Australian Open – Melbourne

Neue Volksheldin in der Türkei: Zeynep Sönmez steht als Frau ihres Landes in der dritten Runde der Australian Open. Bild: IMAGO

Zeynep Sönmez: Die große Tennishoffnung der Türkei

Zeynep Sönmez erreicht als Türkin die dritte Runde der Australian Open. Ihre offensiv ausgerichtete Spielweise macht zu einem Hingucker im Damenfeld. 

Als Zeynep Sönmez sah, wie der Ball hinter der Grundlinie aufkam, schlug sie die Hände vors Gesicht und blickte ungläubig ins Publikum. Die Nummer 112 der Damen-Weltrangliste konnte ihr Glück kaum fassen. Nicht nur, weil sie damit in die dritte Runde der Australian Open 2026 einzog, sondern auch wegen der vielen Fans, die sie das ganze Spiel lautstark anfeuerten. Später sagte sie, dass sie sich während des Spiels dank der Unterstützung gefühlt habe wie bei einem Heimspiel. „Es war wirklich unglaublich. Ich bin so dankbar dafür. Ich habe mich auf dem Platz so wohlgefühlt“, sagte Sönmez.

Dass die 23-Jährige aus Istanbul beim ersten Grand Slam-Turnier des Jahres eine derartige Unterstützung erfährt, liegt zum einen an der großen türkischen Community in Melbourne. Etwa 18.000 Menschen mit türkischer Abstammung sollen in der Hauptstadt des australischen Bundesstaats Victoria leben. Zum anderen aber spielt Sönmez das aktuell beste Tennis ihres Lebens, das mitunter einfach mitreißend ist.

Nun ist die Türkei nicht als Tennisnation bekannt – trotz der vielen Sporthotels im Großraum Antalaya mit zum Teil mehreren Dutzend Tenniscourts, auf denen aber ausschließlich Touristen spielen. Allerdings: In den letzten Jahren wächst Tennis in der Türkei. Laut den Daten des Tennis-Weltverbandes ITF gab es 2021 noch knapp 70.000 Tennispieler und Tennisspielerinnen im ganzen Land, 2024 waren es schon 250.000. Aktuell gibt es etwa 700 Clubs mit mehr als 7.000 Tennisplätzen.

Zeynep Sönmez: Jetzt schlägt ihre Stunde

Çagla Büyükakçay war die erste Türkin, die in die Top 100 der Welt stand und es 2016 bis auf Platz 60 im WTA-Ranking schaffte. Bei den Männern gab es Marsel Ilhan, der bei allen vier Grand Slam-Turnieren jeweils die zweite Runde erreichte. Er war der erste Türke in den Top 100. Und ein Held zu Hause. Jetzt aber schlägt die Stunde von Zeynep Sönmez.

Sie wurde am 30. April 2002 geboren und kam 2023 auf die Profitour, wo sie bereits einige Erfolge feiern konnte. Sie gewann vier ITF-Titel bei den Damen und holte 2024 auch ihren ersten WTA-Titel bei den Mérida Open in Mexiko mit einem 6:2, 6:1-Finalsieg gegen Ann Li. Durch diesen Erfolg wurde sie die zweite Türkin nach Çagla Büyükakçay, die ein WTA-Turnier gewinnen konnte.

Ihr größter Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier war bisher der Einzug in die dritte Runde von Wimbledon 2025. Damit wurde sie die erste türkische Spielerin in der Open Era, die bei einem Major-Turnier so weit kam. Solche Erfolge sind für sie möglich aufgrund ihres aggressiven Spielstils, ihres starken Netzspiels und weil sie mental stabil ist und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Zeynep Sönmez: Lieber Tennis statt Basketball

Sönmez wurde in Istanbul geboren und wuchs dort mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf. Die 23-Jährige begann mit sechs Jahren mit dem Tennis. „Ich war in einem Sommercamp, habe Basketball gespielt und bin geschwommen. Aber ich bin immer zum Tennis gegangen. Mein erster Trainer hat dann zu meinen Eltern gesagt: ‚Wenn sie Tennis spielen will, lasst sie Tennis spielen!'“ Sie sagte einmal: „Ich hasste Basketball so sehr, dass ich weglief und zu den Tennisplätzen ging.“

Auch wenn ihre Eltern anfangs wollten, dass sie andere Sportarten ausprobieren soll, blieb sie beim Tennis. Mit nur acht Jahren gewann sie ihr erstes Turnier und langsam wurde klar: Das Mädchen hat Talent. Ihren Wunsch, Profi zu werden, entwickelte sie, als sie Ballmädchen beim WTA-Turnier in Istanbul, wo sie miterlebte, wie ihr Vorbild Çağla Büyükakçay den Titel gewann. „Das war sehr emotional. Es inspirierte mich und alle anderen türkischen Spielerinnen“, erinnert sich Sönmez.

Ihr Stärke, das Netzspiel, hat sie erst in den letzten Jahren entwickelt. „Ich habe viel daran gearbeitet, ans Netz zu stürmen, um mit feinem Touch beim Volley oder mit starken Überkopfbällen zu punkten“, erklärt sie. Mit dieser Spielweise sticht sie auf der Damentour natürlich hervor. Nur wenige anderen Damen haben einen so offensichtlichen Offensivdrang.

Zu ihrer Geschichte gehört auch ein Dopingfall: 2017 wurde sie für ein Jahr gesperrt. Es war ein mysteriöser Fall, weil sie erst 15 Jahr alt war. Sie litt damals unter Schlafstörungen und ein Arzt hatte ihr das Mittel Modafinil verschrieben. Das aber steht auf der Dopingliste. Von diesem Rückschlag ließ sie sich aber nicht entmutigen und ging weiter ihren Weg. 2023 qualifizierte sie sich für ihr erstes WTA-Hauptfeld.

Zeynep Sönmez: Sieg gegen Deutschland

Inzwischen ist Sönmez im türkischen Tennis selbst zum Vorbild geworden. Wie stark sie inzwischen spielt, bekam 2025 auch das deutsche Billie Jean King Cup-Team zu spüren, das sie im Alleingang bezwang. Sönmez schlug erst ihre gute Freundin Eva Lys („Wir sprechen fast jeden Tag. Es ist toll, Freunde auf der Tour zu haben, wir sind sonst das ganze Jahr Gegner“) und war im entscheidenden Doppel die beste Spielerin auf dem Court. Zusammen mit Ayla Aksu gewann sie gegen Friedsam/Niemeier.

Mit ihrem neuen Trainer Issam Jellali, mit dem sie seit November 2025 zusammenarbeitet, will sie zurück in die Top 100 kommen, was ihr durch die zwei Siege in Melbourne schon gelungen ist. In Melbourne verriet sie zudem: „Um ehrlich zu sein, ist es ein Traum, mal einen Grand Slam zu gewinnen, aber ich fokussiere mich nicht darauf. Ich möchte es genießen, auf dem Platz zu stehen und bei den Grand Slams zu spielen.“

Am Freitag hat sie dafür ihre nächste Gelegenheit, wenn sie gegen die Kasachin Yulia Putintseva zu ihrem Drittrunden-Match bei den Australian Open 2026 antreten muss (2. Match nach 1 Uhr deutscher Zeit in der Kia-Arena). Feststeht: Laute „Türkiye, Türkiye“-Rufe werden erklingen  und jede Menge roten Fahnen werden geschwenkt.