Aufschlag_Entwicklung_Geschichte

Vom Einwurf zum Geschoss – die Entwicklung des Aufschlags

Der Aufschlag als ­Waffe ist eine junge Innovation der ­Tennis­geschichte. ­Die Eröffnung des Spiels war über Jahrhunderte harmlos. Über die Evolution 
eines besonderen Schlags

(Dieser Text erschien ursprünglich in der tennis MAGAZIN-Printausgabe 7/2020)

Als 1890 das Buch „Tennis, Lawn ­Tennis, Rackets and Fives“ von John Moyer Heath­cote erschien, widmete der englische Tennisspieler und Rechtsanwalt ein Kapitel den aktuellen Entwicklungen im“ Lawn Tennis“, wie der Tennissport damals genannt wurde. Zur Einordnung: Lawn Tennis, 1874 vom findigen Major Wingfield durch ein praktisches Set mit Schlägern, Bällen und Netz für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht, erlebte zu jener Zeit einen Boom und Wimbledon hatte sich schon als Tennis-Hochburg etabliert.

Heathcote nun warnte vor dem zu­nehmenden „Übergewicht des Aufschlags“. Er empfahl Regeln, um den ­„modernen Überkopf-Aufschlag“ zu entschärfen. Es ­begann eine Diskussion um Netzhöhen, Begrenzungen auf nur einen Aufschlag und kleinere Service­felder.

Die Sonderstellung des Aufschlags

Schon damals wurde die Sonderstellung des Aufschlags deutlich, an der sich bis heute kaum etwas geändert hat. Am Ende des 19. Jahrhunderts allerdings befand sich Tennis in einem grundlegenden Prozess des Umbruchs. Von einer sportiven Freizeitbeschäftigung für besser gestellte Kreise wurde eine sich rasant entwickelnde Sportart. Als Gradmesser dafür dient kein Schlag besser als der Aufschlag.

Als 1877 zum ersten Mal das Wimbledonturnier ausgerichtet wurde, ­servierten noch alle Teilnehmer von unten und ­duellierten sich in ewig langen Ballwechseln von der Grundlinie. Im „Jeu de Paume“ (Spiel mit der Handinnenfläche), das um 1250 entstand, und auch im Ballhaus­tennis der ­Adligen (16. Jahrhundert), aus dem das heutige Real ­Tennis hervorging, war der Aufschlag eine einfache Spieleröffnung, die von ­unten erfolgte. Es war ein besserer Einwurf, der beim „Jeu de Paume“ wörtlich zu nehmen ist, weil man es noch ohne Schläger, sondern nur mit der Hand spielte.

Aufschlag Entwicklung

WIE ALLES ­ANFING: Beim „Jeu de ­Paume“, dem Tennis-Vorgänger, wurde der Ball per Hand von unten nach oben eingeworfen. Die Abbildung (angefertigt um 1300) zeigt die älteste Darstellung eines Tennis- Aufschlags (linke Zeichnung). WIE IN ALTEN ZEITEN: Beim Real Tennis, das im Gegensatz zum modernen Lawn Tennis nach uralten Regeln gespielt wird, serviert man auch heute noch stets von unten. Das Foto stammt aus dem Leamington Spa Court Tennis Club und entstand in den 70er-Jahren (Foto rechts).

Doch schon ein Jahr später, 1878, ist in historischen Quellen erstmals von einem gewissen A.T. Myers die Rede, der den Aufschlag von oben ausführte. Myers aber war ein zu schlechter Spieler, um mit seiner Servicevariante bekannt zu werden. 1881 allerdings sollen alle Topspieler, die sich in Wimbledon versammelten, schon von oben aufgeschlagen haben.

Eine wegweisende Rolle kommt dabei den englischen Zwillingsbrüdern William und Ernest Renshaw zu, die den „Overhead-Service“ zu einem regelrechten „Hammer“ weiterentwickelten. Die Renshaw-Zwillinge dominierten das Wimbledonturnier in den 1880er-Jahren, William holte den Einzeltitel siebenmal, Ernest einmal. Neben dem Aufschlag von oben führten sie den Schmetterball ein, den „Renshaw-Smash“. Und sie krempelten mit ihrem offensiven Flugballspiel die Taktik des Lawn-Tennis um.

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ENGLISCHE REVOLUTIONÄRE: Die Renshaw-­Zwillinge William (li.) und Ernest führten in den 1880er-Jahren das Lawn-Tennis in die Moderne. Sie perfektionierten das Überkopf-Spiel mit Schmetterbällen und Aufschlägen von oben.

„Die Renshaws revolutionierten das ­Tennis. Was sie an Schlägen einführten, muss man als kopernikanische Wende des Tennis­sports bezeichnen“, sagt Heiner ­Gillmeister im Gespräch mit tennis MAGAZIN. ­Gillmeister ist Tennishistoriker und hat mit seinem Buch ­„Kulturgeschichte des ­Tennis“ (1990) ein Standardwerk verfasst. 2017 brachte er ­„Tennis. A Cultural History“ auf Englisch ­heraus. ­Darin beschreibt er auch die Renshaw-
Brüder. ­

Gillmeisters Fazit: „Sie ­waren ihrer Zeit voraus. Sie analysierten ihr eigenes Spiel und das ihrer Gegner. Die Winter­monate verbrachten sie an der französischen Riviera, um dort an ihren Schlägen zu feilen.“ Als sie ihr perfektioniertes Überkopf-Spiel in Wimbledon abfeuerten, waren die Rivalen geschockt. Ihre Aufschlagart wurde als „rohe Gewalt und pure Ignoranz“ abgetan. Doch die von ihnen in Gang gesetzte Revolution konnte niemand mehr aufhalten.

„Komplett unspielbare Aufschläge“

Als William Renshaw, 15 Minuten älter als sein Zwillingsbruder und der bessere Spieler von beiden, 1881 im Wimbledon-Finale 6:0, 6:1, 6:1 gegen den angeschlagenen John T. Hartley in nur 37 Minuten gewann – bis heute das ­kürzeste Herrenfinale der Wimbledon-Geschichte! –, war Lawn-Tennis durch sein schnelles, aggressives Serve-and-Volley-Spiel in der Moderne angekommen. Ab 1882, so berichtet es John Moyer Heath­cote, „kam der Überkopf-Aufschlag überall zum Einsatz – selbst beim zweiten Service.“ Niemand allerdings schlug so stark auf wie William Renshaw, der seinen Gegnern „komplett unspielbare Aufschläge“ ins Feld hämmerte.

Nach der Renshaw-Ära waren es vor allem US-Spieler, die die Entwicklung des Aufschlags vorantrieben. Dwight Davis, der Erfinder das Davis Cups, gab seinen Aufschlägen in den 1890er-Jahren jede Menge Seitwärtsdrall mit auf den Weg. Er orientierte sich am „Curve Ball“ des Baseballs. Dabei schleudert der Werfer den Ball bogenförmig in Richtung des Fängers.

Das Zeitalter der US-Aufschläger

„Durch Baseball wurden die Amerikaner bessere Aufschläger als die Europäer“, behauptete 2011 John Faribault von der Baylor University in der New York Times. Faribault, Dozent für „Human Performance“, vermutet, dass die damals populären Sportarten in Europa, Fußball und Cricket, zu wenig den Wurfimpuls für einen Aufschlag schulten.

Faribaults Fazit: „Der Aufschlag ist eine nach oben gerichtete Wurfbewegung. Wer als Kind Baseball spielte, war deswegen im Vorteil beim Aufschlag.“ Als 1900 der erste Davis Cup zwischen den USA und England in Boston ausgetragen wurde, hatten die Gäste keine Chance. Sie scheiterten auch an dem erst kürzlich von Holcombe Ward erfundenen „American Twist“-Aufschlag.

Das Zeitalter der US-amerikanischen ­Service-Spezialisten prägte danach ­Maurice McLoughlin, der „kalifornische Komet“, dessen Aufschläge wie Kanonenkugeln beim Gegner einschlugen. McLoughlin war das Vorbild für einen der besten Spieler des 20. Jahrhunderts: William Tilden, besser bekannt als „Big Bill“. Mit knapp 1,90 Meter Köperlänge war er für damalige Verhältnisse riesig. Durch Athletik und Technik soll er den Ball beim Aufschlag in Höhen von knapp 2,90 Meter getroffen haben, schreibt Frank Deford in seinem Tilden-Buch „Die Triumphe und die Tragödie“.

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SPRINGINSFELD: Ellsworth Vines aus den USA (hier bei einem Smash) gilt als erster Aufschlag-Spezialist der Tennisgeschichte. Im Wimbledon-Finale 1932 soll er in zwölf Aufschlagspielen 30 Asse serviert haben.

Tildens Kanonenaufschläge waren in den 1920er-Jahren umso erstaunlicher, weil er beim Service nur einen Fuß vom Boden lösen durfte – so schrieben es die Regeln vor. Auch Ellsworth Vines besaß einen mörderischen Aufschlag. Im Wimbledon-Finale 1932 soll er Bunny Austin mit 30 Assen in zwölf Aufschlagspielen abgefertigt haben. „Ich sah, wie er seinen Schläger schwang. Dann hörte ich nur, wie der Ball hinter mir gegen die Bande knallte. Gesehen habe ich den Ball nicht“, sagte Austin über das Service von Vines.

Pancho Gonzales war in den 50er-Jahren der beste Spieler der Welt. Sein Aufschlag war Ästhetik pur. US-Trainerlegende Vic ­Braden bewunderte „die rhythmische ­Geschmeidigkeit“ seiner Bewegung. Ohne ein Zeichen von Anstrengung „haute er noch im fünften Satz Bombenaufschläge raus“.

Der Absprung beim Aufschlag: erst seit 1961 erlaubt

1961 erlaubte der Tennis-Weltverband den Absprung mit beiden Füßen beim Aufschlag. Die Profis nahmen davon kaum Notiz, weil sie ihre Technik nicht ändern wollten. Erst in den 70er-Jahren fielen Arthur Ashe und später John McEnroe mit „Jump-Serves“, also Aufschlägen im Sprung, auf. Diese Technik sowie der technologische Fortschritt bei Rahmen und Saiten machten den Aufschlag endgültig zum wichtigsten Schlag im Tennis.

Bestes Beispiel in der 70er-Jahren war Roscoe Tanner: Der Linkshänder aus den USA soll 1978 in Palm Springs mit 246 Stundenkilometern serviert haben. Auch wenn die Geschwindigkeitsmessungen damals noch nicht voll vertrauenswürdig waren: Der Aufschlag von Tanner war furchteinflößend. Profikollege Fred Stolle beschrieb ihn einmal so: „Das Geheimnis von Roscoes Aufschlag ist nicht, wie hart er den Ball trifft – sondern wann. Roscoe trifft den Ball im Aufsteigen. Die meisten anderen Spieler erwischen den Ball auf seinem höchsten Punkt oder kurz danach. Das bedeutet, dass Roscoe den Ball früher trifft, als sein Gegner es erwartet, und wenn er nicht voll bereit ist, zischt der Ball an ihm vorbei.“

„Ein Bombenaufschlag als Voraussetzung für einen guten Spieler ist heute selbstverständlich. Betrachtet man aber die Tennis­geschichte, ist das ein neues Phänomen“, betont Historiker ­Gilmeister. Die Ära der Aufschlag-Giganten begann mit Boris Becker in den 80er-­Jahren. Pete Sampras, Goran Ivanisevic, ­Richard ­Krajicek und Andy Roddick folgten. ­„Monster-Aufschläger“ wie Ivo Karlovic, John Isner oder Reilly Opelka, die von ihrer extremen Körperlänge profitieren, läuteten die nächste Stufe ein. Aus dem Einwurf zur Spieleröffnung ist ein auf den Punktgewinn ausgerichtetes Geschoss geworden.

In der 90er-Jahren, gute 100 Jahre nach den Warnungen von Mister Heath­cote, befürchteten Tennis-Funktionäre, dass der Aufschlag zu dominant sei. Der Grund: Im Wimbledon-Finale 1994 zwischen Pete Sampras und Goran Ivanisevic konnte man die Ballwechsel von mehr als drei Schlägen an zwei Händen abzählen. Daraufhin wurden die Courts langsamer, die Bälle weicher. Aufschläge aber – das zeigt die Historie – wurden vor allem: noch schneller und härter.

Diese Spieler prägten die Entwicklung des Aufschlags maßgeblich:

Bill Tilden (1919)

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DER BALLETT-TÄNZER: Bill Tilden, dominierender Spieler der 20er-Jahre und dreifacher Wimbledon-Sieger, hielt sich mit seiner eigenwilligen Technik an die ­damaligen Regeln. Ein Fuß musste nämlich beim Aufschlag auf dem Boden bleiben.

Pancho Gonzales (1957)

Arthur Ashe (1969)

DER PIONIER: Als einer der ersten Profis überhaupt nutzte Arthur Ashe in den 60er-Jahren eine Regeländerung, die es den Spielern erlaubte, beim Aufschlag mit beiden Füßen abzuspringen. Der „Jump-Serve“ wurde geboren.

Roscoe Tanner (1975)

ERSTER HOCHGESCHWINDIGKEITSEXPERTE: Roscoe Tanner schlug in den 70er-Jahren regelmäßig mit mehr als 240 Stundenkilometern auf. Er gewann die Australian Open 1977 und stand 1979 im Finale von Wimbledon.

Boris Becker (1985)

DER JUNGSPUND: Als ­Boris ­Becker mit 17 ­Jahren in ­Wimbledon gewann, ­wurde ­seine größte Stärke ­offensichtlich. Der Bombenaufschlag und sein Offensivspiel brachten ihm den Spitznamen „Bumm Bumm Boris“ ein.

Pete Sampras (1994)

DER HARDHITTER: Die ­Kombination aus Speed und Spin machte den Aufschlag von Pete Sampras in den 90er-Jahren zum gefährlichsten Schlag im Herrentennis.

John Isner (2019)

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DER HAMMER: Aufschläge von John Isner sind wie eine Naturgewalt. Der 2,08 Meter lange US-Profi hat seine Technik perfekt an seine Körpergröße angepasst.