cramm attestieren: Sein Leben bietet noch mehr Filmstoff.

Das Leben von Cramms gleicht einem reißenden Fluss

Um die, die den Namen von Cramm noch nie gehört haben, an dieser Stelle abzuholen: Gottfried Alexander Maximilian Walter Kurt Freiherr von Cramm stand dreimal in Folge im Finale von Wimbledon (1935 bis 1937) und spielte beginnend von 1932 sagenhafte 101 Partien für Deutschland im Davis Cup – so viele wie kein anderer. Er hat das deutsche Tennis in der jungen Bundesrepublik mitbegründet und gilt als einer der besten Spieler der Historie. „Er spielte beneidenswert schönes Tennis, das war ihm wichtiger als der Sieg“, hat sein Rivale und Freund Donald Budge einmal über den Tennisbaron gesagt.

Gottfried von Cramm

Im Visier der Nazis: 1933 traf von Cramm (li.) in Berlin auf Adolf Hitler (Mi.), der das Sportidol für seine Propaganda einzuspannen ­versuchte. Von Cramm aber wollte mit den Nazis nichts zu tun haben. Solange er gewann, ging die Rechnung auf. 1938 wurde von Cramm schließlich verhaftet.

Klar, die Faszination von Cramm ist auch eng mit der schillernden Zeit verbunden, in die er hinein geboren wurde: Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, die extravaganten  1920er- und 1930er-Jahre, die gerade in TV-Serien wie „Babylon Berlin“  Konjunktur feiern, die graue Nazizeit, der Zweite Weltkrieg. Nur: Auch in dieser Ära gab es langweilige Biografien. Das Leben von Cramms gleicht einem reißenden Fluss, in dem er selbst phasenweise zu ertrinken droht. 

Als Baron aus uraltem Geschlecht steigt er zum zweitbesten Tennisspieler der Welt auf. Er reist per Auto, Flugzeug und Schiff zu Turnieren auf der ganzen Welt. Er verbringt die Monate von Januar bis April an der Cote d‘Azur, wo er in mondänen Hotels logiert und Turniere spielt. Dort freundet er sich mit Gustav V. an, dem König von Schweden. Der tingelt inkognito als „Mr. G.“ durch die südfranzösischen Strandbäder und gilt als richtig guter Tennisspieler, der auch mit von Cramm im Doppel antritt.

Ein Telefonat mit Hitler in Wimbledon?

Als junger Mann geht von Cramm nach Berlin. Eigentlich um Jura zu studieren. Die Eltern wollen, dass er Diplomat wird. Es kommt anders: Tagsüber spielt er Tennis im TC Rot-Weiß Berlin, nachts zieht er durch Bars und Clubs, geht Tanzen, ins Theater, flirtet mit Frauen (und auch mit Männern). Aber er trinkt und raucht nicht wie die mondäne Gesellschaft, die ihn umgibt. Um Mitternacht verabschiedet er sich von seinen illustren Partyrunden – der Ehrgeiz im Tennis ist zu groß.

Gottfried von Cramm

Zum Davis Cup per Zug: 1932 reisten von Cramm (li.) und Team­kollege Daniel Prenn (re.) nach Mailand, um 5:0 ­gegen Italien zu ­gewinnen. Danach verloren sie in Berlin gegen die USA mit 2:3.

Auf den Bühnen des Welttennis – in Wimbledon, Paris und New York – wird er zum Star. Seine Aura, seine Eleganz, sein perfektes Benehmen, seine Bescheidenheit und seine Spielkunst sorgen dafür, dass man ihm, dem Deutschen, oft lauter zujubelt als den heimischen Spielern. Einmal, bei einem Showkampf in Boston, werfen die Zuschauer vor Begeisterung Sitzkissen auf den Court. In der Nazizeit wird von Cramm – schneeweiße lange Hosen, gepflegter Seitenscheitel – zum „schönen Deutschen“, in Abgrenzung zum „hässlichen Deutschen“, der die Welt in Schutt und Asche legt. Von Cramm hasst die Nazis, die tumben Schläger der SA und Hitler. 

Es gibt eine Szene im Buch von Tom Saller, die sich so auch in der Realität abgespielt haben könnte. Genau weiß man das nicht. Sie spielt 1937 in der Umkleidekabine in Wimbledon. Julius alias Gottfried ist kurz davor, den Centre Court zum großen Finale zu betreten. Sein Gegner (im richtigen Leben Don Budge) wird Zeuge eines Telefongesprächs. In der Fiktion ist es Hitler am anderen Ende der Leitung. Budge lauscht und kann sich den Sinneswandel von Cramms, der zuvor durch das Turnier rauschte und kurz vor dem Match fast apathisch wirkt, nur so erklären: Der Führer hatte seinem Vorzeigeathleten eingetrichtert, im Spiel für das Deutsche Reich zu siegen. Von Cramm verlor 3:6, 4:6, 2:6. Absichtlich?  

Von Cramm wird von der Gestapo abgeholt

Eines der besten Matches in der Geschichte des Tennis fand ein paar Wochen später an gleicher Stätte statt. Und erneut hieß der Gegner Budge. Diesmal war es das Davis Cup-Interzonenfinale. Endstand: 8:6, 7:5, 4:6, 2:6, 6:8. Von Cramm, ganz Sportsmann, schritt zum Netz und sagte: „Don, das war das beste Match, das ich je gespielt habe. Ich bin sehr glücklich, dass ich es gegen jemanden spielen durfte, den ich sehr mag. Herzlichen Glückwunsch!“ Der Kapitän des amerikanischen Davis Cup-Teams, Walter Pate, schwärmte: „Kein anderer Spieler – die Lebenden und die Toten zusammengenommen – hätte einen der beiden an diesem Tag schlagen können.“

Gottfried von Cramm

Familienmensch: Von Cramm (mit Hund) gehörte dem niedersächsischen Adel an und hatte sechs Brüder. Er wuchs auf Schloss Brüggen auf und erhielt zu Hause Privatunterricht.

Hier die ruhmreiche Tenniskarriere, da das Leben der Oberen Zehntausend. Von Cramm traf Max Schmeling und Marlene Dietrich. Er heiratete in zweiter Ehe Barbara Hutton, die reichste Frau der Welt, die davor mit einem der berühmtesten Schauspieler der Welt verheiratet war – Cary Grant. Das Leben des „schönen Deutschen“ änderte sich jäh, als er am Abend des 5. März 1938 um 20 Uhr beim Wiedersehensabendessen auf dem Familiensitz nach einer längeren Auslandtour von der Gestapo abgeholt wird. Was man ihm vorwirft: Verstoß gegen den Homosexuellen-Paragrafen 175 und dass er einem Juden Geld geliehen habe.

Der beste Tennisspieler, der nie Wimbledon gewann

Sowohl im Roman als auch in der Biografie wird von Cramms Bisexualität thematisiert, die Liebe zum Juden Manasse Herbst, der bei „Julius oder die Schönheit des Spiels“ Moses heißt und Psychiater ist. Die Beziehungen zu Männern, das Kosmopolitische, die Kritik am Naziregime – all das wurde von Cramm zum Verhängnis. Ein Jahr Gefängnis lautete das Strafmaß. Es ist nicht ganz klar, ob es von Cramm seiner Mutter zu verdanken hat, dass er nach sieben Monaten die Strafanstalt in Berlin-Moabit verlassen durfte. Jutta von Cramm jedenfalls ließ nichts aus, für ihren Sohn zu kämpfen. Sie sprach auch bei Hermann Göring vor, einem der ranghöchsten Nazis. Die Verbindung zu von Cramm: Göring war sein Clubkamerad bei Rot-Weiß.  Als „Sittlichkeitsverbrecher“ durfte von Cramm nicht mehr in Paris oder Wimbledon spielen. So blieb er der „beste Tennisspieler, der nie in Wimbledon gewann“ und auch nicht die Nummer eins wurde. 

Gottfried von Cramm

Lichtgestalt: ­Gottfried von Cramm war in den 30er-Jahren ein deutscher Vorzeigeathlet – dann steckten ihn die Nazis ins Gefängnis, weil er sich deren Propaganda­methoden entzog und zu sehr als Kosmopolit auftrat.

Die Stationen nach der Karriere? 1951 gründete er in Duisburg die „Tennisschule von Cramm“. Im gleichen Jahr baut er eine Importfirma für ägyptische Baumwolle in Hamburg auf. Sein Tod durch einen Autounfall bei Kairo ist die tragische Pointe eines außergewöhnlichen Lebens. Mit dem Tod aber wollte Nordalm in seiner Biografie nicht schließen. Sondern mit den Worten des berühmten US-Sportautors John R. Tunis, der 1937 schrieb: „Diesem Athleten zuzusehen, groß, elegant, robust und unerschütterlich auf dem Platz, heißt, eines der schönsten Schauspiele zu genießen, die man in der Galaxie des Sports überhaupt haben kann.“

Vita Gottfried von Cramm 

Gottfried von Cramm wurde am 7. Juli 1909 als dritter von insgesamt sieben Söhnen in Nettlingen geboren. Er entstammte einem ­niedersächsischen Adelsgeschlecht, zu dem mehrere Schlösser und Landsitze gehörten. Mit elf Jahren lernte er Tennis. 1928 trat er dem LTTC Rot-Weiß Berlin bei und ­konzentrierte sich auf eine ­Tenniskarriere. Er gewann zweimal in Roland Garros (1934, 1936), sechsmal das Rothenbaum-Turnier in Hamburg und zwei Grand Slam-Doppeltitel. Für das deutsche Davis Cup-Team trat er in 101 Matches an und gewann davon 82. Er starb am 9. November 1976 durch einen Autounfall im ägyptischen Kairo.