Aufschlag im olympischen Park von Peking: Die Plätze, auf denen das olympische Tennisturnier 2008 stattfand, sind öffentlich zugänglich. Im Hintergrund: Der Centre Court der China Open mit 15.000 Sitzplätzen.

Tennismatches auf Chinesisch

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Wer als Deutscher in China auf Amateurlevel Turniere spielt, erlebt einige Überraschungen. Es gibt keine Altersklassen, Damen spielen auch gegen Herren und die Partien sind ultrakurz. Unser Autor über seine Erfahrungen, die er auf Tennisturnieren im Großraum Peking gesammelt hat.

Text & Fotos: Michael Szurawitzki
Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 3/2022

网牊:Wang Qiu – Netzball, so nennt man den Tennissport auf Chinesisch. „Und das geht dort ganz ohne Tisch?“, fragt sich vielleicht manch einer jetzt polemisch. Wenn man an China und Sport denkt, kommt man schnell auf Basketball, Volleyball, Badminton und natürlich Tischtennis, die populärsten Sportarten im Reich der Mitte. Tennis fällt nur Wenigen auf Anhieb ein. Zu Unrecht. 

Tennis boomt in China – insbesondere als Breitensportart. Das zeigt die Zahl der aktiven Spieler: Laut internationalem ­Tennisverband ITF und seinem Global Tennis Report von 2021 gibt es etwa 87 Millionen Tennisspielerinnen und -spieler weltweit. 20 Millionen davon sind Chinesen. Nur in den USA spielen noch mehr Menschen aktuell Tennis: 21,8 Millionen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 4,5 Millionen. Während hierzulande Tennis hauptsächlich in Vereinen gespielt wird, findet es in China meistens auf öffentlichen Anlagen statt. 50.000 Courts gibt es in China, aber nur 800 Clubs. Universitäten etwa haben oft „Campus Courts“, in größeren Städten gibt es viele „Public Courts“. Wer in China ein heimeliges Clubumfeld mit Gastronomie und Geselligkeit wie in Deutschland sucht, wird enttäuscht. Es gibt dort meistens nur das Wesentliche, um ein Match zu spielen: Platz (fast immer Hardcourt) mit Netz, Linien, Zaun und Flutlicht. Manchmal noch Sitzbänke und ein Hallendach – mehr nicht. Umkleiden oder Duschen sind oft nicht vorhanden. Getränke spendet der Automat, wenn einer da ist. Trainer gibt es, aber sie sind sehr teuer. Manche Coaches nehmen bis zu 100 Euro für eine Stunde Einzeltraining (ohne Platzmiete!). Und wer Pech hat, gerät an Schleifer, die ihre manchmal sehr jungen Schützlinge stundenlang nur um den Platz laufen oder Schattentennis spielen lassen. Ich habe mir schnell eine Ballmaschine zugelegt, solides chinesisches Fabrikat. Mit der kann ich gut trainieren – und mich auf Turniere vorbereiten. Tennis, so könnte man meinen, wird immer und überall gleich gespielt – nicht aber in China. 

Ein Turnier dauert fünf bis sechs Stunden

Die nationalen Turniere, an denen ich seit November 2020 teilnahm, laufen vollkommen anders ab als die bei uns so beliebten Leistungsklassen- oder Rang­listenturniere. Was ich im Großraum Peking auf den Turniercourts erlebte, ist neu, erfrischend und zur Nachahmung empfohlen. Gerade wenn man den einst so elitären Tennissport in Deutschland speziell für Jugendliche und Neueinsteiger attraktiv machen möchte. 

Posen nach dem Training: Unser Autor Michael Szurawitzki (45) mit einem seiner jüngeren Spielpartner in Peking.

Wie läuft ein gewöhnliches Turnier in China also ab? Die Anmeldung erfolgt per App. Man kann nach Turnieren suchen, die nach selbsteingeschätzten Leistungs­kategorien geordnet sind. Bei allzu falschen Einschätzungen korrigiert sich das System und stuft einen Spieler nach einigen Tunieren richtig ein. Die Anzahl der Turniere ist schier unendlich. Allein im Großraum Peking kann man jeden Tag mehrere Wettbewerbe spielen. Die Meldegebühren (ca. 25€) bezahlt man vorab innerhalb der App. Die Koordinaten des Turnierorts sind in der App hinterlegt. Sie navigiert einen quasi zum ersten Match. So ist die Anreise kein Problem. Der Zeitaufwand ist überschaubar: Während etwa deutsche Ranglistenturniere sich über eine ganze Woche hinziehen und man bei Tages-LK-Turnieren zwei Matches mit einigen Stunden Unterbrechung spielen muss, sind die Turniere in China meist eine Sache von fünf bis maximal sechs Stunden: vom obligatorischen Gruppenfoto zu Beginn bis zum verwandelten Matchball im Finale.

Es gibt keine Altersklassen

In der dynamischen und schnell­lebigen chinesischen Gesellschaft hat niemand so viel Zeit, wie sie bei deutschen Turnieren nötig ist. Entsprechend kommen Matches in gewohnter Länge nicht in Frage. Dafür haben sich die verschiedenen Turnierveranstalter – wie etwa tennis123.net – ein besonderes Spielsystem ersonnen. Es gibt keine Altersklassen. Turniere werden in einer offenen Klasse gespielt. Youngster treffen hier auf gesetztere Jahrgänge, alles ist bunt durcheinandergemischt. Auch eine Geschlechtertrennung fällt weg – zumindest im unteren und mittleren Amateurbereich. Das bedeutet, ganz im Sinne der Gleichberechtigung, dass man als Mann gegen Damen oder Mädchen anzutreten hat. Das ist, wenn man es nicht gewohnt ist, auch eine mentale Herausforderung. Wann spielt man schon ein echtes Match gegen einen Gegner des anderen Geschlechts? 

Auch das Turnierformat an sich ist gewöhnungsbedürftig. Meistens treten acht Spielerinnen und Spieler in zwei Vorrundengruppen à vier Personen gegeneinander an. In der Gruppephase sind somit drei Matches garantiert. Diese Partien werden als ein kurzer Satz bis vier ausgespielt und enden zum Beispiel mit 4:2. Bei 3:3 wird ein Tiebreak bis sieben gespielt. Eingespielt wird sich nur kurz, öfter entfällt bei strenger Turnierleitung die Einschlagzeit komplett. Die Aufschlagwahl läuft per Schnick-Schnack-Schnuck. Bei knapper Zeitplanung in der Halle wird oft die „No Ad“-Regel angewendet: Ein Punkt bei Einstand entscheidet also über den Spielgewinn. Aufgeschlagen wird pro Match nur mit zwei anfangs neuen Bällen, die auf den Hartplätzen sehr schnell abgespielt werden. Ist die Gruppen­phase absolviert, schließen sich ohne große Pause die Halbfinals an: Die Gruppenersten spielen gegen die Gruppenzweiten. Die Turniere kulminieren dann in den Finals, die unter der Woche erst weit nach Mitternacht enden. 

Ergebnisübertragung via App

Mein denkwürdigstes Turnier spielte ich kurz vor Weihnachten 2020. Um neun Uhr morgens stand mir auf einem lackierten Hartplatz, der sich unter einer mehrspurigen Hochstraße im Norden Pekings befand, ein 14-jähriger Junge gegenüber, der seinen Coach mitgebracht hatte. Ich hatte zwei Matchbälle bei 3:2, vergab sie und verlor im Tiebreak. Im Finale sahen wir uns aber einige Stunden später wieder und ich gewann 4:2.

Mann gegen Frau: Auf den unteren Ebenen wird in China geschlechter- und auch altersübergreifend gespielt. Zum Tennisalltag gehören auch gemischte Doppel wie hier auf den ­„Campus Courts“ des Beijing ­Institute of ­Technology, dem Arbeitgeber ­unseres Autors (li.).

Direkt nach dem Match übertragen die Akteure das Ergebnis via App. Vor dem Halbfinale und nach dem Finale gibt es noch Fototermine. Sieger (oft ein Handtuch) und Finalist (oft eine Tenniszeitschrift) bekommen Preise und Urkunden. Alle Fotos werden auf dem Social-Media-Kanal des Veranstalters veröffentlicht. Manchmal sind dort auch Siegerstatements zu lesen, die man nach Aufforderung verfassen darf. Tagesaktuelle Ranglisten, nach Städten, Provinzen und Leistungsniveaus geordnet, sowie persönliche Statistiken sind alle in der App nur einen Klick entfernt. Social Media spielt ohnehin eine große Rolle im chinesischen Tennis. So verbringen manche Turnierspieler einen Teil der Einschlagzeit damit, ihr Smartphone-Stativ aufzubauen, um die eigene Partie auf frei zugänglichen Streamingservern potenziell in die ganze Welt zu übertragen und sich in schicken Outfits, die teils detailgetreu zu den ATP- und WTA-Stars passen, zu präsentieren. 

In China wird Tennis weiterwachsen. Ein Grund dafür ist die immer reicher werdende, gut gebildete Mittelschicht in China, die großen Gefallen am Tennissport findet. Tennis ist kein billiger Sport in China. Zum teuren Training kommen hohe Platzmieten, die in der Halle bei 40 Euro pro Stunde liegen können. Auch die Ausrüstung ist teurer als in Europa. Wenn man in China Turniere spielt, trifft man auf gut situierte Gegner und Gegnerinnen, die häufig international orientiert sind und sehr gut Englisch sprechen. In den Apps findet man sie meist nur mit Nicknames, nicht mit dem Klarnamen. Mein Spitzname ist übrigens Michael ”国; Michael Deutschland. 

Über den Autor

Michael Szurawitzki

Michael Szurawitzki, 45, lebt in Essen und Peking. Er ist Hochschullehrer für Germanistik und doziert u.a. am Beijing Institute of Technology. Er spielt in der Herren 40-Verbandsliga für GW Ratingen (LK 5,2), besuchte schon alle vier Grand Slam-Events und nimmt an nationalen und internationalen Turnieren teil. Auch seine Kinder spielen Tennis. Sie lernten es in China. Auf Instagram kann man ihm unter @mszurawi folgen.