2018 Australian Open – Day 10

Wie Wim Fissette Kerber zurück an die Weltspitze gebracht hat

Seit Wim Fissette Ende 2017 den Trainerjob an der Seite von Angelique Kerber übernommen hat, ging es es mit ihrem Tennis und den Ergebnissen wieder bergauf. Das Wimbledon-Finale ist der vorläufige Höhepunkt der Zusammenarbeit. Doch wer ist der Belgier, der schon mehrere Stars beflügelt hat?

von Jannik Schneider und Frederik von Gerlach

Nach dem Traumjahr 2016 mit zwei Grand Slam Titeln bei den Australian Open und den US Open sowie dem Sprung auf Platz eins der Weltrangliste folgte für Angelique Kerber ein enttäuschendes Jahr 2017. In Australien und in Wimbledon schied Kerber im Achtelfinale aus, bei den French Open und den US Open war sogar schon in der ersten Runde Endstation.  Im gesamten Kalenderjahr gewann sie nur 29 Matches. Diesen Wert hat sie vor dem Wimbledon-Finale 2018 bereits torperdiert (38 vor dem Finale).

Kerbers Spiel war oft zu passiv und sie verlor zunehmend an Selbstvertrauen. Diesen Abwärtstrend wusste auch ihr langjähriger Erfolgscoach Torben Beltz nicht mehr zu stoppen. Am Ende des Jahres fiel die Kielerin bis auf Position 21 der Weltrangliste zurück. Eine Veränderung musste her.

Im November 2017 wurde eine solche Veränderung eingeleitet – mit dem neuen Coach Wim Fissette. Seitdem der 38-jährige Belgier an Kerbers Seite steht, kletterte sie in der Weltrangliste dank konstanteren Leistungen wieder kontinuierlich nach oben und zeigte auch bei den Grand Slam Turnieren ihr altes Gesicht. Bei den Australian Open erreichte sie das Halbfinale, welches sie nach vergebenem Matchball nur knapp gegen die Weltranglistenerste Simona Halep verlor.

In Paris gelang ihr mit dem Viertelfinaleinzug bei den French Open ihr bisher bestes Resultat bei diesem Turnier. Kerber ist die einzige Akteurin, die 2018 bei jedem Slam die zweite Woche erreichte. Mittlerweile ist sie wieder an Weltranglistenposition zehn gesetzt und greift am Samstag sogar nach dem Titel in Wimbledon. Besonders erwähnenswert: Kerber erreichte 2018 bei zehn von zwölf Turnierteilahmen mindestens das Viertelfinale

Doch wer ist Wim Fissette und wie hat er Kerber mit Konstanz zurück an die Weltspitze gebracht?

Wo Fissette ist, ist Erfolg

Als Tennisprofi erreichte Wim Fissette im August 1999 mit Rang 1291 seine höchste Platzierung in der Weltrangliste. Als Coach verlief seine Karriere wesentlich erfolgreicher. So betreute er bereits mehrere Spitzenspielerinnen. Seine Landsfrau Kim Clijsters führte Fissette bei deren Comeback zu drei Grand Slam Titeln. Weitere ehemalige Schüztlinge waren in der Folge Sabine Lisicki, Simona Halep, Victoria Azarenka, Sara Errani und Johanna Konta.

Auffallend dabei: Alle Spielerinnen steigerten ihre Leistungen unter ihm erheblich. Sobald die Zusammenarbeit mit Fissette endete, verschlechterten sich die Resultate wieder. So erreichte Fissette 2013 als Coach von Sabine Lisicki schon einmal das Wimbledon-Finale mit einem deutschen Schützling. Lisicki verlor das Endspiel gegen Marion Bartoli. Vor den darauffolgenden US Open trennte sich das Duo.

Fissette: Unstimmigkeiten mit Lisicki

Es hielten sich Gerüchte, nach denen Fissette von Lisicki eine härtere Trainingsmentalität einforderte, mit der sie nicht einverstanden war. Im tennis MAGAZIN-Interview erklärte Fissette Anfang 2018 allgemein: „Ich würde mich als schon sehr kritischen Coach bezeichnen. Aber ich versuche immer, meine Inhalte auf eine positive Art und Weise zu transportieren. Das ist gerade für eine Spielerin wie Angie sehr wichtig. Aber wenn sich eine Spielerin verbessern will, muss sie offen sein für Veränderungen und offen sein für den ein oder anderen Kritikpunkt. Wenn etwas nicht gut ist, kann ich es nicht schönreden. So verbessert sich niemand im professionellen Tennis. Da muss die Kommunikation deutlich sein. Am Ende ist mein Ziel, dass sich meine Spielerin selbstständig verbessern kann, wenn ein Schlag falsch abgelaufen ist. Das Ziel ist, dass sie mich eigentlich nicht mehr benötigt.“

Bild aus vergangenen Tagen. Lisicki und Fissette 2013.

Was bei Kerber zu funktionieren scheint, klappte mit Lisicki nicht mehr. Im Nachhinein steht fest: Lisickis Entscheidung von 2013 war nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Im letzten Jahr dann führte Fissette die Britin Johanna Konta bis ins Halbfinale von Wimbledon. Nach den US Open 2017 wurde die Zusammenarbeit beendet – seitdem kämpft Konta um ihre Form.

Die guten Resultate sind kein Zufall. Fissette verlangt seinen Schützlingen im Training einiges ab – manchen Spielerinnen war das zu viel.

Arbeit an der Fitness und am Aufschlag

Kerber scheut keine harte Arbeit. Mit Fissette sollte der Weg an die Weltspitze zurückerkämpft werden. So wurde der Fokus zunächst nur auf die Fitness gelegt. „In den ersten beiden Wochen haben wir nur eine Stunde am Tag Tennis gespielt“, verriet Fissette unserem Magazin. Eine erste sichtbare Veränderung in Kerbers Spiel unter Fissette war der verbesserte Aufschlag. Kerber veränderte ihre Aufschlagbewegung. Den linken Fuss zieht sie nun nicht mehr mit. „Der Impuls kam sogar eher von ihr (…) Anschliessend haben wir gemerkt, dass es dem Rhytmus guttut und nur noch Kleinigkeiten verändert“, sagte Fissette im selben Interview.

Vor dem Wimbledon-Turnier lehnte der Belgier Interviewanfragen ab. Er will im Hintergrund bleiben. Kerbers Erfolg spricht für sich.

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/