Roberto Carretero – Das größte One-Hit-Wonder im Tennis
Roberto Carretero gewann vor 30 Jahren sensationell das Masters-Turnier in Hamburg. Anschließend stürzte der Spanier brutal ab.
Wenn die Tennisfans auf der Anlage am Hamburger Rothenbaum den Gang direkt am Centre Court entlangschreiten und einen Blick auf die Wand mit den zahlreichen Porträtfotos der Sieger des traditionsreichsten deutschen Tennisturniers anschauen, dann wird den meisten sicherlich ein Gesicht und ein Name auffallen.
Nicht, weil es das Gesicht eines der Topstars der Tennisszene ist, sondern ein Spieler, den heute kaum noch jemand kennt – und damals vor 30 Jahren auch völlig unbekannt war. Sein Name: Roberto Carretero. Wenn das Label One-Hit-Wonder auf einen Tennisspieler perfekt passt, dann auf ihn. Carretero tanzte im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Turnier. Er kam, spielte, siegte und verschwand dann auch schnell wieder.
Roberto Carretero: Neun Sieg bis zum Titel in Hamburg
Beim Masters-Turnier 1996 am Hamburger Rothenbaum tauchte der 20-jährige Spanier wie Phönix aus der Asche auf. Als Qualifikant und mit Platz 143 in der Weltrangliste erreichte er das Hauptfeld und setzte dort seinen Siegeszug fort. Nach neun Siegen (drei in der Qualifikation, sechs im Hauptfeld) stand Carretero mit dem Titel da – als erster Qualifikant in der Masters-Geschichte.
Im Halbfinale schlug er Yevgeny Kafelnikov. Im Finale vernaschte er Landsmann Alex Corretja. Carretero war dermaßen überrascht von seinem Sensationscoup, dass er beinahe die Siegerehrung verpasste, als er gewohnheitsmäßig nach dem Matchball die Tasche packte und gehen wollte.

Roberto Carretero besiegte im Hamburg-Finale 1996 seinen damals noch eher unbekannten Landsmann Alex Corretja.Bild: Imago/Claus Bergmann
Der Titelgewinn am Hamburger Rothenbaum sollte der Startschuss einer glanzvollen Karriere von Carretero sein, zumindest auf Sand. Der Spanier hatte drei Jahre zuvor das Juniorenturnier bei den French Open gewonnen. Was nach dem Turniersieg in Hamburg folgte, war ein Absturz, der seinesgleichen sucht.
Roberto Carretero: Absturz und mentale Probleme
Bei den anschließenden French Open schied Carretero in der ersten Runde aus. Es dauerte einige Monate, bis der Spanier wieder ein Spiel auf der ATP-Tour gewinnen konnte. Als Carretero ein Jahr später nach Hamburg zurückkehrte, hatte er im Jahr 1997 nicht ein Match gewonnen. Am Rothenbaum stoppte er zumindest mit einem Sieg gegen Jens Knippschild die Negativserie. Es folgte anschließend die klare Niederlage gegen Landsmann Felix Mantilla.
Neben vielen Verletzungen („Ich hatte seit meinem 13. Lebensjahr Probleme mit der Schulter, und in diesem Sport ist es unglaublich schwer, wenn man nicht regelmäßig trainieren kann“) spielte Carreteros mentale Gesundheit nicht mit. Immer wieder rastete der Spanier auf dem Platz aus und zerstörte einige Schläger.
„Was heute als psychische Probleme diagnostiziert wird, wurde damals noch gar nicht als solches wahrgenommen. Die Leute sagten einfach nur: ’Was ist denn mit dem los?’ Aber ich hatte mit etwas sehr Realem zu kämpfen. Ich begann, an mir selbst zu zweifeln, und dachte, ich wäre dafür nicht geeignet, obwohl ich das Potenzial hatte, unter die Top Ten zu kommen. Das ist für einen 20-Jährigen schwer zu verkraften“, blickte er in einem Podcast auf seine Karriere zurück.
Nach seinem Coup in Hamburg im Jahr 1996 erreichte der Spanier mit Position 58 seine höchste Platzierung in der Weltrangliste. Ein Jahr später war er nur noch die Nummer 334 im ATP-Ranking. Carretero kam in den folgenden Jahren nicht mehr in die Nähe der Top 100 und spielte im Jahr 2001 sein letztes Karrierematch. Den Titel als größtes One-Hit-Wonder im Tennis wird ihm sicherlich nicht mehr zu nehmen sein.
