Peng Shuai

Lächeln für ein Foto-Shooting: Ob man Peng Shuai nochmal so zufrieden erlebt?

Kampf im Damentennis: WTA vs. China

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Der Fall Peng Shuai ist zu einem Politikum geworden: Die WTA-Tour lehnt sich gegen Chinas Zensur auf und will ihre Turniere von dort abziehen. Für das Damentennis könnten die Folgen gravierend sein. 

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 3/2022

Als am 2. November 2021 um 22.07 Uhr Pekinger Ortszeit auf der chinesischen Social Media-Plattform Weibo eine Mitteilung der Tennisspielerin Peng Shuai aufpoppte und nach gut 30 Minuten wieder verschwand, ahnten nur die Wenigsten, welche Konsequenzen dieser Beitrag nach sich ziehen würde – für das Profitennis, die Olympischen Winterspiele, die internationalen politischen Beziehungen und vor allem: für Peng Shuai selbst. Sie hatte in ihrem Online-Post dem ehemaligen Vizepremierminister Chinas, Zhang Gaoli (75), vorgeworfen, er habe sie früher gegen ihren Willen sexuell bedrängt und missbraucht.

Chinas Zensur funktioniert reibungslos

Ihre Original-Nachricht, die dank zahlreicher Screenshots noch im Netz zu finden ist, beginnt so: „Ich weiß, dass ich es nicht klarstellen kann, ich weiß, dass es nichts nützt, wenn ich was sage, und trotzdem möchte ich es aussprechen.“ Peng, 35 Jahre alt, im Februar 2014 die Nummer eins der Damen-Doppelweltrangliste, ahnte, dass sie einem der mächtigsten Männer Chinas mit ihren Worten nichts wird anhaben können. Sie behielt Recht. 

Chinas Zensur funktionierte auch in ihrem Fall reibungslos. Der Weibo-Post war schnell gelöscht. Online-Suchanfragen zu den Schlagwörtern „Tennis“ oder „Peng Shuai“ liefen plötzlich ins Leere. Ein #MeToo-Fall mit Vergewaltigungsvorwürfen, die sich gegen einen mittlerweile pensionierten Politiker aus dem innersten Machtzirkel Chinas richten, der als verantwortlicher Koordinator für die Planung der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking fungiert hatte? Gibt es nicht. Punkt. 

Die bizarre Situation um Peng Shuai

Der Westen hingegen hatte nun ein Gesicht, mit dem sich die vielen Menschenrechtsverletzungen Chinas verknüpfen ­ließen – der Hashtag #WhereisPengShuai trendete überall. Die Weltgemeinschaft blickt seit Jahren kopfschüttelnd nach China, das Angehörige der Minderheit der Uiguren wegsperrt, die Kultur der Tibeter missachtet, die Demokratiebestrebungen in Hongkong bekämpft – und dennoch Olympische Spiele ausrichtet, protegiert von einem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das sich devot mit Diktaturen einlässt. Am Schicksal von Peng Shuai kondensierte diese Stimmung.

Auf höchstem diplomatischen Parkett

Auch deshalb bekam ihr Fall einen derartigen globalen Widerhall, der vielleicht sogar die chinesischen Machthaber überraschte. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnte: „Die chinesische Regierung ist bekannt dafür, Frauen zum Schweigen zu bringen, die Anschuldigungen wegen sexueller Gewalt erheben.“ Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Jen Psaki, sagte: „Wir fordern die chinesischen Behörden auf, unabhängige und überprüfbare Beweise über ihren Aufenthaltsort und ihre Sicherheit zur Verfügung zu stellen.“ Die EU drückte in einem Statement „ihre volle Solidarität“ mit Peng Shuai aus. Die Vereinten Nationen drängten auf eine „vollständig transparente“ Untersuchung zu den von Peng erhobenen Anschuldigungen. Eine chinesische Tennisspielerin war zum Top-Thema auf höchstem diplomatischen Parkett geworden. 

Lächeln für ein Foto-Shooting: Ob man Peng Shuai nochmal so zufrieden erlebt?

Verdächtig ruhig

Chinas Regierung indes streute über ihre Staatsmedien Fotos, Videoschnipsel und Mails der 35-Jährigen, die ihre Unversehrtheit beweisen sollten, aber nur als billige Propaganda rüberkamen. Chinas Außenministerium verbat sich „bösartige Unterstellungen“ und ein „unnötiges Aufbauschen“ in dieser Angelegenheit. Am 19. Dezember 2021, sieben Wochen nach dem Weibo-Beitrag, veröffentliche die Zeitung Lianhe Zaobao aus Singapur schließlich ein Video-Interview mit Peng Shuai. Tenor: Sie hätte die Vorwürfe gar nicht erhoben, lebe frei in Peking und stehe nicht unter Aufsicht. Alles nur ein großes Missverständnis. Dass Lianhe Zaobao das Gespräch veröffentlichte, hat gute Gründe: Die Zeitung erscheint auf Chinesisch und ist in China als einziges ausländisches Blatt zugelassen, weil es sich an die Zensurrichtlinien hält. Seit diesem Video ist es ruhig um Peng Shuai geworden, verdächtig ruhig. 

ATP-Tour spielt weiterhin in China

Auch die WTA-Tour hält sich mit Kommentaren seither zurück. Das war beileibe nicht von Anfang an so – ganz im Gegenteil. Die WTA, allen voran deren Boss Steve Simon, preschte mit deutlichen Ansagen und Forderungen in Richtung China voran. Simon blieb bei jedem offensichtlich von offiziellen Stellen orchestrierten Auftritt Pengs skeptisch, forderte weitere Beweise für ihr Wohlergehen, verlangte Transparenz und eine eigene Kontaktaufnahme mit der Spielerin. Nichts geschah. Schließlich griff er zum letzten Mittel, drohte mit dem Abzug aller WTA-Turniere – und machte ernst. Er stemmt sich gegen das chinesische Regime: WTA vs. China.

Ein kleines, in Florida ansässiges Sportunternehmen mit weniger als 300 Mitarbeitern nimmt es mit einem „Global Player“ auf, zu dem 1,5 Milli­arden Menschen gehören. Der ATP-Tour war das eine Nummer zu groß: Die Herren werden weiterhin Turniere in China spielen, „weil Sport einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben kann und wir mit globaler Präsenz mehr bewirken können“, begründete ATP-Chef Andrea Gaudenzi die Entscheidung, für die er viel Kritik einstecken musste.  

Peng Shuai

Wie alles begann: Peng Shuai (li.) warf in einem Online-Post dem ­chine­sischen Spitzenpolitiker Zhang Gaoli vor, er habe sie sexuell missbraucht.

Keine Scheu vor dem Konflikt mit China

„Ich kann unsere Athletinnen nicht guten Gewissens bitten, dort anzutreten, wenn Peng Shuai nicht frei sprechen darf und anscheinend unter Druck gesetzt wurde, ihren Vorwurf der sexuellen Übergriffe zurückzunehmen“, sagte hingegen Simon in einer ausführlichen Erklärung. Weil ihm Menschenrechte wichtiger sind als Geld, von dem es im Wachstumsmarkt China für die WTA-Tour reichlich zu verdienen gibt, wird er seitdem als „Retter der Seele des Sports“ gefeiert und erhielt so viel Zuspruch wie noch nie. Er scheut nicht den Konflikt mit China, sondern zeigt klare Kante und steht zu seinen Prinzipien.

Das ist für einen Sportfunktionär eine bemerkenswerte Haltung, von der etwa der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach soweit entfernt ist wie Chinas Präsident Xi Jinping von der Verleihung des Friedensnobelpreises. Bach gab in diesem Disput ein bislang verstörendes Bild ab und ließ sich von Chinas Machtapparat für deren Staatspropaganda billigend einbinden. Es war Bach, der mit Peng per Videocall sprach, das #MeToo-Thema aber ausklammerte und sie stattdessen zum Essen einlud, wenn die Winterspiele in Peking beginnen.

Ein Affront der zum Himmel schreit – nicht nur für Menschenrechtler. Es war auch Bach, der als erster ausländischer Gast seit mehr als zwei Jahren von Präsident Xi Jinping Ende Januar 2022 in Peking empfangen wurde. Alles für die Spiele eben. Und das in Aussicht gestellte Essen mit Peng Shuai soll es nun geben. Laut IOC wird Peng ihre „chinesischen Olympiakameraden eng verfolgen“ und ein Treffen „während der Spiele“ mit Thomas Bach soll in Peking tatsächlich stattfinden. 

WTA-Präsident Steve Simon: „Wir werden nicht klein beigeben”

Steve Simon dagegen hat sich vom Regime in Peking weiter entfernt denn je. Der ehemalige US-College-Spieler, Adidas-Manager und Turnierdirektor von Indian Wells galt stets als unscheinbarer Organisator, der eher leise Töne anschlägt. Doch nun haut er so markige Sätze wie diese raus: „Wir werden nicht klein beigeben in dieser Angelegenheit. Wir sind bereit, alle Konsequenzen zu tragen.“ Wer sich kurz die Stimmung auf der WTA-Tour im ersten Coronajahr 2020 ins Gedächtnis ruft, wird sich vielleicht erinnern, dass Simon damals noch in der Kritik stand. Für seine Tatenlosigkeit, für seine Trägheit, weil auf der Damentour zu wenig passierte, um die Spielerinnen in Krisenzeiten zu unterstützen. 

Steve Simon

Starker Stratege: WTA-Boss Steve Simon (hier bei den WTA-Finals in Shenzhen 2019) hat durch den China-Konflikt an Profil gewonnen. Sein Motto: Prinzipien sind wichtiger als Geld.

Reichel: „Eine klare Entscheidung, sich gegen China zu positionieren“

Schnee von gestern. „Die WTA-Tour war wochenlang in allen Medien der Welt präsent, weil Steve Simon auf Aufklärung im Fall Peng Shuai gedrängt hat“, sagt der Österreicher Peter-Michael Reichel im Gespräch mit tennis MAGAZIN. Reichel sitzt seit 2000 im WTA-Board, dem höchsten Gremium der Damentour. Zusammen mit seiner Tochter Sandra, Turnierdirektorin am Hamburger Rothenbaum, gehört ihm die Vermarktungsagentur Match-Maker, die schon zahlreiche WTA-Events veranstaltet hat. Die große Medienpräsenz hätte, scherzt Reichel, dazu geführt, „dass uns nun weniger Fans mit der Herrentour verwechseln.“ Dann aber wird er wieder ernst und betont: „Wir haben als Organisation mit unserer klaren Haltung und dem Einstehen für unsere Werte an Reputation und Respekt in der gesamten Sportwelt gewonnen.“

Reichel weist darauf hin, dass es sich nicht um einen Alleingang von Simon handelte, sondern dass die gesamte WTA-Führungsriege diesen Kurs mitträgt: „Es war für das WTA-Board eine klare Entscheidung, sich gegen China zu positionieren.“ Die Gründe dafür erklärt er so: „Mit Peng Shuai hat eine unserer Spielerinnen nach eigenen Angaben sexuelle Übergriffe eines ranghohen chinesischen Politikers erfahren müssen. Das entspricht in keiner Weise unseren Leitlinien, zumal es kein Interesse an einer Aufarbeitung des Falls in China gibt.“ Allerdings hofft Reichel noch, dass man sich mit China in irgendeiner Form einigen wird. Ist es deswegen so still in der Sache geworden? Darauf antwortet er nicht. 

30 Millionen US-Dollar sollen aus China stammen

Auch Steve Simon will keine Statements zur aktuellen Situation abgeben. Er stehe für Fragen zum Thema derzeit nicht bereit, heißt es. Eine WTA-Sprecherin weist schließlich per E-Mail noch einmal daraufhin, dass die Turniere in China im Moment nur „ausgesetzt“ und nicht „gestrichen“ wären. Und weiter: „Wir hoffen, dass China noch reagiert und das Richtige tun wird.“ Was angesichts der festgefahrenen Lage aussichtslos erscheint. Zumal klar ist, dass Steve Simon – und damit die WTA – sich jetzt nicht mit halbgaren Kompromissen abspeisen lassen können. Das wäre nach den kernigen Worten Ende 2021 ein zu großer Imageverlust. 

Andererseits droht der Damentour ein immenser finanzieller Schaden. „Der Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, wird kompliziert und schwierig. Die tatsächlichen Verluste, die wir möglicherweise erleiden werden, sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar, aber sie werden für unsere Organisation erheblich sein“, räumt eine WTA-Sprecherin gegenüber tennis ­MAGAZIN ein. Wie viel Geld genau die WTA durch den Rückzug aus China verlieren wird, ist strittig. Feststeht, dass die Damentour zuletzt Gesamterlöse von rund 102 Millionen US-Dollar erwirtschaftet hat. Rund ein Drittel davon, etwa 30 Millionen US-Dollar, sollen aus China stammen, vermutet die Sports Illustrated. Das Wall Street Journal schätzt dagegen, dass die WTA im Reich der Mitte jährlich 20 Millionen US-Dollar generiert. „Die Zahlen sind viel zu hoch gegriffen, es ist deutlich weniger“, behauptet dagegen Peter-Michael Reichel, ohne konkreter zu werden.

Peng Shuai

Noch kein Rücktritt: Ihr letztes Turnier spielte Peng Shuai im Februar 2020 in Doha.

Der größte Siegercheck

Über Sponsoren und den Verkauf von TV/Streaming-Rechten nimmt die WTA den Großteil ihrer Erlöse ein. Hinzukommen Verträge mit Turnierveranstaltern, die der WTA über Lizenzgebühren auch Geld einbringen und insbesondere in China besonders hoch ausfallen. So soll etwa der chinesische Tennisverband der WTA 30 Millionen US-Dollar dafür gezahlt haben, dass in Peking ab 2009 eines der Top-Turniere der Damentour stattfindet, ein sogenanntes „Premier Mandatory Event“ (heute WTA 1000). Den Abschluss mit dem chinesischen Immobilienentwickler Glemdale für die Austragung der WTA-Finals in Shenzhen ab 2019 bis einschließlich 2028 taxierte das Sports Business Journal auf ein Gesamtvolumen von einer Milliarde US-Dollar.

WTA-Chef Simon pries den Deal als den „größten und bedeutendsten“ überhaupt in der Geschichte der WTA-Finals an. Damit wird das Saisonabschlussturnier „auf ein spektakuläres neues Niveau“ gehoben, stellte er in Aussicht. Entsprechend üppig fielen bei der Premiere 2019 in Shenzhen die Preisgelder aus. Insgesamt schüttete man 14 Millionen US-Dollar aus. Die Siegerin Ashleigh Barty erhielt mit 3,5 Millionen US-Dollar den größten Siegercheck, der jemals im ­Tennissport ausgezahlt wurde – geschlechter­übergreifend wohlgemerkt. 

Ersatzspielorte müssen gefunden werden

Was passiert nun mit dieser Cash-Cow der WTA-Tour? „Ich befürchte, dass es zur Klage des Veranstalters kommen wird“, verriet tennis MAGAZIN ein Kenner der Szene, der namentlich nicht genannt werden will. „Und dann werden möglicherweise weitere Veranstalter auf den Zug mit aufspringen.“ Die WTA wollte die Vorgänge rund um die WTA-Finals nicht kommentieren. 

Ungemach droht der Damentour auch von anderer Seite: den Sponsoren. Bis zum Bruch mit China waren auf der WTA-Website vier „Global Partners“ zu finden: der Automobilhersteller Porsche, der Softwarekonzern SAP (beide aus Deutschland), der US-Spezialist für Fitness-Tracker Whoop und die chinesische Streaming-Plattform iQiyi.

Seit Ende November 2021, kurz bevor klar war, dass die WTA die chinesischen Turniere 2022 aussetzen würde, ist das iQiyi-Logo von der WTA-Website verschwunden. Die WTA bestätigte den Vorfall gegenüber dem Wall Street Journal. Sie stellte zugleich klar, dass der Sponsorenvertrag weiterlaufen würde. iQiyi ist das chinesische Pendant zum Streaming-Giganten Netflix – mit dem Unterschied, dass dort auch viel Live-Sport für mehr als 500 Millionen Abonnenten gezeigt wird. Unter anderem: Damentennis. 2017 einigten sich WTA und iQiyi auf einen Zehn-Jahres-Vertrag. Bis zu 2.000 Damenmatches soll iQiyi jährlich zeigen. Wird der Streaming­partner nun den Stecker ziehen? 

Sponsoren können nur verlieren

Es wäre insbesondere für die restlichen Sponsoren ein weiterer Rückschlag, weil der chinesische Markt viel zu wichtig ist, um dort als Geldgeber einer Sportart plötzlich gar keine Präsenz mehr zu haben. „Sie sind letztlich in der Mitte gefangen“, umschreibt Steve Tsang, Direktor des SOAS China Institute in London, die Rolle der Sponsoren bei diesem Konflikt auf Anfrage von tennis MAGAZIN. Tsang, Politikwissenschaftler und China-Kenner, präzisiert: „Wenn sie die WTA weiter unterstützen, wird sie das Regime auf dem chinesischen Markt bestrafen. Wenn sie es nicht tun, könnten potenzielle Kunden aus westlichen Ländern ihre Produkte boykottieren.“ Heißt: Die Sponsoren können in diesem Zwiespalt eigentlich nur verlieren.

Beispiel & Folgen

Beispiel Porsche: Folgt das Unternehmen dem WTA-Kurs, wird es im riesigen China wohl weniger Autos verkaufen. Stellt es sich gegen die WTA, werden das viele Menschen in Demokratien so auffassen, dass der Autobauer nicht für Menschenrechte und westliche Werte einsteht – Folge: Der Auto-Absatz könnte in den USA und Europa schrumpfen. Es ist ein kaum zu bewältigender Spagat. „Sollte es dazu kommen, dass die chinesische Regierung Druck auf die Sponsoren ausübt, werden einige von ihnen das Land verlassen“, vermutet Tsang. In dieser vertrackten Lage möchte sich Porsche aktuell nicht zum Thema äußern. Software-Spezialist SAP teilt mit: „SAP ist seit vielen Jahren Partner der WTA. Wir unterstützen die Organisation weiter bei ihrer weltweiten Arbeit mit herausragenden Sportlern.“ 

Hinter den Kulissen der WTA arbeitet man indes an der Vervollständigung des Turnierkalenders für 2022. Bislang gibt es nur die Termine für die erste Jahreshälfte. Chinas Turniere starten traditionell erst ab September. „Wenn wir 2022 keine Veranstaltungen in China durchführen, werden wir zu gegebener Zeit einen alternativen Herbstkalender herausbringen“, teilt die WTA mit. Es müssen also schnell Ersatzspielorte gefunden werden, weil die Damentour die zehn Turniere, die eigentlich in China laufen sollen, 2022 austragen will – nur gegebenenfalls woanders. 

Kaum Zuschauer beim WTA-B-Finale in Zhuhai

„Wir haben einige interessierte Standorte, die für chinesische Turniere einspringen könnten. Ich denke, dass es bis spätestens Mitte März einen vollständigen WTA-Kalender für 2022 geben wird – egal, ob mit oder ohne Turniere in China“, sagt WTA-Board-Mitglied Peter-Michael Reichel. Sandra Reichel, Turnierdirektorin in Hamburg, betont im gemeinsamen Vater-Tochter-Video-Call mit tennis MAGAZIN: „Wenn wir etwas gelernt haben in den letzten beiden Corona-Jahren, dann ist das vor allem Flexibilität bei der Ausrichtung von Tennisturnieren.“ Wo genau die Spielorte liegen könnten, wollen Vater und Tochter aber nicht verraten, obwohl das Thema in den wöchentlichen WTA-Calls eine übergeordnete Rolle einnimmt.

Sandra Reichel sagt nur: „Europa und die USA sind nach wie vor die Kernmärkte. Sie könnten durch den Wegfall von chinesischen Turnieren noch weiter gestärkt werden. Interessante Märkte sind zudem Osteuropa mit Russland und Südamerika.“ Glaubt man den Spielerinnen, können sie gut auf Turniere in China verzichten. Auch wenn die Preisgelder hoch sind: Das Ambiente ist oft steril, die Stimmung lahm, weil die Arenen meistens erschreckend leer sind.

WTA-Tour Wuhan

Arena in Wuhan: Oft viele leere Sitze und keine Stimmung beim WTA-Event, das seit 2014 ausgetragen wird.

Kann die WTA auf China verzichten?

Als tennis MAGAZIN 2019 auf Einladung der Veranstalter die WTA-B-Finals in Zhuhai besuchte, guckten während der ersten Tage mehr Mitarbeiter des Turniers als Fans in der 5.000 Zuschauer fassenden Arena bei den Partien zu. Auf Nachfrage, warum so wenig Besucher kommen würden, hieß es: Das könne man sich auch nicht erklären. Eigentlich sind alle Karten verkauft. Später baten Pressedamen, man möge das Thema Fans in Artikeln doch bitte nicht erwähnen. Zu dem Zeitpunkt wurden ­bereits Schulklassen in die Arena kutschiert, damit mehr als 500 Zuschauer im ­Stadion saßen. 

Kann die WTA also auf China verzichten? Die WTA-Finals 2021 in Guadalajara (Mexiko) erlaubten einen ersten Ausblick darauf. Im Vergleich zu Shenzhen 2019 hatte sich zwar das Gesamtpreisgeld halbiert, die Stimmung dafür aber mindestens verdoppelt. Schon nach drei Tagen kamen so viele Fans zu den Matches wie in Shenzhen in einer ganze Woche.