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TuS Sennelager in der Bundesliga: Durchmarsch auf dem Dorf

Ein Verein mit 70 Mitgliedern und drei Plätzen spielt 2019 in der Bundesliga. Der Aufstieg des TuS Sennelager grenzt an ein Wunder. Auf der Suche nach Erklärungen haben wir den Club in der Nähe von Paderborn besucht.

(Dieser Text erschien im Original in Heft 7/2019 am 20. Juni 2019; Fotos: Frank Lohse)

An eine Frage haben sie sich in der Tennisabteilung des TuS Sennelagers in all den Jahren gewöhnt: „Wo sind denn eigentlich eure anderen Plätze?“ Das wollten immer mal wieder die Gegner in der Verbands-, in der Westfalen-, in der Regional- und natürlich auch in der zweiten Liga wissen. Die Frage liegt jedem auf der Zunge, der den Club besucht – selbst dann, wenn man genau weiß, was hier, auf dieser Anlage am Ende einer Anliegerstraße am Rande eines Waldstücks, in den letzten Jahren passiert ist. Manche nennen es „Wunder“, andere sprechen von einer „Sensation“. Fakt jedenfalls ist: Der TuS Sennelager wird 2019 in der Herren-Bundesliga antreten.

Was umso erstaunlicher ist, wenn die Verantwortlichen vom TuS Sennelager die so oft gehörte Eingangsfrage beantworten: „Wir haben nur diese drei Plätze!“ Ein Bundesligist mit drei Courts, auf denen 70 Mitglieder spielen – kleiner war noch kein Verein im Oberhaus. Es ist, nun ja, tatsächlich ein Wunder, was sich dort in Ostwestfalen, am Stadtrand von Paderborn, abgespielt hat. Wer jetzt mit dem typischen Vorurteil um die Ecke kommt, dass da bestimmt nur ein Mäzen seine Kohle zum Fenster rauswirft, um sich ein Team zusammenzukaufen, mit dem er vielleicht sogar Deutscher Meister werden kann, macht es sich zu einfach. Klar, auch in Sennelager geht nichts ohne Sponsoren. Aber der vielfach erhobene Vorwurf einer „Söldnertruppe“ greift zu kurz.

Sennelager: In der Bezirksliga 2012 unterfordert

„Wir haben das in den letzten Jahren so oft gehört – und es ist einfach falsch“, sagt Marius Kur (41), Trainer des Bundesliga-Teams. Er kam 2011 nach Sennelager, als der kleine Verein mit Auflösungserscheinungen zu kämpfen hatte. Die erste Herren-Mannschaft hatte den Club geschlossen verlassen, weniger als 40 Mitglieder blieben noch übrig. Clubtrainer Marc Renner (34), selbst ein ordentlicher Spieler mit Zweitliga-Erfahrung, und Ralf Hämmerling (62), ein erfolgreicher Logistik-Unternehmer aus Sennelager, suchten gemeinsam nach Lösungen, um dem Verein neues Leben einzuhauchen. Ihre Idee: Eine spielstarke Herrentruppe aufzubauen, die langfristig in der Westfalen-Liga, der höchsten Klasse im Westfälischen Tennis-Verband, mitspielt. Renner nutzte sein privates Netzwerk, rief alte Tenniskumpels an und aktivierte ehemalige Mannschaftskollegen.

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TREFFPUNKT TENNISCLUB: In der Region Ostwestfalen hat es sich rumgesprochen, dass es in Sennelager feinstes Tennis gibt. Weil die Anlage für Erstligatennis allerdings zu klein ist, wird 2019 beim großen Paderborner TC Blau-Rot gespielt.

So landete auch Coach Kur in Sennelager, der sich anfangs noch selbst auf den Platz stellte. Die zusammengewürfelten Spieler waren zwar schon etwas älter (Renner: „Die meisten hätten bei den Herren 30 auflaufen können“), aber auch äußerst erfahren. Kur etwa war ein richtig guter Jugendspieler. 1989 verlor er beim Nationalen Jüngstenturnier in Detmold gegen einen gewissen Tommy Haas im Halbfinale. Später war er sogar als Profi unterwegs. „Wir kamen damals alle nach Sennelager, um unseren Spaß zu haben, Geld spielte da keine Rolle“, sagt Kur heute. Und Hämmerling ergänzt: „Es war auch eine Menge Trotz damals dabei. Wir wollten den Abtrünnigen zeigen, dass wir auch ohne sie nach oben kommen.“

Das Team startete 2012 in der Bezirksklasse – und war komplett unterfordert. Schon in der Anfangsphase kam der Begriff der Söldnertruppe auf. „Ich musste mir damals von einem Gegner anhören, den ich 6:0, 6:0 geschlagen hatte, warum ich für so einen Dorfclub überhaupt auflaufen würde“, erinnert sich Kur. Der Sprung in die Bezirksliga war reine Formsache. Dass diesem Aufstieg noch sechs weitere in Serie folgen sollten, war damals nicht absehbar. „Ich hätte niemals gedacht, dass dieses Projekt mal solche Ausmaße annimmt“, beteuert Renner, mittlerweile der Teammanager vom TuS Sennelager.

Die Anfangsformation spielte zwei Jahre zusammen, dann kamen die ersten neuen Spieler hinzu. „Es hatte sich herumgesprochen, dass sich bei uns etwas tut“, erklärt Renner. Sennelager wurde stärker, die nächsten Aufstiege folgten und mit ihnen wuchs auch der Neid und die Häme der arrivierten Großclubs aus der Region.

Sennelager und die Tennis-Base Germany

„Wir wurden am Anfang schon stark belächelt. Niemand traute uns zu, dass wir hier etwas Nachhaltiges aufbauen würden“, blickt Renner zurück. Als Sennelager 2015 in die Westfalen-Liga aufstieg, vertiefte man die Zusammenarbeit mit Coach Kur, Gründer der Tennis-Base Germany in Münster. Kur und Renner boten jungen Spielern an, nach Sennelager in eine Tennis-WG zu ziehen. Ihr Angebot: Die Spieler können dort kostenfrei wohnen, erhalten mehrmals am Tag Training, werden bei Turnieren unterstützt und spielen im Gegenzug für die Herren-Teams des TuS Sennelager, von denen es 2019 fünf (!) gibt – allerdings ohne dafür Gehälter oder Prämien zu kassieren. „Die Spieler können sich bei uns in aller Ruhe entwickeln“, meint Kur.

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GROSSER ANDRANG IN SENNELAGER: Bei den Heimspielen in der zweiten Liga wurden die Parkplätze rund um die Sportanlage knapp.

Das Haus für die Tennis-WG hat Ralf Hämmerling zur Verfügung gestellt. Die Spieler können kostenfrei in der Kantine seiner „Hämmerling Group“ essen. „Meine Mitarbeiter finden es toll, wenn sie beim Mittag plötzlich neben einem Tennisprofi aus Asien sitzen“, erzählt er. Tatsächlich ist die Tennis-WG in Sennelager international besetzt, deutsche Spieler sind nicht dabei. „Wir wollen niemandem etwas unterstellen, aber den Deutschen fehlt bei uns wohl der finanzielle Anreiz“, vermutet Kur.

So sind derzeit ein Japaner, ein Australier, ein Portugiese und ein Spieler aus Uganda in dem Hämmerling-Haus untergebracht. „Es kommen auch öfter Spieler blockweise zu uns. Wenn das Haus dann voll ist, pennen die auch schon mal bei mir“, sagt Renner. Noch sind die Spieler jenseits von Position 1.000 in der Weltrangliste platziert. „Aber die Jungs sind heiß, pushen sich gegenseitig und wollen sich täglich verbessern“, behauptet Kur.

Sennelager mit 50 Sponsoren

Finanziert wird das Konstrukt zum einen durch den Hauptsponsor Hämmerling. Hinzukommen kleinere Sponsoren, wie etwa der Rewe-Supermarkt vor Ort, in dem die Spieler Gratis-Essenspakete bekommen. Die Tennis Base Germany wiederum betreut mittlerweile an drei Standorten 30 ambitionierte Talente mit professionellem Coaching. Auch durch diese Einnahmen wird das subventionierte Training der Jungprofis in Sennelager möglich.

„Wir arbeiten hier auf Sparflamme“, versichert Hämmerling, der auch den Fußball-Bundesliga-Aufsteiger SC Paderborn finanziell unterstützt. „Das ist weit weg von den hochgezüchteten Tennis-Akademien, die man so kennt.“ Er verfolgt einen langfristigen Ansatz und will die Sponsoren auf eine breite Basis stellen. Dafür hat er Nico Ruthmann mit der Akquise betraut. „Wir haben schon über 50 Partner“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Dennoch hat Sennelager mit 100.000 Euro den kleinsten Etat aller Erstligateams. Mannheim oder Kurhaus Aachen verfügen über die fünffache Summe.

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ZAUNGÄSTE: Der Mann in der Mitte, Ralf Hämmerling, ist mit seinem Logistik-Unternehmen „Hämmerling Group“ der wichtigste Sponsor des TuS Sennelagers.

Lange war es gar nicht klar, ob Sennelager das Abenteuer erste Liga überhaupt wagen sollte. Schon für die zweite Liga gab es wegen der kleinen Außenanlage und der zu weit entfernten Ausweich-Halle bei Regen eine Ausnahmegenehmigung vom Deutschen Tennis Bund. Für die erste Liga aber bietet das eigene Clubgelände nun endgültig zu wenig Platz. „Wir müssten mehr Trainingsplätze, mehr Toiletten und mehr Parkplätze bereitstellen“, zählt Renner auf.

Sennelager spielt die Heimspiele in Paderborn

Seine Heimspiele bestreitet Sennelager deswegen beim TC Blau-Rot Paderborn, zu dem 13 Außenplätze und eine Tennishalle gehören. Der Großclub hilft dem Dorfverein: Das ist ein Novum in der ersten Liga. Und es zeigt, dass der anfängliche Argwohn in der regionalen Tennisszene gegenüber dem TuS Sennelager nun verflogen ist – besser so.

Kann Sennelager in der ersten Liga nun für die nächste Überraschung sorgen? Geht man nominell nach den Teamaufstellungen (s. Seite 76), ist der TuS ein Außenseiter. Man hat keinen absoluten Top-Spieler verpflichtet, sondern ist seiner Philosophie treu geblieben. Jozef Kovalik aus der Slowakei wird an eins spielen. Dahinter läuft der Franzose Antoine Hoang auf, der sein drittes Jahr in Sennelager bestreitet. „In den letzten Jahren ging es uns in erster Linie um den Klassenerhalt. Am Ende sind wir dann doch immer aufgestiegen, weil unsere Jungs alles gegeben haben“, gibt Renner zu bedenken.

Bedeutet: Man sollte seine Truppe keinesfalls unterschätzen – auch wenn der Verein nur drei eigene Tennisplätze hat.